Andrea Sailer

Augenblicke
(aus: Saisonabschluß, Texte, 1998, Leykam)

Es sind Augenblicke, immer nur Augenblicke
Die alles entscheiden, alles bedeuten, alles verändern
Oder jede Veränderung unmöglich machen
Sekundenbruchteile, in denen alles geschieht
Alles, oder nichts, das macht keinen Unterschied
Es sind Augenblicke, die am Ende eines ganzen Leben
ausmachen
Auf die man zulebte, oder denen man zu entkommen
sucht
Immer nur Augenblicke, nie mehr
Augenblicke, die die Welt bedeuten können
Und die zugleichso gänzlich ohne Bedeutung sind für
die Welt
Der Augenblick
In dem der Arzt nur ein einziges Wort sagt
‘Bösartig’
Oder das Gegenteil
Der Augenblick
In dem ein Uniformierter vor der Tür steht
Und die Nachricht vom Unfall überbringt
In einem einzigen knappen Satz
Der Augenblick
In dem man sich dem Himmel verspricht oder die Hölle
verschreibt
Vor dem Altar
‘Ja, ich will’
Der Augenblick
In dem zwischen zwei Menschen die Entscheidung fällt
‘Es ist aus’
Der Augenblick
In dem man kurzfristig Kopf und Kontrolle verliert
Und dann der nächste Augenblick
In dem man auf den Teststreifen schaut
POSITIV
Und für den Rest seines Lebens ein Kind hat
Das man liebt über alle Maßen; oder mißhandelt und
mißbraucht
Der Augenblick
In dem man sich zum ersten Mal begegnet
Oder für immer trennt
Der Augenblick auch
In dem man an der Autobahnraststätte vorbeikommt
Und den süßen kleinen Hund
Der inzwischen groß und anstrengend geworden ist
Seinem Schicksal überläßt
Der Augenblick
In dem man in der Klinik die Augen öffnet
Und plötzlich nicht mehr sehen kann
Der Augenblick
In dem man aus dem Koma erwacht
Und nie mehr gehen können wird
Der Augenblick
In dem man aus der Narkose erwacht
Und lebt, einfach lebt, noch immer, oder wieder, einfach
lebt!
Der Augenblick
In dem man das Geschenkpapier zerfetzt
Und enttäuscht ist, oder überglücklich
Der Augenblick
In dem man das Schularbeitenheft öffnet
Und nicht damit gerechnet hat, oder vielleicht doch
Und dann der Augenblick
In dem man den Lauf einer geklauten Pistole ans Kinn
setzt
Und abdrückt
Oder mit der Schlinge um den Hals von der Kiste steigt
Der Augenblick
In dem man zum ersten Mal eine Hand spürt, die die
eigene hält
Der Augenblick
In dem man zum letzten Mal umschaut
Der Augenblick
In dem man die eine, gewisse Geste unterläßt
Oder das einzig falsche Wort ausspricht
Der Augenblick
In dem alles beginnt oder alles endet
Nichts, das im Leben wichtig ist, dauert länger als einen
Augenblick
Das Leben
Das ist der Augenblick
In dem die Ohrfeige das Gesicht berührt
Das Kind kommt
Der Aufprall die Lungenflügel zerfetzt
Der Eisenzaun die Halsschlagader durchbohrt
Der Schlachtschußapparat in Betrieb genommen wird
Die Fliegenklatsche niedersaust
Der Jäger das Wild trifft
Die Nadel die Überdosis injiziert
Die Leiter plötzlich nachgibt
Die Jungfräulichkeit durchstoßen wird
Der Radfahrer das Handzeichen vergißt
Der Autolenker den Fußgänger übersieht
Der Airbag versagt
Die Männlichkeit versagt
Die Lippen aufeinandertreffen
Der erste Wunsch in Erfüllung geht
Die letzte Hoffnung stirbt
Der erste Zahn durchbricht
Der letzte Zahn gezogen wird
Die Unterschrift für gültig erklärt wird
Das Urteil rechtskräftig wird
Und der Augenblick
In dem man Tränen nicht mehr zurückhalten kann
Oder in dem man auf einmal lächelt
Und für die einen ist es die Hand Gottes
Für die anderen die des Teufels
Und für manche ist es die eigene Hand
Die diese Handvoll Augenblick hält
Das Leben ist eine Kette von Augenblicke
Die manchmal wie Perlen schimmern
Und manchmal zu billigem Talmi vergilben
Und nur noch enttäuschend sind
Es ist eine Summe von Momentaufnahmen
und Wimpernschlägen
Das Leben
Ist ein Augenblick
Und zwischen dem ersten ‘Ich liebe dich’
Und dem letzten ‘Der Tumor ist inoperabel’ liegt
- nichts

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