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E.
(Leseprobe aus: E., Roman, 2006, Ammann
- Übertragung Lisa Grüneisen)
Ich habe also keinen Vater.
Und vielleicht auch keine Mutter.
Vielleicht ist dies nicht einmal meine Geschichte.
Dies ist eine Geschichte über die Zeit. Diese Geschichte ist Teil der
Geschichte von Trigorin Gajew, und deshalb ist sie Teil meiner Geschichte,
meiner Lebensgeschichte, wenn mein Leben ein anderes gewesen wäre, oder
vielleicht ist sie genau deshalb Teil meiner Geschichte, weil mein Leben das
ist, das es ist, und kein anderes.
Wer könnte etwas daran ändern?
Wer kann verhindern, daß es heute regnet und der Wind weht?
Nun, wenn ich nicht Trigorin Gajew bin, werde ich wohl jemand anders sein.
Die Zeit wird kommen.
Ich überlege mir Namen von Protagonisten.
Ich habe keine Ahnung von Musik.
Ich hasse sie: Sätze, Sinfonien, Quartette, Fugen...
Nein.
Und nochmals nein.
Kammerkonzerte, Konzerte für Violine und Orchester, Sonaten...
Nein.
Mendelssohn, Brahms, Beethoven, Gajew, E...
Nein.
Ich ertrage es nicht.
Das einzige, was mir Spaß macht, ist fernsehen!
Kultursendungen... mit Hostessen im Tanga!
Um Protagonist zu sein, muß man einen repräsentativen Namen haben.
Um der Held einer verworrenen Geschichte zu sein...
Ich werde E sein müssen.
Wer?
Ich werde der sein müssen, der ich bin, auch wenn es mir schwerfällt.
E hat keine Ahnung von gar nichts.
Na, wunderbar!
E, das bin ich, also kann ich so nicht weitermachen. Jeder hat etwas zu
erzählen über den, der ich bin und der ich aufhöre zu sein. Jeder, nur ich
nicht.
Ich habe Hunger.
Ich weiß weder, wer ich bin, noch wer ich aufhöre zu sein.
Wenn ich nicht weiß, wer ich bin, kann ich auch Trigorin Gajew sein.
Wenn ich Trigorin Gajew bin, kann mein Vater tot sein.
Er fiel nach hinten, als er einen schwierigen Sprung versuchte...
Und blieb auf dem Eis liegen...
Oder ich kann in eine Geschichte geraten, die nicht meine ist.
Man kann mich mit E verwechseln. Und mir fallen bessere Verwechslungen ein, wenn
auch ... schlimmere Geschichten.
Dies ist nicht meine Geschichte.
Ich bestreite, daß es so ist.
Ich bestreite, daß es regnet.
Ich bestreite, daß es stürmt.
Nie und nimmer!
Die Liebe ist eine verführerische Vorstellung, wie vier Millionen Sirenen, die
dich locken: komm ... Ich bin darauf hereingefallen.
Vergangenes Frühjahr, in der Woche, als meine Mutter starb, gestand mir mein
Vater, daß er sie über fünfzehn Jahre betrogen hatte.
Ach so, nur fünfzehn Jahre...
Damals verlor ich auch meinen Vater.
Lieber hätte ich ihn tot gesehen.
Es ist eine Frage der Präferenzen. Man muß sich entscheiden im Leben!
Dieser Mann mit der Hornbrille, der nach Hause kam und meine Mutter küßte.
Damals fragte ich mich, warum er nicht den Mut gehabt hatte, sich von meiner
Mutter zu trennen und mit der anderen Frau zu leben. Weshalb er uns alle mehr
als fünfzehn Jahre hintergangen hatte.
Heute frage ich mich nichts mehr. Heute kommt mein Vater hin und wieder mit der
anderen Frau bei mir vorbei. Und ich frage mich nichts mehr.
Meine Schwester Sofie und ich haben meine Eltern geliebt.
Meine Eltern haben sich geliebt.
Und das ist das Problem.
Haben sich meine Eltern nicht geliebt und nur so getan als ob? Meine Mutter hat
meinen Vater geliebt, aber mein Vater hat nur so getan, als ob er meine Mutter
liebte.
Ist es so? Ist es das? Ist es so einfach?
Als mein Vater es meiner Schwester und mir im vergangenen Frühling sagte,
nachdem meine Mutter nach einer Serie schmerzhafter Operationen, die doch nichts
gegen ihre Krankheit hatten ausrichten können, gestorben war, war es, als
hätte er unversehens einen riesigen Abfallkübel über unserer Vergangenheit
entleert. Mit einemmal nahm er uns die Vergangenheit, und all jene glücklichen
Erinnerungen, die wir in unserem Gedächtnis bewahrten, wurden zu einer
schmerzlichen Lüge. Erinnerungen an die Familie am Strand, mein Vater, wie er
meine Mutter am Strand küßte, dann alle zusammen im Auto, Picknicks,
Ballspielen, und dann das Abendessen irgendwo in den Bergen, und dann mein
Vater, wie er uns Märchen erzählte und uns bei den Hausaufgaben half und
meiner Mutter während ihrer Krankheit beistand...
Dabei wollte er vermutlich nur, daß sie endlich starb.
So viele Bilder und Erinnerungen an den Winter, meine Mutter, die meinen Vater
umarmte, während sie dabei zusahen, wie meine Schwester und ich einen
Schneemann bauten, und alles war eine Lüge.
Erinnerungen an all jene Küsse, die meine Eltern sich gaben, und dann stelle
ich mir vor, wie mein Vater mit der anderen ins Bett geht und sie bittet, kein
Parfüm zu benutzen, damit meine Mutter nichts merkt...
Bitte benutz kein Parfüm, du weißt ja...
Ja doch, mach dir keine Sorgen, wir alle wissen ja.
Diesen Film kennen wir schon...
Meine Mutter starb, ohne davon zu erfahren, und falls sie es doch wußte, sagte
sie es niemandem, schon gar nicht meinem Vater oder meiner Schwester oder mir.
Ohne zu wissen, daß ihr geliebter Ehemann sie tagein, tagaus gegen eine
Rothaarige mit dicken Titten austauschte.
Es war glimpflich abgegangen!
Für meinen Vater.
Ich hätte es genauso gemacht!
Gleichzeitig erfuhren wir von dem Mann mit der Hornbrille, daß wir noch zwei
Schwestern hatten, die aus seinen Affären hervorgegangen waren.
Claire!
Britta!
Ich fragte meinen Vater: »Woher willst du wissen, daß sie von dir sind?«
Mein Vater konnte mir nicht in die Augen sehen und antwortete: »Das weiß man
nie, aber ich glaube es.«
Plötzlich war meine Mutter tot, und genauso plötzlich hatte man mir meine
Vergangenheit genommen, meine Kindheit, meine Jugend, alles hatte mir die Lüge
genommen.
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