Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch von Rüdiger Safranski, 2003, Hanser

Rüdiger Safranski

Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch
(Leseprobe aus: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch, 2003, Hanser)

Der Globalismus ist ein Symptom der Überforderung. Die Globalisierung hält offenbar kein Mensch aus, darum die Einmauerung in Ideologien (Neoliberalismus, Multikulturalismus usw.) und die Flucht in Untergangs- und Rettungsphantasien. Natürlich gibt es auch einen nüchternen, politisch versierten, vom Gerechtigkeitsgefühl geleiteten praktischen Umgang mit den Problemen der Globalisierung. Die Globalisierungskritiker von "Attac" zum Beispiel schwelgen nicht in Weltuntergangsszenarien, sondern lassen Analysen zirkulieren, decken Widersprüche und Skandale auf, und regen zu pragmatischen Widerstandsaktionen an. Auch in den Machtapparaten der offiziellen Politik gibt es Symptome des Umdenkens. Gleichwohl oder gerade deshalb gilt: das Globale ist zur Arena der Ökonomie, der Medien, der Politik, der Strategien und Gegenstrategien geworden. Es ist nicht mehr jenes Ganze der Theologie, der Metaphysik, des Universalismus und des Kosmopolitismus; es ist ein Ganzes, das zum Gegenstand ökonomischer, technischer, politischer Bearbeitung geworden ist.

Daher das eigenartige Gefühl der Schrumpfung im globalen Maßstab. Alles kommt einem irgendwie vertraut vor, auch die schlechten Nachrichten. Aus allen Weltgegenden tönen die globalen Imperative. Mit jeder Information wird das Gefühl der Ohmacht gleich mitgeliefert. Globalität erscheint als Systemzusammenhang, so gewaltig und letztlich subjektlos funktionierend, daß es fast schon obszön wirkt, an die Bedeutung des Individuums zu erinnern.

Doch das muß man, man muß einmal die Bühne drehen und sich klar machen, daß nicht nur der Kopf in der Welt sondern auch die Welt in unserem Kopf ist. Gewiß, das Individuum ist nichts ohne das Ganze, zu dem es gehört. Aber es gilt auch das Umgekehrte: dieses Ganze gäbe es gar nicht, wenn es sich nicht in unseren Köpfen, in jedermanns Kopf, spiegelte. Jedes Individuum ist die Bühne, wo die Welt ihren Auftritt hat, wo sie zur Erscheinung kommen kann. Die Welt wird bedeutungsreich oder öde sein, je nachdem ob das Individuum hell oder stumpf ist. Globalisierung gestalten, bleibt deshalb eine Aufgabe, die sich nur bewältigen läßt, wenn darüber nicht die andere große Aufgabe versäumt wird: das Individuum, sich selbst, zu gestalten.

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