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Ich bin Tschetschen
(Leseprobe aus:
Ich bin Tschetschene, 2009,
Ammann - Übertragung Franziska Zwerg).
8
Ich werde Ihnen von den Schwalben erzählen.
Im Kaukasus beginnt der Frühling zeitig. Im Februar schmilzt der Schnee, im März
blüht schon der Flieder. Er ist weiß und fliederfarben, wie könnte man diese
Farbe sonst nennen, die Farbe des Flieders? Ich erinnere mich, am 8. März blühte
immer schon der Flieder, wir gingen in die Schule, um unseren Lehrerinnen zum
Frauentag zu gratulieren, und hatten die Hände voller Flieder. Er wuchs am
Straßenrand, auf dem Zentralplatz und auch in den Höfen.
Mit Hilfe des Flieders konnte man vorhersagen, welche Punktzahlen man von den
Lehrern bekommen würde. Ein Großteil des Blütenstands hatte drei oder vier
winzige Kelchblätter, aber es gab auch Blütenstände mit fünf. Wir suchten alle
Zweige nach der höchsten Punktzahl ab.
Im April standen die Gärten bereits in Blüte, die Apfelbäume blühten, die
Birnen- und Sauerkirschbäume, und auch die Pfirsichbäume blühten in hellrosa
Farbe. Im Mai waren die ersten Süßkirschen reif.
Aber erst wenn die Schwalben geflogen kamen, gab es keinen Zweifel mehr: Morgen
wird Sommer.
Jedes Jahr kamen sie auf eigene Weise geflogen. Ich weiß nicht, wer ihnen die
genaue Wettervorhersage mit teilte, aber die Schwalben kamen immer einen Tag vor
Sommerbeginn. Niemand hat den Bäumen derartige Mitteilungen gemacht. Eilig
trieben sie zur Blüte, und es kam vor, daß späte Fröste die Blüten auf den
angefrorenen Boden niederwarfen. Aber die Schwalben kamen immer zum richtigen
Zeitpunkt.
Wir warteten auf sie, wir schauten aufmerksam zum Himmel, jeder wollte sie als
erster entdecken. Dann war der Tag endlich da, und der Glückliche lief nach
Hause, ausgelassen und fröhlich, als sei ein Wunder geschehen: Ich habe
Schwalben gesehen, die Schwalben sind da.
Es scheint, als könnten wir es nicht glauben, wir sind nie ganz sicher, ob sie
überhaupt geflogen kommen. Letztes Jahr waren sie da, vorletztes auch, vor drei
und vor vier Jahren sind sie dagewesen, aber vielleicht werden sie dieses Jahr
nicht kommen, und was machen wir dann? Was tun wir, wenn die Schwalben
fernbleiben?
Ich weiß nicht, wohin sie fliegen, vielleicht sollte man einen Ornithologen
fragen, obwohl man sich besser bei den Kindern erkundigen sollte, jedes Kind
weiß, wohin zum Herbstbeginn die Schwalben fliegen: Ist doch klar, sie fliegen
in ein sagenhaftes, warmes Land, dorthin, wo der Sommer überwintert. Und dann
kommen sie zurück und bringen den Sommer auf ihren anmutigen Flügeln, mit denen
sie die laue Luft zerteilen. Nein, der Sommer kommt erst einen Tag später,
vielleicht sind die Schwalben der Vortrupp oder eine Aufklärungsabteilung, sie
kommen als erste geflogen, dann morsen sie dem Sommer zwitschernd zu: Alles in
Ordnung, du kannst kommen. Und dann stößt der Sommer vor und erobert unsere
Dörfer, aber es ist eine Befreiungsarmee, und die Erde empfängt den Sommer mit
reifenden Früchten und leuchtenden Blumen auf grünen Wiesen.
Vielleicht überwintern sie in Syrien oder Afrika, so meinen die Ornithologen,
aber wissen die Ornithologen etwa, warum sie geflogen kommen? Warum sie für vier
kurze Monate das ferne, warme Land verlassen, um eilig ihre Nachkommenschaft bei
uns auszubrüten und wieder davonzufliegen? Warum bleiben sie nicht in ihrem
endlosen Sommer, was lockt sie her aus der klimatischen Emigration? Sie kommen
ganz einfach nach Hause, und darin liegt keine Logik, nur die Logik der Liebe,
und deswegen fragen wir uns jedes Jahr: Wann kommen die Schwalben? Oder kommen
sie vielleicht gar nicht? Wenn es keine Liebe mehr gibt, wenn die Heimat dort
ist, wo man es warm hat, dann werden sie fernbleiben. Dann brauchen auch wir
nicht mehr hier zu leben, dann muß sich jeder einen Ort suchen, an dem er es
warm hat.
Rezension I Buchbestellung I home IV10 LYRIKwelt © Ammann Verlag