Solange es schön ist von Magdalena Sadlon, 2007, Zsolnay

Magdalena Sadlon

Solange es schön ist
(Leseprobe aus: Solange es schön ist, Roman, 2006, Zsolnay)

2. Töten. Können wir denn etwas anderes als das Verlangen in uns
abtöten? Johanna war wütend, sie hielt ein großes, scharfes
Brotmesser in der Hand. Roberts Besuch hatte sie sich anders
vorgestellt, immerhin war er vier Monate lang nicht mehr zu Hause
gewesen. Sie hätte erwartet, daß er etwas Liebenswürdiges
zurücklassen würde, etwas Sichtbares. Oder daß zumindest ein
bißchen Wehmut bei ihm spürbar würde: »Hier und wir, und
irgendwelche schönen Erinnerungen.« Sie stand in der Küche und
mühte sich mit den Kalkresten, die sich im Lauf der Zeit um den
Ausguß gebildet hatten. Sie fuhr mit dem Messer die Rundung
entlang, kratzte an den weißlichen Ablagerungen, ohne viel Erfolg.
Tätigkeiten ohne Belang. Gern hätte sie auch belanglose Gedanken
gehabt, aber sie verstrickte sich andauernd in Dinge, die sie dann
wesentlich nannte, und die sie immer aufs neue in eine
Alles-oder-nichts-Ordnung zu bringen versuchte. Robert wieder
dachte immer nur über das Erreichbare nach: »Nur da ist es möglich,
einen Gedanken zu Ende zu führen«, sagte er immerzu belehrend. Zu
Ende denken, realisieren, konsequent sein, Ziele haben. Alle seine
Antworten klangen wie Vorwürfe, und es waren auch Vorwürfe,
nichts anderes als Zurechtweisungen. Genauso gut und selbstgerecht
hätte er »Halt den Mund und sei schön«, sagen können, aber so etwas
erlaubte Robert sich nicht, er war stets auf korrekte Bevormundung
bedacht. Johanna war sehr verärgert. In letzter Zeit wurde sie immer
öfter zornig, wenn sie an Robert dachte. Sie preßte das Messer mit
beiden Händen fest gegen das Metall und schabte weiter. Ein mit
Essig getränktes Tuch darauf zu legen, wie es die Mutter mal
vorgeschlagen hatte, entsprach nicht ihrer Stimmung. Das Scheuern
wurde sandig unangenehm. Und als wären ihre Ohren an den
Schulterblättern plaziert, riß sie das Geräusch von der Mitte her steil
in die Höhe. Ihre Haut schob sich förmlich zusammen, der Nacken
verkürzte sich im Schauder, sie kniff die Augen zusammen und
drückte die Lippen aufeinander. Johanna warf angewidert das Messer
in die Abwasch. Immer kam alles heftig über sie, alles war wie
Schmirgelpapier für ihre Seele, machte sich körperlich bemerkbar!
Sie setzte sich hin streckte die Beine weit von sich. Es war zu
ekelerregend. Und das wahre Leben war immer dort, wo sie nicht
war, dachte sie. Sie ließ ihre Hände zwischen die Schenkel fallen. Sie
fühlte gerne die Wärme der Hände und ihren Schoß. Das gab ihr
Geborgenheit, aber jetzt hatte sie keine Lust, sich wohl zu fühlen, sie
fühlte sich nur glücklos und ausweglos gefangen zwischen den
Wänden und den Gedanken und der Nahrungsaufnahme und dem
Bett und dem Beruf. Und es schien langsam auch beliebig, wessen
Bett es würde, welchen Job sie machte. Hauptsache, sie war nicht
alleine. Andererseits war ihre Welt in Ordnung, überlegte sie. Die
Männer schauten sie noch an. Ein Lächeln erreichte sie, ein
freundlicher Blick. Sie wollte kein Sexualobjekt sein, aber übersehen
werden wollte sie auch nicht. Eine unaufdringliche
Sympathiebezeugung, eine Aufmerksamkeit im Vorübergehen, das
war wunderbar. Menschen schauten einander an, und das war einfach
und schön, dachte sie. Nur wenn sie sich schlecht fühlte, empfand sie
die Blicke, die zuvor ein junges Kätzchen betrachtet hatten, wie auf
einen räudigen Kater gerichtet. Sie fühlte sich gemustert. Die
Möglichkeit irritierte sie, daß ihre Schminke verrutscht sein könnte,
daß ihr Gesicht darunter an irgendeiner Stelle hervorlugte oder daß
ein dummer Garderobefehler die Blicke anzog. Als Kind hatte sie oft
Detektiv gespielt. Sie spionierte schöne Menschen bis zu ihrer
Wohnung aus, einem Haus, in dem sie verschwanden, sie schlich sich
in die Abenteuer der Erwachsenenwelt ein. Beobachtete ihre
Begegnungen und ihre einsamen Wege, die ihr viel Freiraum für
Geheimnisse boten, weil sie diese selten zu deuten wußte. 3. »Sie
sagen, Sie hören mich weinen in der Nacht? Ich schreie nach ihm. In
der Früh vermisse ich sein schönes Gesicht. Und wenn er mich
weckte, war seine Berührung sanft, wie ein Luftzug.« Johanna
streichelte ausgiebig den kleinen Pudel der Nachbarin im Lift. Sie
hätte gerne noch mehr gesagt und wäre immerfort mit dem Lift rauf
und runter gefahren, aber die Nachbarin hatte es eilig, wie alle
Pensionisten. Die Alte wollte mit ihrem Kläffer einen
Praterspaziergang machen, »Solange es so schön ist«, und sie ging
hastig weg, löste sich rasch aus dem zu vertraulichen Blick. Was
sollte sie da lange verweilen und fremde Tränen sehen und
womöglich auch noch ein unpassendes Armunterhacken erdulden. So
sah sie nämlich aus, die Johanna Brütt, als würde sie sie gleich
anspringen wollen und nie mehr loslassen. Dabei war diese Frau wie
eine Zeitbombe, nett und anbiedernd, aber darunter ein Abgrund aus
Unglück und Unzufriedenheit. »Die schleimt so. Mit der gibt es bald
Probleme«, hatte der Hausmeister schon vor Jahren gesagt. Und jetzt
schrieb sie anonym diese Briefe an die Hausverwaltung und glaubte,
niemand vermutete, daß sie es sei. Rocky schiß gerade auf den
Gehsteig. Frau Kralik holte einen grünen Kacksack aus ihrer Tasche
und stülpte ihn sich über die Hand, um die Trümmerl aufzuheben.
Schnell noch, bevor irgendein Passant sie anpöbeln konnte. Bloß weil
man ein Hundebesitzer war, wurde man für jede Scheiße auf dem
Gehsteig verantwortlich gemacht, ärgerte sie sich. Sie verabscheute
es auch und konnte nichts dagegen tun, daß einige glaubten, bloß
weil sie Hundesteuer zahlten, würde es schon ausreichen. Die alte,
rüstige Frau ging rasch zur U-Bahn, es wurde ja schon um fünf Uhr
dunkel, und für eine große Runde würde es sich demnach sowieso
nicht mehr ausgehen. Auf der Kastanienallee hingen die letzten
Blätter im Wind. Sonst war alles fahl, auch wenn die Sonne etwas
diesig durchschien. Die Jogger ließen sich von Rocky jagen, »dem
man das leider nicht mehr abgewöhnen kann«, und so hatte sie, je
nach dem, ständig eine Entschuldigung oder eine rüde Bemerkung an
der Lippe hängen. »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch einen Hund
haben«, sagte Frau Kralik statt einer Begrüßung zu einer Frau, die ihr
sehr bekannt vorkam. Sie mußte kurz nachdenken, wo sie sie
einordnen sollte. »Aber wie denn auch«, sagte sie dann befreit. »Wir
reden doch nie miteinander. Ich sehe Sie täglich hinter der Kassa
sitzen!« sagte sie mehr zu sich selbst, oder vielleicht auch nur, um
sich zu erkennen zu geben. »Sehr freundlich sind Sie. Immer.« Frau
Kralik änderte die Richtung, um mit der Kassiererin ihren Weg
fortzusetzen. »Da leben wir tagtäglich irgendwie miteinander, und ich
habe noch gar nicht daran gedacht, daß Sie außerhalb der Kasse ein
anderes Leben führen.« Dann schämte sie sich, daß sie das
ausgesprochen hatte. Sie kaufte zwei Portionen Maroni beim
Maronibrater, eine war für die Kassiererin. »Die ersten heuer«, sagte
sie. Die andere nahm sie dankend an, sie schmeckten ganz
vorzüglich, wie es die ersten so an sich haben, wenn sich der Duft
und der Geschmack und die Erinnerungen vermengen und sich in
kleinen, beglückenden Seufzern artikulieren. Das Gespräch
entwickelte sich von selbst während des Spazierengehens, die Augen
karrten die Themen heran, und man durfte sogar ein wenig lästern
über die Entgegenkommenden. Vorsichtig zuerst, um ein bißchen
auszuloten, wie weit man gehen konnte, wo die andere stand. Aber
man stand sowieso auf der selben Seite, denn alles wurde immer
teuerer, und diese Jugend, die sich so gehen ließ, und beschwatzen,
ohne es zu bemerken, aber man sah es ja, wo das endete, diese
Drogen und die vielen Schulden, und nur noch Sex im Kopf, und die
Kriminalität, aber kein Wunder, diese vielen Ausländer. »Ach, Sie
sind auch Ausländerin? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber schon
lange in Österreich?« Sie wartete keine Antwort ab und setzte schnell
fort: »Na ja dann. Wir sind doch alle irgendwie ein Gemisch, wie
man so sagt.« So ging es weiter, freundlich und peinlich Schritt um
Schritt.

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