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Die
Hauptabteilung VIII
Im Märchenwald
(aus: Meine
freie deutsche Jugend, Biografie, 2003,
S. Fischer Verlag)
Meine Großmutter
besuchte uns regelmäßig in Grünheide. Sie nahm von Stralsund den D-Zug bis
zum Ostbahnhof, stieg dann in die S-Bahn und fuhr bis Erkner durch. Dort stellte
sie sich an die zugige Haltestelle und wartete auf den Landbus. Zwei Dörfer
weiter war sie am Ziel. Der Bus hielt am Rand der Waldsiedlung, in der wir
lebten.
Sie war nur einseitig bebaut. Alle Häuser reihten sich wie aufgefädelt
aneinander. Gegenüber standen dichte Kiefern. Nach 200 Metern machte der Weg
einen Knick. Dort wohnten wir. In einem Gesindehaus mit Strohdach am Ufer eines
winzigen Sees. Er gehörte zu einem noch winzigeren Schloss, welches gleich
nebenan hinter einem großen Tor lag und von einem richtigen Park umgeben war.
Unsere Straße war nie befestigt worden. Als würden noch des Grafen Rosse hier
tänzeln, nur märkischer Sand. Der Weg war durch Wind und Regen so verwaschen,
dass er für moderne Fortbewegungsmittel eigentlich immer unbenutzbar blieb.
Fahrrad fahren war lebensgefährlich, Autos tuckerten sicherheitshalber in
Schrittgeschwindigkeit. Genau richtig für Katzen und kleine Kinder.
Jedenfalls solange die Sonne schien. Nachts wurde die Siedlung zum
Gespensterwald. Überall waren unheimliche Geräusche. Es gab Wildschweine,
Eulen und bestimmt Wölfe. Ganz zu schweigen von dem meterlangen Krokodil in
unserem Kleiderschrank. Ich hatte Panikattacken, wenn ich im Dunkeln allein
blieb.
Deswegen verstand meine Mutter auch nicht, was mich dazu brachte, eines
Winterabends hartnäckig darauf zu bestehen, meine Großmutter ganz allein vom
Bus abzuholen.
Ich ging jetzt in die erste Klasse. Kein Babykram mehr. Wir hatten im Unterricht
darüber gesprochen, was Klein-Sein von Groß-Sein unterscheidet. Da ich
manchmal noch am Daumen nuckelte, fand ich, dass ich wenigstens durch
Heldenhaftigkeit meiner neuen Verantwortung als Schulkind gerecht werden sollte.
Ein früh ausgeprägter Hang zu gewisser Radikalität ließ mich meine Chance
ausgerechnet im Machtkampf mit der Angst sehen.
Ich zog mir die Tschapka über die Ohren und trat aus dem Gartentor, vorbei am
Lada mit den erwartungsvollen Männern. Nach wenigen Metern war ich aus dem
Blickfeld verschwunden, und es wurde stockfinster um mich.
Ich wusste natürlich, dass es in Wirklichkeit keine Geister gab. Dass meine
Mutter unsere Wohnung zwar Hexenhäuschen nannte, die echten Hexen aber von bösen
Pfarrern verbrannt worden waren. Die Wölfe waren längst über alle Berge, und
im Kleiderschrank wohnten höchstens Motten. Ich wusste, es gibt keine dunklen
Geschöpfe. Aber ganz sicher war ich nicht.
Meine Mutter auch nicht. Als weise Frau hatte sie erkannt, dass es wichtig für
mich war, zum Bus zu gehen. Aber selbstverständlich ließ sie mich keineswegs
des Abends allein durch den Wald spazieren. Und dann noch über diesen
Holperweg. Ohne funktionierende Straßenbeleuchtung. Sie tat das einzig
Richtige: sie folgte mir in gut 30 Meter Abstand, ohne dass ich sie bemerkte.
Aber nicht, ohne dass es die Stasi bemerkte. Unser Personenschutz witterte
umgehend staatsfeindliche Aktivitäten und ließ den Wagen an.
Die Angst kroch langsam durch die Öffnungen meines Anoraks. Ich musste etwas
unternehmen. Ich dachte ganz fest an Schneeweißchen und Rosenrot, die sich auch
im Wald fürchteten und als Gegenmittel fröhliche Lieder sangen. Jedenfalls
taten sie es auf meiner Amiga-Schallplatte.
Ich war überzeugt, was bei Schneeweißchen und Rosenrot klappt, das hilft auch
bei mir. Aber find mal auf die Schnelle das richtige Lied … Hänschen klein,
Gans gestohlen, der Kuckuck und der Esel, all das war untauglich. Viel zu kurz für
den weiten Weg. Improvisiertes Lalala war mir zu stillos. Ich brauchte einen
Text, der ungefähr zur Entfernung passte. Auf die Idee, meine Lieblingslieder
einfach zweimal zu singen, kam ich nicht. Sternbild Jungfrau. Die Logikerin in
mir sah nicht nach links oder rechts: langer Weg, langes Lied. Also los.
Das mit Abstand strophenreichste Lied, das ich kannte, war eines, das ich zu
Hause nicht singen durfte, weil es das Militär verherrlichte. Es ging so:
Soldaten sind vorbeimarschiert, im gleichen Schritt und Tritt, wir Pioniere
kennen sie und laufen fröhlich mit. Gute Freunde bei der Volksarmee, sie schützen
unsere Heimat, zu Land, zur Luft und auf der See, juchhei. Dann folgten etwa 87
Strophen, in denen alle Kompaniemitglieder samt ihren Zivilberufen vorgestellt
wurden. Sie schützen unsere Heimat, zu Land, zur Luft und auf der See. Volles
Programm.
Meine Mutter erklärte mir immer mit freundlicher Stimme und diesem leichten
70er-Jahre-Friedensbewegungs-Näseln, dass Soldaten im normalen Leben zwar Bäcker
oder Lehrer, in Uniform aber Mörder seien. Dann legte sie Wolf Biermann auf,
und ich musste mir »Soldat, Soldat in grauer Norm« anhören … Solchermaßen
eingestimmt, ging ich immer gerne zum Pionierchor.
Im Angesicht des Dunkels hielt ich mich nicht lange mit familienpolitischer
correctness auf und sang einfach los. Mit der ganzen Stimmkraft meiner sieben
Jahre schmetterte ich »Soldaten sind vorbeimarschiert« durch die Siedlung. Es
war ungemein befreiend.
Wenige Meter hinter mir schwor meine Mutter, mich bei Wasser und Brot zur
Vernunft zu bringen.
Und auch die Herren von der Staatssicherheit fühlten sich über alle Maßen von
meinem Gesang provoziert. Mit trainiertem Auge erfasste die operative Außenarbeitsgruppe
sofort, was hier gespielt wurde. Ein Ablenkungsmanöver. Oder ein Code. Irgendwo
sprang sicher gleich der Feind aus dem Busch. Sie mussten schnell reagieren.
Dranbleiben oder weiter Posten vor dem Haus beziehen? Sie entschieden sich für
Verfolgung der observierten Person.
Ohne Rücksicht auf Auspuff und Familienjuwelen hüpften sie auf dem
unbefahrbaren Sandboden todesmutig meiner Mutter hinterher.
Es war der Narrenumzug der Saison. Zu NVA-Lied marschierende Tochter vorn,
subversive Mutter dahinter, der durchgeschüttelte Stasi-Lada im Schlepptau.
Alle in gebührendem Sicherheitsabstand.
Als ich die Bushaltestelle erreicht hatte, versteckte sich meine Mutter im
Halbdunkel. Der Wagen bremste und blieb in einem der tiefen Straßenlöcher
stecken. Es war wie im Film. Aufgeregt beobachtete die Stasi, wie meine Mutter
die Ankunft des Busses abwartete und dann in großer Eile zurücklief. Aha. Nix
wie hinterher - aber der Lada saß fest.
Er stand immer noch schief auf dem Sandweg, als ich mit stolzgeschwellter Brust
an der Hand meiner Großmutter nach Hause ging. Die Hauptabteilung VIII war
gelinkt worden. Doch eine Falle. Der alte Schneeweißchen-und-Rosenrot-Trick.
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