Ermittlungen von Juan José Saer, 2005, DuMont

Juan José Saer

Ermittlungen
(Leseprobe aus: Ermittlungen, Roman, 2005, DuMont - Übertragung Hanna Grzimek).

Dort drüben hingegen wird es im Dezember früh Nacht. Morvan wußte das. Und aufgrund seines Temperaments und vielleicht auch seines Berufs forschte er mit Unruhe vom dritten Stock der Sonderdienststelle am Boulevard Voltaire, fast unmittelbar nachdem er vom Mittagessen zurückgekehrt war, nach den ersten Anzeichen der Nacht, suchte nach ihnen durch die vereisten Fensterscheiben und die Äste der Platanen, die blank und kahl waren, entgegen dem Versprechen der Götter, daß die Platanen niemals die Blätter verlören, denn es geschah unter einer Platane, als einst auf Kreta jener unerträglich weiße Stier mit den halbmondförmigen Hörnern die verängstigte Nymphe von einem Strand in Tyros oder Sidon - das spielt hierbei keine Rolle - entführt hatte und sie, wie man weiß, vergewaltigte.
Morvan wußte das. Und er wußte auch, daß es bei Einbruch der Dunkelheit geschah, dann, wenn die uralte, abgenutzte Schlammkugel, die sich eisern immer weiterdrehte, den Punkt verlagerte, auf welchem sie, er und jener Ort genannt Paris, sich bewegten, diesen von der Sonne entfernte und seiner eitlen Helligkeit beraubte, er wußte, daß es gewöhnlich um diese Zeit geschah, daß jener Schatten, den er seit neun Monaten verfolgte und der so nah und unerreichbar war wie sein eigener Schatten, aus seiner staubigen Dachkammer trat, um zuzuschlagen. Und dies hatte er schon - haltet euch fest – siebenundzwanzigmal getan.
Die Leute dort leben länger als an irgendeinem anderen Ort auf diesem Planeten, man lebt, wenn man Franzose oder Deutscher ist, länger als ein Afrikaner, und, wenn man Franzose ist, lebt man scheinbar länger, wenn man Stadtmensch ist, als ein Bauer zum Beispiel, und wenn man aus der Stadt ist - immer statistisch gesehen - lebt man viel länger, wenn man Pariser ist, als wenn man aus irgendeiner anderen Stadt kommt, und wenn man Pariser ist, lebt man viel länger, wenn man eine Frau ist, als wenn man ein Mann ist - und etwas Wahres muß an all dem dran sein, denn in Paris gibt es alte Damen in Fülle, adlige, bürgerliche, kleinbürgerliche oder proletarische, verhärmte alte Jungfern oder ungebundene Frauen, die darüber immer älter wurden, daß sie sich hüteten, ihre stolze Unabhängigkeit zu verlieren, Witwen von Notaren oder Ärzten, Kaufleuten oder Untergrundbahnschaffnern, ehemalige Marktweiber oder Zeichen- und Gesangslehrerinnen, Romanschriftstellerinnen in der Blüte ihres Schaffens, eingewanderte Russinnen oder Kalifornierinnen, alte Jüdinnen, welche die Deportationen überlebt haben, und sogar alte Cocottes, die von einem Zensor, strenger als die guten Sitten, gezwungen wurden, sich zur Ruhe zu setzen: ich meine die Zeit. Jeden Morgen sieht sie das Tageslicht wieder herauskommen, je nach Rang aufgetakelt oder fast in Lumpen, wie sie die bunten Regale der Supermärkte skeptisch in Augenschein nehmen, oder wie sie bei schönem Wetter auf den dunkelgrünen Bänken der Plätze und Alleen sitzen, allein und steif aufgerichtet oder in angeregtem Gespräch mit irgendeinem anderen Exemplar ihrer Spezies, oder wie sie in bereits auf Postkarten verewigter Haltung Brotkrumen an Tauben verfüttern; im Frühling kann man sie des Morgens im Hauskleid ausmachen, wie sie den Oberkörper in die Leere geneigt, mit Hingabe am Fenster eines fünften oder sechsten Stockwerks blühende Geranien gießen. Im Innern der Häuser sieht man sie die Treppen hinauf- oder hinabsteigen, langsam und bedacht, eine Einkaufstasche oder einen trotteligen, etwas lächerlichen nervösen kleinen Köter im Arm tragend, über den sie sich dann manchmal mit irgendeinem Nachbarn unterhalten und dabei eine psychoanalytische Terminologie gebrauchen, die kein Psychologe auf ein menschliches Wesen anzuwenden wagte. Wenn sie zu alt sind, läßt sie das Altenheim oder der Tod verschwinden, jedoch ohne daß ihre Zahl abnähme, denn neue Jahrgänge von Witwen, Geschiedenen und Alleinstehenden füllen, ahnungslos oder resigniert- nach jenem unwirklichen und allzulangen Zeitraum, den man das aktive Leben nennt, und nachdem sie bereits alle Verwandten und Bekannten beerdigt haben -, die Lücken.
Der hartnäckige Wille zu überdauern, noch unerklärlicher als das Aufeinandertreffen von Umständen, das die Welt in Bewegung und später dann sie - und uns - in die Welt setzte, läßt sie in ihren winzigen Wohnungen verharren, voll von Krimskrams und kleinen Täschchen, von vor dem zweiten Weltkrieg gestickten Tischdecken und verschlissenen Teppichen, Familienmobiliar und große Truhen, mit Heilmitteln angefüllten Arzneikästchen, Besteckgarnituren aus dem vergangenen Jahrhundert und vergilbten Photos an den Wänden und über dem Marmorbord der Kommoden. Einige von ihnen leben noch bei ihrer Familie, aber die Mehrzahl hat entweder niemanden mehr oder zieht es vor, allein zu leben. Die Statistiken - ich möchte, daß ihr von nun an wißt, daß es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt - haben außerdem gezeigt, daß im allgemeinen Frauen, egal welchen Alters, die Einsamkeit besser ertragen und unabhängiger sind als Männer. Tatsache ist, daß es unzählig viele sind, und obwohl die Statistiken auch, und natürlich auch im allgemeinen, zeigen, daß Reiche länger leben als Arme, vertreten sie alle sozialen Klassen, und wenn sich auch an ihrer Kleidung und der Gegend, in der sie wohnen, ihre Herkunft und ihr Milieu erkennen läßt, haben sie alle die ihrem Geschlecht und ihrem Alter eigenen gemeinsamen Merkmale: den bedächtigen Schritt, die faltigen Hände voll dunkler Maserungen, den leicht arthritischen Stolz der Bewegungen, die sichtliche Schwermut der unbegreiflichen letzten Tage, die schwerfälligen Organe und die unentschiedenen, senilen Reflexe, ganz zu schweigen von den zahlreichen Operationen: Kaiserschnitte, Backenzahn- und Gallensteinextraktionen, Brustamputationen, Ausschabungen und Entfernungen von Zysten und Tumoren, oder von den rheumatischen Behinderungen, den neurologischen Beschwerden, der fortschreitenden Blindheit oder völligen Taubheit, von den Brüsten, die zusammenschrumpfen oder zerdrückt sind, dem Gesäß, das herunterhängt, und schließlich von der legendären Spalte, die nun buchstäblich nicht nur den Mann, sondern auch die Welt von sich stößt, jener rosaroten Kerbe, die vertrocknet, sich verschließt und einschläft.
Auch wenn die Nacht sie verschluckt, kommen sie, wie ich schon sagte, am Tag wieder hervor, und jene, die nicht von Hoffnungslosigkeit, Elend, verlorenen Illusionen oder Trauer verzehrt wurden, blühen am Vormittag auf mit ihren aus der Mode gekommenen Hütchen, ihren strengen Mänteln und ihren zurückhaltenden Pinselstrichen Schminke und tippeln im Gleichschritt neben ihren Hündchen einher, steigen fünf oder sechs Treppen hinab, um Katzen- oder Kanarienfutter zu kaufen oder eine Wochenzeitschrift mit dem kompletten Fernsehprogramm, oder vielleicht, und warum auch nicht, in ein Restaurant zu gehen, das sie dann am frühen Nachmittag wieder verlassen, um einen Bekannten im Krankenhaus zu besuchen, oder, was noch wahrscheinlicher ist, zum Friedhof zu gehen und das Grab eines Verwandten zu pflegen – dabei sind sie selbst schon fast nicht mehr Materie, sondern zu einer Art Symbol, Idee, Metapher oder Prinzip geworden.
Ganz gewiß sind sie eine Eigenheit dieser Stadt, ein Bestandteil des Lokalkolorits wie das Louvremuseum und der Triumphbogen oder die Malvengewächse auf den Fensterbänken, zu deren Erhalt sie, zugegeben, mit ihren Plastikgießkännchen und morgendlichen Wasserkrügen in jedem Fall mehr beitragen als jeder andere. Vielleicht ist es ja zur Belohnung für die Mühe, in ihrem so begehrten Unterkörper Mensch und Welt nicht nur zu bewahren, sondern sogar zu vermehren, oder rein zufällig, aufgrund einer aleatorischen Anordnung von Gewebe, Blut und Knorpel, sehr vielen von ihnen gegeben, ein bißchen länger als alle übrigen am Rande der Zeit fortzubestehen, den ruhigen Stellen in Flüssen gleich, an denen das Wasser bewegungslos und glatt scheint dank einer unsichtbaren Kraft, welche die Strömung horizontal aufhält, jedoch unerbittlich und vertikal zum Grund zieht.
Obwohl sie allem Anschein nach ganz harmlos sind, können sie einen durchaus reizen, und es ist vielleicht gerade das Bewußtsein ihrer eigenen Zerbrechlichkeit, das sie paradoxerweise unverwundbar werden läßt und ihren Meinungsäußerungen eine gewisse Unverfrorenheit verleiht; mitunter werden sie so zur führenden Stimme des Zeitalters, da sie die Hintergründe des Weltgeschehens mit ihren strengen Bemerkungen an der Tür zur Bäckerei, den soziologischen Analysen in den Teesalons, den prompten Kommentaren, die sie allein und mit lauter Stimme zu den Fernsehbildern machen, deutlicher erfassen als die Reden der sogenannten Politiker, Spezialisten der Geisteswissenschaften und Journalisten.
Die tägliche Unterhaltung zwischen einer Greisin und ihrem Kanarienvogel, während sie diesem den Käfig säubert, stellt vielleicht die einzig ernstzunehmende Debatte der modernen Zeit dar, nicht jene, die vor der Kamera ablaufen, vor Gericht oder an der Sorbonne: Während ihnen alles andere verloren ging, haben sie ein Privileg gewonnen, nämlich, daß sie nichts mehr zu verlieren haben, und so herrscht in ihrer Redeweise bedenkenlose Ehrlichkeit vor, die bisweilen nicht einmal in Worten zum Ausdruck kommt, sondern vielmehr durch Schweigen und bedeutsame Gesten, etwa durch ein keineswegs erklärliches Kopfschütteln, und durch Blicke, in denen Begeisterung und Verachtung nicht auseinanderzuhalten sind. Irgendetwas dazwischen, sei es gut oder schlecht, entweicht ihren runzeligen Lippen und ruft bei weniger selbstzufriedenen Gesprächspartnern Lachen, Erstaunen und sogar Empörung hervor. Aber wie wir wissen, leitet die Redensart „wie meine Großmutter schon sagte" immer irgendeine Ungereimtheit ein, über die wir schon im voraus lachen müssen, und in den Märchen und Volksliedern hadern alte Frauen vorzugsweise mit dem Teufel. Kleinen Kindern mag man damit Angst einjagen, für alle anderen besitzt die Boshaftigkeit alter Leute letzten Endes eine gewisse Komik, so wie ein Versprecher oder ein Anachronismus.
Sind sie damit auch freigesprochen von jedem Vergehen der Meinungsäußerung, lauern auf die alten Damen jedoch andere Gefahren. Im Dschungel der Städte bedingen - wie im wirklichen Dschungel - Wünsche und Ängste, Zwischenfälle und Bedürfnisse die Entfaltung der Arten, und jene ungezielten Hiebe, welche die schiefe oder gerade, schnelle oder langsame Ausdehnung der Dinge austeilt, treffen auch die alten Damen: Faustschläge von Drogensüchtigen, unkontrollierte Gewalt stümperhafter, bei ihrer nächtlichen Arbeit überraschter Diebe, Betrüger, die einen ins Gespräch verwickeln, und selbst Jugendliche, die auf den grauen Bürgersteigen dieser horizontlosen Stadt Rollschuhlaufen, hinterlassen ein Schlachtfeld von ausgeplünderten, blutverschmierten, wehklagenden alten Damen. Im Galopp der Welt bestimmt das Tempo bekannterweise nicht der Reiter, sondern das Pferd. Aber das war es nicht, was Morvan beschäftigte, als er an diesem Dezembernachmittag, fast unmittelbar nachdem er vom Mittagessen zurückgekehrt war, durch die kahlen Äste der Platanen den Einbruch der Nacht verfolgte.
Es war zwei oder drei Tage vor Weihnachten, also mitten im Winter, als Morvan gedankenversunken am Fenster stand. Der weiße Himmel, der dennoch kein Licht spendete, kündigte bekanntlich Schnee an. Zahlreiche Leute waren unterwegs. Mit Paketen, Tüten, Tannenzweigen und Kleinkindern beladene Frauen eilten über die weißen Streifen der Fußgängerüberwege rund um den Léon-Blum-Platz, von welchem Morvan von seinem Standort aus, so weit er sich auch zum Fenster hinreckte, nicht mehr als einen Ausschnitt sehen konnte; dabei kannte er ihn inzwischen in allen Einzelheiten auswendig, sooft hatte er ihn in den letzten Monaten überquert, seit die Kriminalpolizei entschieden hatte, die Sonderdienststelle einzurichten; er kannte die Kreuzung, die weniger die Form eines Sterns als die eines Asteriskus hatte, zwischen der Rue de la Roquette und des Boulevard Voltaire sowie der Rue Godefroy Cavaignac, der Rue Richard Lenoir und der Avenue Ledru Rollin mit der Avenue Parmentier, die an den einzelnen Ecken in den Platz mündeten. Von oben sah es aus, als ob die Supermärkte, Bars und Blumenläden, der Burger King an der einen Ecke, der kleine Platz mit dem Minikarussel an der Kreuzung zwischen der Avenue Ledru Rollin und dem westlichen Abschnitt der Rue de la Roquette, die Schuhgeschäfte, Pizzerien und Apotheken, die Gemüseläden und Grillrestaurants eine Art hellen, bunten Kranz für das triste Gebäude des Rathauses flochten, das auch der Leuchtschmuck, der anläßlich der Festtage an der Fassade angebracht worden war, nicht fröhlicher aussehen ließ. Durch die Scheiben hindurch und vom dritten Stock aus gesehen, und vor allem durch jene eigenartige Stimmung, die einem heftigen Schneefall vorausgeht, kam ihn das ein wenig gespenstische Kommen und Gehen der mit ihren Weihnachtseinkäufen beschäftigen Menschenmenge wie ein stummer Aufruhr an. Die bewegte, aber sanfte und ferne Szenerie mit den erleuchteten Geschäften, dem tristen Rathaus, den Autos, die an den Ampeln warteten oder im Schrittempo um die Ecke bogen, den beladenen, mit Wollkleidung umhüllten Menschen, den grauen Häuserfassaden und den Schieferdächern, den - entgegen dem Versprechen der Götter - kahlen Ästen der Platanen, dem weißen Himmel, der den Schneefall unmittelbar ankündigte: Das lebendige Bild, das sich da unten regte, für einige Sekunden dem logischen Zusammenhang enthoben, erhielt die klare und gleichzeitig seltsame Intensität einer Vision. Das große Treiben der Welt um ihn herum, deutlich und entfernt zugleich, weckte in ihm auf einmal das Gefühl, an einen undenkbaren Ort außerhalb der Dinge geworfen zu sein. Aber dieses plötzliche Gefühl verschwand sofort wieder, und während er dem Einbruch der Nacht auflauerte, wandte Morvan sich wieder seiner größten Sorge zu.
Er fühlte sich erbittert und klarsichtig, verwirrt und aufmerksam, müde und entschlossen zugleich. In zwanzig vorbildlichen Jahren bei der Polizei, sah sich Kommissar Morvan niemals mit einer solchen Situation konfrontiert: Er hatte besonders in den letzten Monaten begonnen, gegenüber dem Mann, den er suchte, eine Art Nähe und sogar Vertrautheit zu spüren, die ihn einerseits manchmal auf ganz unerklärliche Weise bedrückte, und andererseits gerade dazu antrieb weiterzusuchen. Dieses Gefühl hatte ganz objektive Ursachen, da der Bereich, in dem die Verbrechen begangen wurden, einen immer kleineren Radius um das Sonderkomissariat beschrieb, und diese Annäherung unterlag zweifellos einem bedeutsamen Faktor, wobei es schwierig zu beurteilen war, ob es sich um einen wiederholten Zufall handelte oder um eine bewußte Herausforderung, eine Art System, dem der Mörder folgte, eine in Zwanghaftigkeit verwandelte Laune, wie bei Zwängen, denen sich der Wahnsinn oder die Kunst unterordnen. Fest stand, daß der Mörder in den Monaten, seit die ersten Verbrechen begangen wurden, immer nur im zehnten und elften Arrondissement zugeschlagen hatte, und daß er sich in den letzten Monaten auf das elfte beschränkte, was die Einrichtung der Sonderdienststelle gegenüber dem Rathaus auf dem Boulevard Voltaire mit ihm, Morvan, als Ermittlungsleiter erklärte, doch diese zunehmende Nähe der Verbrechen zum Büro bereitete ihm wieder und wieder ein vorübergehendes beklemmendes Unbehagen, und was immer die Erklärung dafür war, System oder Zufall, zu Zwanghaftigkeit gewordene Laune oder kühne Provokation, es erschien ihm gleichermaßen beunruhigend.

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