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Hintergrundwissen eines Klavierstimmers
(Leseprobe aus: Hintergrundwissen eines
Klavierstimmers, Roman, 2007, Schöffling&Co.)
Der Schweiß lief kalt von Elzbietas Kopfhaut über
ihre Schläfen und in ihren Nacken und dann in kleinen zähen Rinnsalen den Rücken
und zwischen den Brüsten hinunter. Das Haar hing ihr wirr in verfilzten Strähnen
herunter und klebte in feuchten Nestern an ihrer Stirn.
Ihr war, als wolle das Kind nicht hinaus aus ihrem Leib in diese Welt, als sträube
es sich, den schützenden Mutterleib zu verlassen. Was sollte es auch in dieser
Familie, unter diesen Umständen, mit dieser Mutter und diesem Vater, der zu
schweigen begonnen und im Stadthaus
zu leben beschlossen hatte?
Zwei Tage und Nächte verbrachte sie nun schon im Zustand zwischen
Bewusstlosigkeit und maßlosem Schmerz. Selbst die alte Malwina zeigte langsam
Unruhe. Ließ Elzbieta eine Wehe – sich selbst dabei hin und her wiegend –
einfach über sich rollen, so schlug die Alte ihr kräftig auf die Hinterbacken
und schrie sie an, sie solle mit dem Geburtsschmerz arbeiten und ihn nicht nur
über sich ergehen lassen wie eine Erstgebärende, die noch dazu schwindsüchtig
sei.
Aber Elzbieta hatte keine Kraft mehr, nicht einmal zu schreien vermochte sie
noch, wenn das Ziehen im Unterleib übermächtig wurde. Sie wollte nicht mehr;
ertrug die Schmerzen nicht mehr, konnte das Keifen der Alten nicht mehr hören
und wollte nicht noch ein weiteres Mittel zum Vorangang der Geburt versuchen.
Sie hatte genug von Treppensteigen, Einläufen, Kräutersud und Rizinusöl.
Nicht einmal das Kind wollte sie mehr haben, nein, dieses sowieso nicht.
Hatte man ihr nicht gesagt, die folgenden Geburten würden einfacher verlaufen
als die erste? Hatte die Hebamme nicht hinter vorgehaltener Hand von einer
Weitung des Geburtskanals gesprochen, was auch immer das sein mochte? Selbst
ihre Mutter hatte behauptet, je mehr Kinder eine Frau bekomme, desto leichter
gebäre sie, schließlich habe sie selbst genügend geboren, um Bescheid zu
wissen. Dass Gott der Allmächtige ihr bis auf die jüngste Tochter die Kinder
wieder genommen habe, sei letztendlich schmerzlicher als alle Geburtsschmerzen
zusammen. Und hatte sie, Elzbieta, nicht zu guter Letzt auf dem Krakauer
Hauptmarkt, dem Rynek Glowny, unfreiwillig ein Gespräch zwischen zwei
heruntergekommenen Marktfrauen mit angehört, die sich nicht einmal geschämt
hatten, als die eine von nur so durchrutschen gesprochen hatte? Rau, kratzig und
stinkend war das Gelächter der beiden zwischen ihren braunen Zahnstummeln
hervorgekrochen.
Verächtlich dachte Elzbieta an all diese verlogenen Aussagen, sie schnaubte
grimmig, was nicht an einer weiteren Wehe lag.
Die Geburt von Katarzyna war schlimm gewesen, viel schlimmer als alles, was
Elzbieta sich vorher an Schmerzen und Demütigung hatte vorstellen können. Zwölf
Stunden hatte sie damals in den Wehen gelegen, Agnieszka war dabei gewesen und
die alte Malwina, die auch jetzt wieder ihre Hebamme war. Nie würde sie die
Scham vergessen, die sie empfunden hatte, als die Alte ihr zwischen die Beine
gefasst, ihre knotigen Finger in sie hineingeschoben und dort zu Elzbietas größtem
Schrecken herumgewühlt hatte.
Ihr Gesicht hatte gebrannt, heiß, sie hatte spüren können, wie sie tiefrot
geworden war und ihre Wangen glühten. Zum Glück hatte Agnieszka sich während
der erniedrigenden Prozedur vom Bett abgewandt und das auf dem Toilettentisch
ausgebreitete Geburtsbesteck begutachtet. Elzbieta hätte es nicht ertragen, in
dieser schamvollen Situation auch noch von jemand Drittem angesehen zu werden.
Später, als die Schmerzen sich zur Unerträglichkeit steigerten, hatte sie sich
so sehr vergessen, dass sie ihre Schreie mit jedem neuen Ziehen im Unterleib
ohne Rücksicht auf ihr Ansehen durch das Haus gellen ließ.
Während die Hebamme erneut ihr Inneres betastete und dabei keine Rücksicht auf
die gerade anrollende Wehe genommen hatte, war Elzbieta die Kontrolle über sich
so weit verloren gegangen, dass sie die Alte geifernd mit Ausdrücken bespuckte,
die sie vorher nicht einmal zu denken gewagt hätte.
Als Karol im Nebenzimmer seine junge und anmutige Frau derbe fluchen hörte und
sie nicht einmal vor obszönen Ausdrücken haltmachte, war es ihm endgültig zu
viel geworden. Er hatte den heimatlichen ›dvor‹ mit den Schmerzensschreien
verlassen, um nebenan mit seinem Freund Anton einige Flaschen Selbstgebrannten
zu leeren und sich in dieser schwierigen Lebenssituation
Trost spenden zu lassen. In sein Haus war er erst wieder zurückgekehrt, als ihn
einer der Burschen holte, seine Erstgeborene zu begutachten. Aufgrund von Karols
Zustand hatte der Junge ihn das Stück Weg durch den Wald stützen und die
Treppe hinaufschieben müssen.
Noch beim Aufwachen am nächsten Morgen hatte Karol geglaubt, die alte Malwina
habe ihm zwei identische rotgesichtige Winzlinge mit schwarzem Haarbusch präsentiert,
weshalb ihm Elzbietas Schmerzen im Nachhinein verständlicher erschienen waren.
Daran, dass er über die Emailleschüssel mit der Nachgeburt gestolpert, die
Hebamme mit dem frisch geborenen Säugling
im Arm dabei fast mitgerissen und schließlich in voller Bekleidung mehr neben
als auf der Ottomane eingeschlafen war, hatte er sich nicht mehr erinnern können.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Schöffling