Der Brief von Hamid Sadr, 2007

Hamid Sadr

Der Brief
(Leseprobe aus: Der Brief, Novelle, 2007)

Jemand sagt:
- Zwischen Notre Dame und dem Rathaus von hier
liegt eine Brücke, unter der die Seine hindurchfließt.
Im Ansturm von Mensch und Auto blicke ich
zurück, um zu sehen, wer da so laut persisch
spricht. Ein Mann mittleren Alters entfernt sich in
einem befleckten Regenmantel und mit einer
Plastiktragetasche in der Hand. Die Menge, die
sich um die Metrostation Saint-Michele
angesammelt hat, versperrt mir den Blick. Ich
behalte die wirren Haare im Auge und laufe ihm
nach. Um die Straße zu überqueren, warte ich
nicht auf Grün, weil ich Angst habe, ihn in der
Menge, die über die Brücke Richtung Kirche eilt,
zu verlieren. Die Straßen sind noch vom
Nachtregen nass, die Morgenbrise, die vom Fluss
her weht, verbreitet Pariser Frühstücksgeruch,
Brotduft und Frauenparfüm.
Er passiert die Grünanlage hinter der Kirche,
bleibt in der Mitte der kleinen Brücke, die Notre
Dame und die Île Saint-Louis miteinander
verbindet, stehen, starrt mit seinem abgemagerten,
beunruhigten Gesicht zum Wasser hin, und so,
wie er dort steht, sieht er krank aus.
Ich muss umkehren und meiner Arbeit nachgehen,
aber er zeigt plötzlich auf das lehmige Wasser und
spricht laut zu seinem unsichtbaren
Gesprächspartner:
- Die Brücke, die Sie hier sehen, ist unter dem
Namen Pont Saint-Louis bekannt. Unter dieser
Brücke kann man, vorausgesetzt, es gibt genug
Platz, nicht schlecht schlafen. Unter Umständen ist
es sogar sehr zu empfehlen. Falls es regnet, nimmt
die Gesundheit kaum Schaden davon.
Vorausgesetzt, es scheint am nächsten Tag – wie
heute – wieder die Sonne.
Danach dreht er sich um und zieht weiter.
Unterwegs versucht er oft seine zerzausten Haare
mit der flachen Hand auf den Kopf zu drücken.
Aber die verkrusteten Wunden, die hinter dem
Ohr und unter den Augen gelbblau schimmern,
erzählen von einer nicht angenehmen, vor ein paar
Tagen passierten Sache. Eigentlich müsste ich
längst umkehren und zur Arbeit gehen, aber die
Neugier lässt mich nicht in Ruhe; ich laufe ihm in
kurzem Abstand nach.
- Diese Brücke, die Sie vor uns betrachten können,
ist hier als Pont Louis-Philippe berühmt. Sie ist aber
wegen der ununterbrochenen Störung durch die
Polizei nicht zu empfehlen. Wenn wir sie hinter uns
lassen, erreichen wir denjenigen Platz, der hier als
Hôtel de Ville bezeichnet wird und zum Rathaus
gehört. Bis zu jener Sitzbank, die vorher von dieser
Wenigkeit erwähnt wurde, ist es nicht mehr weit.

Die Brise, die auf das Hôtel de Ville weht, nimmt
mit Hilfe der weiß strahlenden Sonne das Nass
von den Bäumen und Pflastersteinen ab. Er bleibt
vor einer Bank stehen, stellt die Plastiktragetasche
auf den Sitz und spricht zu dem vermeintlichen
Gesprächspartner:
- Die zwei Bücher, die Sie sehen, habe ich von
Persien mitgebracht. Wie meinen Sie?
- Nicht unbedingt. Bevor Sie das Baguette
herausnehmen, werfen Sie bitte einen Blick nach
rechts und links, so dass wir zuerst der Abwesenheit
jener gesetzlichen Nervensägen, die man hier – wie
bei uns – Agent (de Police) nennt, sicher werden.
Wie bitte?
- Jawohl! Wenn wir sehen, dass sie in der Gegend
herumstreifen, nehmen Sie bitte anstatt des
Baguettes das Wörterbuch heraus. Nur damit sie
uns mit den Obdachlosen, die hier Clochards
heißen, nicht verwechseln…
- Clochard bedeutet Derwisch, und nicht Bettler.
Sie sind arme Leute; Arme und Bettler sind nicht
das Gleiche. Momentan weilen wir in der Sonne
und warten ab, bis sie auftauchen. Ich meine die
Spatzen und nicht die Polizisten. Wenn Sie sich
etwas gedulden und ein wenig aushalten, werden
sie auftauchen.

- Aber lieber Freund! Diese Vögel sind auch wie Sie
und ich hungrig und durchfroren. Sonne und
Baguette mögen sie auch. Bitte, ein wenig Geduld!
Ich setze mich auf eine Bank in der Nähe – ich
meine, nicht gerade auf die, die ihm am nächsten
steht. Ich schlage die Zeitung auf und halte sie vor
mein Gesicht. Mein Ohr lauscht aber in seine
Richtung, und, wenn es der Springbrunnen zulässt
und die alten Frauen, die in der Nähe verweilen
und plaudern, ein wenig weiter weg stehen, kann
ich das, was er sagt, verstehen.
- Das Vergleichen, mein Lieber, ist immer
irreführend. Aber wo denken Sie denn hin? Sie
wollen das Rathaus von Rascht mit dem Pariser
Hôtel de Ville vergleichen? Selbstverständlich riecht
diese Luft nicht nach Minze. Nein, diese Wenigkeit
hat nur gemeint, dass es in der Nähe an der Seine
einen Straßenmarkt gibt. Er befindet sich dort, von
wo wir gerade gekommen sind. Strecken Sie die
Beine, damit Sie gemütlicher sitzen können...
- Es ist doch offensichtlich, dass sich der Platz um
das Rathaus in Rascht von dem hier unterscheidet.
- Zugegeben, hier gibt es keinen Weißlachs. Auf
dem hiesigen Markt verkauft man Blumen,
Goldfische, Vögel, aber nicht Weißlachs!
- Zu allererst einige Seiten aus dem
mitgenommenen Brief… Ja, egal, ob aus der
Regenmanteltasche oder Wintermanteltasche. Bitte,
die Stelle, wo es um die Spatzen und die Hoffnung
geht. Aber keineswegs laut. Tragen Sie es bitte leise
vor! Ja, bevor die Spatzen auftauchen.
Er nimmt einige zusammengefaltete Blätter aus
der Tasche heraus, öffnet sie und liest dann vor:
- Es kommt der Tag – ein sonniger Tag –, an dem
die Spatzen wieder zunehmen werden und ihre
Federn am Bauch dichter und weicher geworden
sind. Dass sie sich dann ruhig der Pflege widmen
können, ohne von einem Ordnungshüter oder
Ähnlichem belästigt zu werden.
- Es kommt ein Tag, an dem man – in der Mitte des
Winters – Frühling erleben kann…
- Es reicht schon! Nun, damit wir feststellen
können, ob dieser Brief jenen von uns erhofften
Optimismus unter den Spatzen verbreiten kann,
überprüfen Sie bitte die Umstände auf dem Platz, ob
alles in Bezug auf die Spatzen mit dem, was in dem
Brief steht, übereinstimmt.
Eine Zeitlang starrt er auf die Spatzen, die die
Brösel aufpicken, und es scheint, dass er alles
andere vergessen hat. Ein Wind kommt auf, und
als er sich zu den Sitzbänken dreht, treibt er eine
Säule sprühendes Springwasser zu uns. Um nicht
nass zu werden, ziehen sich die alten Frauen ein
wenig zurück und setzen dann von dort aus ihr
Plauschen fort. Er, zu dem vermeintlichen
Gesprächspartner:
- Der hiesige Rathausplatz ist ein Ort vor einem
Rathaus, auch hier ist es noch vom Regen in der
Nacht nass. Bis jetzt unterscheidet er sich vom
Rathausplatz von Rascht kaum. Bitte, sagen Sie
nicht, da die Autos auf diesem Platz nicht
verkehren, sei er nicht ein richtiger Platz! Wenn es
so wäre, könnte ich auch sagen, da das Gebäude hier
sich Hôtel de Ville nennt und nicht das Rathaus,
ist es auch kein Rathaus…
- Ihre Auslassung – verzeihen Sie – ist ein
überflüssiger Befund. Vergessen Sie bitte nicht,
warum wir hierher gekommen sind.
- Sie glauben tatsächlich, dass sich die hiesigen
Spatzen von ihren Artgenossen in Rascht so sehr
unterscheiden?
Skeptisch starrt er auf die Spatzen und reist im
Kopf bis zum Rathausplatz von Rascht und wieder
retour. Die Brise, die über die Bäume an der Seine
streift und die Fahnen erreicht, bringt die
dreifarbigen Tücher zum Flattern. Er schaut nach
oben, von wo die Tauben in einer großen Kurve
kommen und vor ihm landen:
- Die Fahnen sind den Spatzen egal. Und
überhaupt! Was ist eine Fahne? Eine Fahne ist ein
Stoff aus dreifarbigem Leinen, welcher an einer
Stange hängt. Kann ein Spatz zwischen unserer
und der hiesigen Fahne unterscheiden? Wie?
- Das glaube ich nicht. Denn hätten die Spatzen
zwischen unserem Grün und dem Blau der Fahnen
hier unterscheiden können, wäre der Unterschied
für sie sicher nicht so groß, wie Sie meinen. Holen
Sie bitte das Baguette heraus und zerbröseln Sie es
vor der Bank!
Er beobachtet eine Weile die Spatzen, die mit Hast
die Brotbrösel in Angriff nehmen. Er fragt dann
den vermeintlichen Partner:
- Das heißt, Sie sind tatsächlich der Meinung, dass,
wenn wir zum Beispiel, anstatt Brot Baguette
sagen, sich an seinem Geschmack etwas ändert?
- Dieser Meinung bin ich nicht, denn selbst wenn es
bei den Menschen so wäre, könnte es bei den
Spatzen anders sein. Die Spatzen nehmen
zumindest solche Unterschiede kaum wahr.
Er scheucht mit der Hand einige Tauben, die
durch die Spatzen laufen, um mitzupicken, von
dort weg.
- Sie fragten, wie die Spatzen in der hiesigen
Sprache heißen? Einen Moment! Geben Sie mir das
Wörterbuch her, ich muss erst nachschauen! Bitte,
passen Sie auf, dass Sie dabei die Spatzen nicht
wegscheuchen!
Mein lieber Freund, das Überreichen eines Buches
braucht nicht so viel Zierereien. Öffnen Sie es bitte
bei Buchstabe S und dann bei P...
- Pierrot, moineau, passereau. Welches von ihnen
nun Spatz bedeutet? Meiner Meinung nach ist es
höchst bemerkenswert, dass man hier drei
verschiedene Namen für die Spatzen verwendet.
Dass sie immerhin in ihren Büchern die Existenz
der Spatzen nicht leugnen, ist schon
anerkennenswert genug. Zerbröseln Sie bitte das
Baguette! Ist es für Sie so schlimm, dass noch ein
paar Tauben an Ihrem Brot knabbern? Zerbröseln
Sie bitte das Brot und werfen Sie es den Spatzen
vor!
Nach dem Zerbröseln schlägt er die Hände
zusammen, hält dann das Gesicht zur Sonne und
schließt die Augen. Eine unerklärbare
Zufriedenheit breitet sich auf dem knochigen
Gesicht aus und öffnet die tiefen Faltenspuren. Ein
ungetrübtes Lächeln zeichnet sich dort ab. Nach
einer Pause hebt er dann plötzlich den Kopf und
fragt:
- Was sagt man hier zu einem sonnigen Tag,
fragten Sie?
Er dreht sich zur Seite, blättert im Wörterbuch und
sagt:
- S wie Sonne… Sie haben sicher dafür einen
Ausdruck. Sonne, sonnig, sonniges Wetter (habe ich
nicht gesagt) ensoleillé.
- Und Sie meinen, der Ausdruck sonniger Tag, der
Sie an jene Enten erinnert, die sich am Wasserteich
von Lahidjan oder an einem der dortigen Reisfelder
sonnen, passe nicht zu dem hiesigen Sonnenschein?
Soll es so sein, mir egal, denn das ist eigentlich Ihre
Meinung und nicht meine. Sie meinen tatsächlich,
dass sich die hiesige Sonne von der in Rascht so sehr
unterscheidet? Wie viele Sonnen scheinen auf
unserem Planeten?
Er schließt verärgert das Wörterbuch, wirft den
Kopf gereizt zurück und versucht sich, indem er
das Gesicht mit geschlossenen Augen zur Sonne
hält, zu beruhigen. Er sagt dann, ohne die Augen
zu öffnen:
- Wörter wie dick, das Fell auf der Brust, dicht
und weich gibt es auch in der französischen
Sprache, aber Hale khod ra djiostan? (Das eigene
Wohlbefinden erstreben.)
- Nein, auch zu den Polizisten sagen sie in der
Umgangssprache nicht Agent de Police. In den
Büchern schon, aber Menschen und Spatzen sagen
zu den Polizisten Flic. Es ist aber an dieser Stelle,
wo es um die Belästigung der Spatzen geht, gar
nicht so schlecht. Zur Entspannung schauen wir
zuerst eine Weile den Springbrunnen an, bis...
Eine Zeitlang starrt er den Brunnen an, der den
Teich mit reichlich Wasser permanent zum
Überlaufen bringt. Ich werde aber durch die zwei
Polizisten, die von der anderen Straßenseite auf
uns zukommen, wobei einer von ihnen interessiert
herschaut, beunruhigt. Es wäre nicht schlecht,
wenn er, bis sie wieder verschwinden, den Mund
halten könnte. Er öffnet die Augen und sagt zu
dem vermeintlichen Partner laut:
- Wie der Wind den Wasserstaub aus einer solchen
Entfernung herüber bringt!
Ich schließe die Zeitung und mache mich bereit,
bevor sie ihn erreichen, aufzustehen und als ein
Freund, der ihn zufällig getroffen hat, zu ihm zu
eilen. Dass sie ihn mit dem Bart, mit den Wunden
hinter dem Ohr, und wegen der Art, in der er die
Beine übereinander geschlagen hat, sogleich
mitnehmen würden, ist offensichtlich. Wo er dann
landen könnte, ist nicht schwer zu erraten. Und
dann noch diese lauten, langen Selbstgespräche
auf Persisch:
- Hier werden die Spatzen nie belästigt!
Eine junge Touristin mit einem Stadtplan in der
Hand schneidet den zwei Streifenbeamten den
Weg ab. Der ältere Polizist grüßt sie höflich, und
nachdem er ihr genau zugehört hat, schlägt er sein
Adressbuch auf. Die Touristin versteht aber kein
Wort, also müssen die Beamten sie bis zur
Metrostation begleiten. Erleichtert lehne ich mich
wieder zurück und mache die Zeitung auf.
- Was Sie sich alles einbilden können! Ein Spatz,
mein Lieber, ist überall ein Spatz. Ängstlicheres,
Hungrigeres und Flehentlicheres als diese Kreatur
finden Sie nirgendwo.
- Welche?
- Ach so, Sie meinen die Buben, die an der
Landstraße zwischen Rascht und Pahlawi am
Rande standen? Die kleinen Jungs mit einem Bund
Veilchen in der Hand, die, wenn ein Auto
vorbeifuhr, sitzend und aufstehend solange
militärisch grüßten, bis man sie im Staub
zurückließ. Aber Ihr Versuch – Sie verzeihen mir –,
sie mit den hiesigen Spatzen zu vergleichen, ist ein
wenig daneben...
Ich werfe einen Blick auf die andere Seite, wo die
zwei Streifenbeamten wieder zurückkehren.
Dieses Mal kommen sie aber nicht sehr nahe, sie
beobachten von der Ferne den Verkehr, und der
jüngere Polizist spielt mit seinem Schlüsselbund.
Die Sonne trocknet die Wasserlacken der gestrigen
Nacht und lockt die Angestellten und Beamten der
Umgebung aus den Büros und Ämtern heraus,
damit sie in der Mittagspause die Knochen
aufwärmen.
- Alle Ihre Einwände sind goldrichtig, aber ich
konnte nicht begreifen, warum und weswegen Sie so
sehr darauf beharren, dass die Spatzen hier, der
hiesige Sonnenschein und der Rathausplatz sich zu
sehr von denen in Rascht unterscheiden?
Hastig blättert er in dem Buch und will damit zur
Schau stellen, dass er nicht mehr bereit ist, dem
vermeintlichen Gegenüber zuzuhören. Er tut es
aber nur deshalb, weil er muss.
- Einzig und allein, weil man hier die französischen
Wörter dafür verwendet?
Er schlägt das Wörterbuch auf, blättert hastig,
schließt es, und während er versucht, nicht die
Beherrschung zu verlieren, sagt er:
- Die Realität, sagen Sie, ist hier deshalb für Sie
nicht fassbar, weil die Sprache eine andere ist? Das
ist lächerlich. Rascht, in fünftausend Kilometer
Entfernung, auf der anderen Hälfte der Welt, ist für
Sie eine greifbare Realität und hier, dieser Platz,
diese Spatzen, dieser Springbrunnen und dieser
Teich gleich vor Ihrer Nase sind nicht fühlbar?
Er niest zur Sonne, sucht nach dem Taschentuch in
Regenmantel- und Jackentasche und putzt sich
damit die Nase. Lächelnd sagt er zur Sonne:
- Einverstanden, Sie sagen, diese fremden Wörter
klingen alle in meinem Ohr ungewöhnlich. Aber
was hat dies mit dem Wesen der Springbrunnen,
der Spatzen und der Sonne zu tun? Schauen Sie,
mein Lieber, das Leben der Menschen besteht nur
aus Gewohnheit. Es ist nichts leichter als das:
wiederholen Sie anstatt des Ausdrucks sonniger
Tag einige Male ensoleillé und Sie sehen, es klingt
gleich wie der sonnige Tag, mit der Zeit sehen die
Sonne, der Baum und das Wasser und der Vogel
von hier genauso aus wie bei uns in Persien. Es ist
nur Gewohnheitssache, sonst nichts.

Während er das trockene Brot vor die Tauben
hinbröselt, tut er so, als ob er interessiert dem
vermeintlichen Gegenüber zuhören würde.
- Sie meinen wirklich im Ernst, dass die Sprache auf
Gefühl und Verhalten der Menschen eine solche
Auswirkung hat? Dieser Meinung bin ich nicht.
Möglich, dass die Sprache auf die Realität
insgesamt eine bestimmte Wirkung ausüben kann,
aber nicht auf den einzelnen Menschen.
Einer der zwei Beamten trennt sich von seinem
Kollegen und nähert sich ihm vorsichtig von
hinten. Wäre ich an seiner Stelle, würde ich auch
misstrauisch, also halte ich mich bereit,
aufzuspringen.
- Blättern Sie weiter, er geht an uns vorbei! Ein
Beamter und dadurch nur lästig.
- Wie bitte? Nein. Die Clochards hier lesen kein
Buch, sie lesen nur Zeitung. Neben ihnen steht
auch immer eine Weinflasche, griffbereit. Die
hiesigen Polizisten kennen sich aus, sie belästigen
nicht jeden.
Ich stimme ihm mit dem Kopfnicken zu.
- Carte d´identité heißt bei uns Personalausweis.
Warum werden Sie gleich nervös? Hat man Sie
danach gefragt?
Der ältere Polizist pfeift seinen jüngeren Kollegen
zurück. Er kehrt um und geht zu ihm.
- Habe ich nicht gesagt, dass er nicht uns gemeint
hat? Also, wollen wir nun den Brief beenden oder
nicht? Die beiden sind weg und damit basta. Wenn
die Beamten hier jeden, der einen Bart trägt,
verhaften würden, wäre ...
- Was hat Santur mit dem Bart zu tun? Hatte ich
jemals von Santur gesprochen? Von mir aus,
Santur: Weshalb sind Sie sich so sicher, dass die
Leute hier den Klang unserer Zither nicht mögen?
Es geht nicht darum, ob sie ihn mögen oder nicht.
Ich kann nur unterrichten, und wenn ich die
Sprache von hier nicht verstehe, muss ich wohl
irgendwie mein tägliches Brot verdienen. Man wird
gezwungen, mit dem Santurspielen auf der Straße
etwas zu verdienen. Dass es Ihrer Meinung nach,
eine verdeckte Bettlerei sei, ja, so ist es. Und?
- Nein, Nein, ich bin nicht beleidigt.
- Überhaupt nicht... Erinnern Sie sich noch? –
Damals, als wir abends vor dem Moattar
verweilten und miteinander plauderten. Das
Geschäft, falls Sie sich noch erinnern, verkaufte
Seife, Parfüms und Rasierwasser. Möglich, dass Sie
sich nicht mehr daran erinnern. An manchen
Abenden kam ein eigenartiger Typ zum Laden,
holte aus dem Brillenetui einen Wattebausch und
sagte zu Herrn Moattar: Geht das, dass Sie ihn mit
dem Rasierwasser ein wenig feucht machen? Sie
sagten verdeckte Bettlerei, und gleich ist mir
dieser Typ eingefallen.

Er lacht und wischt sich mit dem Taschentuch
über die Augenwinkel.
- Was Sie meinen, klingt zwar vernünftig, aber
leider, als ich damals ausreiste, war noch der Export
von Musikinstrumenten streng verboten, auch die
Ausfuhr eines Schachbretts...
- Bitte, glauben Sie mir, Sie sind uns wirklich nicht
lästig. Trotzdem tue ich das für Sie.
Er öffnet das Wörterbuch und sagt:
- Die Polizeistreife heißt hier patrouille de police
(...) auch das werde ich für Sie tun. Den
Gefangenenwagen nennen sie hier voiture
cellulair.
Ich drehe mich um und schaue den schwarzen
Kombiwagen der Polizei an, der auf die zwei
Streifenbeamten, die ihren Dienst beendet haben,
wartet, um sie mitzunehmen. Aus der Seitentür
blicken zwei Schwarzafrikaner, die in
Handschellen nebeneinander sitzen und voller
Sehnsucht zu dem Springbrunnen in der Sonne
starren.
- Sie meinen, alle Mitstreiter, die nachts unter
derselben Brücke, die ich Ihnen gezeigt habe,
schlafen? Vergessen! Sie haben keine Ahnung von
der Welt. So wie ich es mitbekommen habe, müssen
wir Ausländer nur die Ausweisung aus dem Land
befürchten. Den Kopf kahl rasieren, die Desinfektion
(ja, die Entlausung) und der Duschzwang gelten
nur für die Eingeborenen. Leider nein, über die Art
des Transportes nach Persien weiß ich nicht viel.
Während des Redens steckt er den Rest der
trockenen Baguettestücke in die Plastiktasche, und
nach dem Einpacken der Bücher steht er auf und
schüttelt den Mantel.
- So, es wird Zeit, dass ich mich, wenn Sie erlauben,
langsam empfehle. Ja, nicht viel zu tun, aber ich
möchte unterwegs den Brief aufgeben… Wir
werden sehen! Sicher, sicher, bleiben Sie gesund
und leben Sie wohl.
Und er marschiert Richtung Seine.
Ich stehe auch auf, falte die Zeitung zusammen
und möchte umkehren und zur Arbeit gehen.
Aber ich zaudere noch. Was spricht dagegen, dass
ich – da ich schon so viele Stunden vergeudet habe
und bis hierher gekommen bin – ihm noch bis zum
Briefkasten folge? Unterwegs kommen wir an
zwei Briefkästen vorbei, und er wirft keinen Brief
ein. Ich denke, er möchte vielleicht irgendwo
Briefmarken besorgen. Wieso geht er aber
Richtung Île Saint-Louis? Unterwegs gibt es so
viele Tabakläden!

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