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aus: Venus im
Pelz
(Seiten 35-39)
SEIT ZEHN Tagen war ich keine Stunde ohne sie,
die Nächte ausgenommen. Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände
halten, ihren Reden lauschen, sie überallhin begleiten. Meine Liebe kommt mir
wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem ich immer mehr versinke, aus dem
mich jetzt schon nichts mehr retten kann.
Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der Venusstatue
gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schloß und sie band sie zu
Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.
Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß meine
Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner nicht mehr mächtig,
schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren Lippen und sie – sie preßte
mich an ihre wogende Brust.
»Sind Sie böse?« fragte ich dann.
»Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist –« antwortete sie, »ich
fürchte nur, Sie leiden.«
»Armer Freund«, sie strich mir die wirren Haare aus der Stirne, »ich hoffe
aber, nicht durch meine Schuld.«
»Nein –« antwortete ich – »und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu einer
Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann, ja vielleicht
in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.«
»Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht«, sagte Wanda und sah mich wieder an
mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der mich schon einmal
hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit ihren kleinen
durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf das weiße
Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich den Arm um ihren
Leib.
»Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib«, sprach ich, »glaube
mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine Phantasie, ich fühle
tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen zusammenhängt; wenn du dich
von mir trennst, werde ich vergehen, zugrunde gehen.«
»Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann«, sie nahm
mich beim Kinn, »dummer Mann!«
»Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir bedingungslos
gehöre –«
»Das ist nicht gut, Severin«, erwiderte sie beinahe erschreckt; »kennen Sie
mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennenlernen? Ich bin gut,
wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn man sich mir zu sehr
hingibt, werde ich übermütig –«
»Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch«, rief ich in voller
Exaltation, »nur sei mein, sei mein für immer.« Ich lag zu ihren Füßen und
umfaßte ihre Knie.
»Das wird nicht gut enden, mein Freund«, sprach sie ernst, ohne sich zu regen.
»Oh! es soll eben nie ein Ende nehmen«, rief ich erregt, ja heftig, »nur der
Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und für immer,
so will ich dein Sklave sein, dir dienen, alles von dir dulden, nur stoß mich
nicht von dir.«
»Fassen Sie sich doch«, sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich auf die
Stirne. »Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht der Weg, mich zu
erobern, mich festzuhalten.«
»Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren«, rief
ich, »nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.«
»Stehen Sie doch auf.«
Ich gehorchte.
»Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch«, fuhr Wanda fort, »Sie wollen mich
also besitzen um jeden Preis?«
»Ja, um jeden Preis.«
»Aber welchen Wert hätte zum Beispiel mein Besitz für Sie?« – Sie sann
nach, ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches – »wenn ich Sie nicht mehr
lieben, wenn ich einem anderen gehören würde?« –
Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt vor mir
und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.
»Sehen Sie«, fuhr sie fort, »Sie erschrecken bei dem Gedanken.«
Ein liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.
»Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein Weib, das
ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen für mich einem
anderen hingibt; aber habe ich denn noch eine Wahl? Wenn ich dieses Weib liebe,
wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken kehren und an meiner
prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir eine Kugel durch den Kopf
jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann ich mein edles, sonniges, eine Frau,
welche mir treu und gütig mein Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur
nichts Halbes oder Laues! Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne
Treue, ohne Erbarmen hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen
Größe ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz
genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur Neige;
dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten werden, und je
grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!«
»Sind Sie bei Sinnen!« rief Wanda.
»Ich liebe Sie so mit ganzer Seele«, fuhr ich fort, »so mit allen meinen
Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist, wenn ich noch
weiterleben soll. Wählen Sie also zwischen meinen Idealen. Machen Sie aus mir,
was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren Sklaven.«
»Gut denn«, sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen Brauen
zusammenziehend, »ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann, der mich
interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben; es wird mir
mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so unvorsichtig, mir die Wahl
zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie mein Sklave sind, ich werde mein
Spielzeug aus Ihnen machen!«
»Oh! tun Sie das«, rief ich halb schauernd, halb entzückt, »wenn eine Ehe
nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so entstehen
dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind solche Gegensätze,
die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher diese Liebe bei mir, die zum
Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem solchen Verhältnisse aber kann nur
eines Hammer, das andere Amboß sein. Ich will Amboß sein. Ich kann nicht glücklich
sein, wenn ich auf die Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können,
und das kann ich nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.«
»Aber, Severin«, entgegnete Wanda beinahe zornig, »halten Sie mich denn
dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe, zu mißhandeln?«
»Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete? Man kann nur wahrhaft
lieben, was über uns steht, ein Weib, das uns durch Schönheit, Temperament,
Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere Despotin wird.«
»Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?«
»So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.«
»Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder Seltsames,
denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz und jeder weiß und fühlt, wie nahe
Wollust und Grausamkeit verwandt sind.«
»Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert«, erwiderte ich.
»Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine weiche
hingebende sinnliche Natur.«
»Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?«
»Die Märtyrer?«
»Im Gegenteil, es waren übersinnliche Menschen, welche im Leiden einen Genuß
fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten wie andere Freude,
und so ein Übersinnlicher bin ich, Madame.«
»Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe, zum Märtyrer
eines Weibes werden.«
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