Maries Gespenster von Simona Ryser, 2007, Limmat

Simona Ryser

Maries Gespenster
(Leseprobe aus: Maries Gespenster, Roman, 2007, Limmat-Verlag)

Als sie die Mutter wegtrugen, muss sie sehr leicht gewesen sein. Ihre hohlen Augen blickten erstaunt, der Mund stand offen, als die Männer sie in die Luft hoben, und gab keinen Laut von sich. Ihr Körper war ein lustig verdrehtes Gestell, die grauen Haarzotten standen weit ab vom Kopf, wie bei Rumpelstilzchen. Als Rumpelstilzchens Name erraten worden war, fuhr es wutentbrannt in die Erde. Die Mutter aber starb schweigend. Die weißen Männer wussten nicht, in welches Reich sie eingedrungen waren und wen sie auf die Bahre legten. Marie schwieg. Vater, Mutter und Marie fanden keine Worte, erstarrt lagen sie sich in den Blicken. Erstaunt darüber, wie einfach, selbstverständlich und rasch ein ewiges Familienreich sich auflösen konnte, in das bisher nie jemand eingedrungen war. Ganz leicht entwichen die Ausdünstungen der vergangenen Jahre durch die Öffnungen, die die Männer in das Haus rissen, und die wenigen Lichtstrahlen in den Zimmerecken wurden vom grellen Sonnenlicht, das durch die Fenster drang, so ausgeblendet, als wären sie niemals da gewesen. Die Männer arbeiteten sauber, schnell und routiniert. Sie durchschnitten das Haus mit ein paar gezielten Schritten und schafften mit wenigen Handgriffen Ordnung.

Wo vorher jahrelang die Mutter gelegen hatte und Marie und die Schwester und der Vater in ausgewählten Stunden einzeln oder auch in Gruppen vorsprachen und ihre Anträge und Bedürfnisse vorbrachten, waren nur noch ein paar kümmerliche Falten im durchgelegenen Bettlaken zu sehen. Die Mutter war zu leicht gewesen, als dass sich eine erwähnenswerte Vertiefung in der alten Matratze abgezeichnet hätte. Die Sachlage war einfach: das Bett, das vorher besetzt war, war jetzt leer. Die Männer hatten die Mutter geholt, sie schoben sie ins Auto und fuhren ohne Blaulicht ins Krankenhaus. Stumm fuhren der Vater und Marie hinter her. Von da an schwieg Rumpelstilzchen.

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