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Der
Gedächtnissekretär
(Leseprobe aus:
Der
Gedächtnissekretär, Roman, 2005, Deuticke)
Zwischen Herrn Sohalt und mir
existiert eine Stadt, die ich, vor Antritt meiner Arbeit für ihn, nicht gekannt
hatte: Die Häuser sind (mit wenigen Ausnahmen) die gleichen geblieben, die
Gassen und Plätze auch, aber (und dieses Aber ist ein merkwürdiges) ihre Farbe
und ihr Klang sind anders geworden.
Obwohl ich zum Beispiel immer und vom ersten Tag an die Mondscheingasse als
Durchgang zur Siebensterngasse benutzt habe, blieb ich zuletzt dort öfter
stehen, sah umher, als ob ich die Gasse zum ersten Mal betreten würde, und
staunte. Viele Fragen tauchten auf, und als ich in der Siebensterngasse ankam,
in der Herr Sohalt wohnte, schaute ich nach oben, als könnten im nächsten
Moment Granatsplitter von den Dächern fallen.
Genauso ging es mir an anderen Orten der Stadt: Der Kahlenberg zum Beispiel hat
mit einem Mal aufgehört, jener Hügel zu sein, von dem aus ich die Hauptstadt
immer bewundert hatte. Und der Volksgarten? Im Volksgarten bemerkte ich zwischen
den Reihen der Rosenstöcke flüchtige Soldatenschatten, die mit der Waffe im
Anschlag an frischen Gräbern Wache hielten und ab und zu gelangweilt zum
Heldenplatz blickten, wo sich die Wiese in einen Kartoffelacker verwandelt hatte
und wartende, abgemagerte Kinder von heißem Püree träumten.
So hat die Stadt des Herrn Sohalt begonnen mein Stadtbild zu verdrängen; sie
hat sich, ohne dass ich es vorerst bemerkt hätte, an Stelle der früheren Stadt
ausgedehnt und langsam breit gemacht. Als ich begann, in seinem Auftrag durch
die Stadt zu laufen und Fotos aus dem letzten Krieg mit den Häusern und Straßen
von heute zu vergleichen, ging es vorerst um Gebäude, nicht um Menschen. Ich
hatte keine Ahnung, auf welches Abenteuer ich mich da eingelassen hatte und
welche Überraschungen bevorstanden. Nicht nur die Häuser und die Gassen veränderten
sich allmählich, sondern auch die Bewohner dieser Stadt, später sogar die Bäume
und dann auch die Donau. Die alten Schwarzweißfotos und die Notizen von Herrn
Sohalt hatten die merkwürdige Eigenschaft, in meinem Kopf lebendig zu werden.
In meinen Augen war Wien – ich schmeichle nicht – immer eine geduldige,
freundliche Stadt. Warum sie als Stadt nicht an gewisse frühere Zeiten erinnert
werden wollte und erbost dreinschaute, wenn ich mit einem Foto in der Hand in
ihren Gassen und Straßen herumging oder in einem Oktavheft blätterte, verstand
ich nicht. Ich hatte auch Herrn Sohalts Verhalten dieser Dame gegenüber (er
bezeichnete Wien als Dame) zuerst als Schamgefühl gedeutet. Er möchte manche Hässlichkeiten
dieser Stadt ein wenig vertuschen, dachte ich, und bohrte nicht nach. Auch seine
Wortkargheit sah ich als stille, diskrete Haltung. Herr Sohalt, dachte ich, der
alte Hobbyfotograf aus der Siebensterngasse, will ungern aussprechen, was er
wirklich meint. In vielem überließ er es mittels der mir gestellten Aufgaben
mir, herauszufinden, was mit dieser Stadt los war.
Eines Tages (an einem grauen Dezembermontag) sagte er, ich solle zwischen zehn
und zwölf Uhr mittags zum Stephansdom gehen und mich dort vor das Haashaus
stellen. Warum? Er möchte wissen, sagt er, ob ich es auch so empfinde wie er.
»Was?« frage ich. »Gehen Sie dorthin und erzählen Sie es mir dann!« Ich
gehe also hin und warte von zehn bis zwölf Uhr vor der Kirche (es ist sehr
kalt) und schaue mir alles genau an: den Turm, die Menschen und sogar das
O5-Zeichen, das man dort in die Mauer neben das Portal geritzt hat. Vom
Betrachten der Fotos weiß ich, dass nur der Turm den Bombenangriff überlebt
hat, das Hauptschiff nicht. Müde und hungrig gehe ich schließlich nach Hause
und verrechne wütend drei Stunden Arbeitszeit, macht 150 Schilling.
»Haben Sie es bemerkt?« fragt mich Herr Sohalt, als ich ihn einige Tage später
in seiner Wohnung besuche. »Was?« will ich wissen. »Na, den Unterschied.«
Ich schaue ihn stumm an. »Die Pummerin«, sagt er, »sie läutet anders als
alle anderen Kirchenglocken.« Ich verstehe ihn nach wie vor nicht. »Der
Klangunterschied«, sagt er, sichtlich ein wenig von mir enttäuscht, »ist unüberhörbar.
Nächstes Mal vergleichen Sie sie bitte mit den anderen Glocken. Mit denen der
Michaelerkirche oder der Peterskirche. Die Pummerin klingt anders als alle
anderen. Sie klingt nicht ganz deutsch, aber auch nicht ganz türkisch.«
Ich notiere mir das Wort Pummerin und schaue zu Hause im Lexikon nach. Pummerin,
lese ich dort, berühmte, geschichtsträchtige Glocke im Stephansdom. 1711 aus
180 türkischen Kanonen gegossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erneuert. Läutet
nur zu Silvester.
Ein anderes Mal stehe ich vor der Urania, und von der Schirmspitze tropft es auf
die Seite 32 des Buchplans von Wien, den ich aufgeschlagen habe, um die Straße
der Julikämpfer zu finden. Dort, wo ich gerade stehe, ist nicht die Straße der
Julikämpfer, dort tropft es auf den Julius-Raab-Platz. Ich habe nach der Straße
der Julikämpfer gefragt und bin zum Julius-Raab-Platz geschickt worden. Dass
die Leute hier statt Julikämpfer Julius-Raab-Platz zu hören meinen, hängt
wahrscheinlich mit dem Vorurteil zusammen, der Fremde verwechsle oft Orts- und
Straßennamen. Aber die Gasse auf dem Foto, das ich aus meiner Aktentasche
nehme, ist mit dem Platz, auf dem ich stehe, nicht zu verwechseln. Auf dem Foto
sieht man eine enge Gasse, die trotz der Trümmer in der Mitte, trotz der
zerbrochenen Fenster und den von den Dächern hängenden Balken ganz andere
Konturen zeigt als dieser Platz. Auf der Rückseite des Fotos steht (von Herrn
Sohalt notiert): »Julikämpfer, 12. Februar 1944, nach einem Volltreffer.«
In einem Gasthaus in der Nähe des Julius-Raab-Platzes kontrolliere ich noch
einmal die Notizen. In einem Oktavheft hat Herr Sohalt nach jeder Aufnahme das
Datum notiert, danach den Ort der Aufnahme. 12. Februar 44, lese ich, Julikämpfer.
Und weiter: »Am 12. Februar 44 Alarm. Brandbomben. Ich sehe, wie die Leute in
Richtung Flakturm laufen. Eine Brandbombe fällt auf die Fahrbahn. Einige
versuchen, die Bombe mit Sand zu bedecken. Vergeblich. Ein Regen von
Flaksplittern. Blau-grauer Phosphor.« Der Rest ist nicht lesbar.
Flakturm? Ich schlage den Stadtplan auf: Wo sind die Flaktürme? Einen davon
kenne ich schon, er steht im Hof der Stiftskaserne, in der Nähe der
Siebensterngasse. Ich erinnere mich genau daran, wie ich im Haus Nr. 16 im
vierten Stock war. Der Flakturm beobachtete mich durch das Fenster des
Wohnzimmers.
Ich bestelle Gulaschsuppe und Bier und starre beim Wegtrinken des Schaums in den
Regen nach draußen. Der Regen wäscht den Schmutz von den Straßen. Ich bin unfähig,
die anderen Flaktürme auf der Karte zu finden.
Zwei oder drei Tage später sitze ich in Herrn Sohalts Wohnzimmer und trinke
Tee. Ich zeige ihm das Foto und sage, dass es in Wien keine Straße der Julikämpfer
gibt. Der Name existiert nicht. »Der Name vielleicht nicht«, sagt er, »aber
die Straße schon.« »Und wo?« will ich wissen. Er steht langsam auf und geht
zum Fenster.
Er schiebt den Vorhang zur Seite und zeigt mit dem Kinn nach unten. »Da! Man
hat sie wegen der Turnhalle dort in Straße der Julikämpfer umbenannt. Das war
schon nach dem Dollfußmord.« »Und warum heißt die Straße dann nicht Dollfußstraße?«
Er sieht mich an und geht pfeifend in die Küche.
In der Nationalbibliothek finde ich heraus, dass die illegalen Parteigenossen am
25. Juli 1934, während des Putschversuchs, Dollfuß ermordet haben, und dass
man die Siebensterngasse, von der aus sie ihre Aktion am selben Tag starteten,
nach dem »Anschluss« zu Ehren der hingerichteten Nazis in Straße der Julikämpfer
umbenannt hat. Herr Sohalt erinnert sich, dass er an dem Tag vor dem Haustor
stand und auf seinen Vater wartete. Er hat gesehen, wie die da aus der Turnhalle
in einen Lastwagen gestiegen und zum Bundeskanzleramt losgezogen sind. »Wer?«
»Na die.«
Und so ist mit der Fremde in der Stadt, die durch meine Arbeit für Herrn Sohalt
ständig zunahm, auch eine fremde Sprache in mir gewachsen. Es ist eine
kodierte, manchmal bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Sprache, die mich immer
aufs Neue befremdet. Beim Lesen der Notizen (ein Teil meiner Arbeit bestand
darin, Herrn Sohalts Notizen mit den Fotos zu vergleichen), stieß ich immer
wieder auf Abkürzungen. Ich fand meistens selber heraus, was sie bedeuteten.
Aber was sollte »Flak« heißen? (Ich glaubte, es sei ein Eigenschaftswort, bis
er mich belehrte, dass es sich um Fliegerabwehrkanonen handelte.) Und Gestapo?
Herr Sohalt schwieg zuerst hartnäckig. Dann sagte er leise: »Geheime
Staatspolizei«, aber so, als hätte er Kreide geschluckt.
Als ich seinen Lebenslauf zusammenstellte, kam oft die Abkürzung HStOV vor. Ich
vermutete zu Recht, dass das etwas mit seiner letzten Anstellung zu tun hat. Und
wirklich – später kam ich dahinter, dass damit Heeresstandortverwaltung
gemeint war. Andere Abkürzungen wie LS (Luftschutz) waren leichter zu erraten,
aber solche wie Pak wiederum nicht. Während ich diese und jene Abkürzung
entzifferte, neigte ich manchmal selbst dazu, abzukürzen. So wollte ich
probieren, ob sich Begriffe wie Lebenslust und Liebeserklärung abkürzen
lassen. Ich versuchte es mit Le und Ll, gab aber diese Versuche bald auf. Kein
Mensch würde jemals herausfinden, was damit gemeint war.
Da Herr Sohalt unter Gicht litt, durfte ich ihm meine Beine zur Verfügung
stellen. Die ersten paar Wochen bezeichnete er mich (ein wenig gönnerhaft) als
seinen Sekretär und später, als ich ihn an manches, was ihm unangenehm war,
erinnert hatte, als seinen Gedächtnissekretär. In regelmäßigen Abständen
ging ich zu ihm und holte mir das Arbeitsmaterial, das oft aus fünf, sechs
Fotos und ein paar Seiten eines Oktavheftes bestand.
Wenn das Wetter schön war, nahm ich mir mehr Zeit, ging zu Fuß und studierte
nicht nur die Fotos und die Notizen, sondern auch die Stadt. Ich schaute mir die
von den Trümmern befreiten Häuser und Gassen an, verglich die Gebäude auf den
Fotos mit den Gebäuden in ihrem jetzigen Zustand, die Menschen auf den Fotos
mit den Menschen von heute. Ich stand oft an einer Straßenecke und horchte
genau hin – kein Heulton war mehr zu hören, weder ein Fliegeralarm noch eine
Entwarnung; die Straßenbahnen quietschten in den Kurven, irgendwo in der Nähe
bellte ein Hund und weckte die Gassen. War die Welt wieder in Ordnung?
Mit Hilfe von fünf Oktavheften und mehreren überwiegend losen, meist
beidseitig beschriebenen Blättern unterschiedlichen Formats sollte ich
herausfinden, wo und wann genau das jeweilige Foto aufgenommen worden war. Es
gab zwischendurch auch Fotos (ihre genaue Zahl ist mir nicht bekannt), die
andere Motive als Bombentreffer zum Inhalt hatten. Diese Art von Arbeitsmaterial
versetzte mich viel intensiver in die damalige Zeit zurück als die Aufnahmen
der beschädigten Häuser. Die Beförderung in die Vergangenheit war oft so
nachhaltig, dass ich manchmal Stunden brauchte, um zurückzufinden.
Die Notiz über den im rechten Hof des Messepalastes erschossenen
Wehrmachtsoffizier war mit Bleistift auf dasselbe Blatt geschrieben, auf dem
Herr Sohalt seine Notiz über den Treffer auf das Deutsche Volkstheater gemacht
hatte. Nachdem ich das passende Foto gefunden und beschriftet hatte, wollte ich
nach Hause gehen. Ich ging aber noch durch die Höfe des Messepalastes, um im
Glacisbeisel etwas zu trinken. Im Gehen las ich, wie man den Offizier durch den
Hof geschleppt hatte, er kniete zweimal in der Regenlache, bevor die Russen ihm
an der Ziegelsteinmauer neben der Pappel, die es an genau der Stelle noch gab,
auf die Beine geholfen haben.
Ich stand neben der Pappel, und Herrn Sohalts Bemerkung, dass der
Wehrmachtsoffizier seine Uniform nicht ausziehen wollte, zwang mich, diese Mauer
genauer zu betrachten. Es war im Monat April, an einem Frühlingsnachmittag, und
da es am Vormittag geregnet hatte, dampfte es überall. Ich stand im sonnigen
Hof neben dem Baum und starrte auf die Schattenflecken, die die Pappel in
leichter Bewegung auf die alten Ziegel warf.
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