Die Unruhe der Einzelheiten von Michael Rumpf, 2002, Edition ZenoMichael Rumpf

Vage Zeit
(Leseprobe aus: Die Unruhe der Einzelheiten, 20002, Edition Zeno)

Immer häufiger merkte sie, dass Äußerungen, die ihr im Laufe eines Tages begegneten, wenig zu den Orten passten, an denen sie fielen. Zu seiner Umgebung verhielt sich das Reden beliebig, und immer seltener geschah es, dass alle Teile eines Gesprächs denen zukamen, die es führten. Die Leute vermochten ihren Meinungen keine Linie zu geben, vielleicht weil es, so schien es jedenfalls, vor allem darauf ankam, auf dem weiten Feld des Sagbaren und Denkbaren seine Ansprüche abzustecken. So ging F. jener elegante Mittdreißiger nicht aus dem Sinn, den sie in einer schäbig verrauchten Weinstube kennen gelernt hatte, in der man die leeren Weingläser selber an der Theke nachfüllen musste. Ernsthaft hatte er behauptet, dass er der Wahrheit – diesem Monopol, das die nötige Wandelbarkeit vermissen lasse – den Zeitgeist vorziehe. Das Bekenntnis entsprach, da der Abend noch jung war, keineswegs seinem Alkoholpegel, offenbar war es ihm gleichgültig, wie er sich darstellte. In jeder Erfahrung erkenne er eine Versuchung zu erstarren, daher gebe er jedem Tag die Chance, ihn zu überraschen. Vor ihrem inneren Auge baumelte ein Schlips, auf dem in verschiedenartigen Schriftzügen zu lesen stand: Dies ist kein Schlips. An andere Einzelheiten erinnerte sie sich nicht, denn selten blieben Begegnungen ihr als Bilder, und wenn, dann ähnelten sie schlecht belichteten Fotografien. Einer Freundin hatte F. einmal gestanden, die Menschen kämen ihr unkörperlich vor, sie verbinde wenig mit ihnen.


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Mit Widersprüchen sich polstern, gegen Ansprüche...
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Ohne Anlass hatte er aus der Brusttasche einen zerknitterten Umschlag gezogen und ihr einen undatierten Brief zu lesen gegeben, in dem er den Entschluss eines ungenannten, um einige Jahre jüngeren Freundes, Lehrer zu werden, heftig kritisierte. An der Schule verkomme man geistig, der Kontakt zu den Entwicklungen in Wissenschaft und Kunst breche ab, die Produktivität verflattere, versickere, und die Anfangsgründe der Kinder erwiesen sich als Abgründe, aus denen niemand wiederkehre. Die Hoffnungen ersetze der Bausparvertrag, die Denklust falle den Reisen zum Opfer, der Grundstein einer Familie werde zum Grabstein der geistigen Existenz. Wer zur Selbständigkeit erziehen wolle, scheitere an den Behörden, man werde zum Mundstück der Wirtschaft, die Schlüsselqualifikationen fordere, um die Geldtresore der Zukunft zu öffnen. F. hatte sich des Eindrucks nicht erwehren können, der Mittdreißiger mit dem gepflegten Schnurrbart, den sie ihm an erinnerte, habe an sich selbst geschrieben und den Brief nie abgeschickt, weshalb er ihn herumzeige. Allerdings hatte sie versäumt, nach seinem Beruf zu fragen. Im Laufe des Gesprächs, monologisch von ihm geführt, legte er nach einigen Bemerkungen, deren Zusammenhang selten einsichtig war, jedes Thema weg wie eine angerauchte Zigarette. Seinem Bedürfnis zu reden stand die Sorge, sich zu erkennen zu geben, im Weg, und ihr waren nur Bruchstücke im Gedächtnis geblieben. Etwa das verschmitzte Geständnis, dass er älteren Damen gerne zusehe, wie sie in Cafés, die sie mit ihrer Genusssucht zudünsteten, der Schlagsahne frönten, so seine Formulierung. Oder dass er begeistert zur Jagd ging und es liebte, seine Freunde mit selbst geschossenen Trophäen zur Empörung zu treiben. Oder dass er Karten spielte um Geld, und zwar nicht, weil er an seinem Glück schmieden, wohl aber weil er an seinem Charakter löten wolle. F. fürchtete, er habe ihre Schweigsamkeit für Interesse gehalten.


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Angst vor der Anpassung führt zur Anpassung an die Angst.
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Andererseits war sie sich unsicher, und nicht nur, weil Sicherheit sie verunsicherte, ob sie den Mittdreißiger nicht verwechsle mit einem unrasierten Arzt, den sie auf einer Reise nach Spanien – klimatisierter Bus mit Schlafsitzen, Rauchen nur an den Raststätten – kennen gelernt hatte und der ihr bereits vor Einbruch der Dämmerung anvertraute, er genieße es, als Psychoanalytiker die Menschen abhängig zu wissen, Überlegenheit zu spüren und Macht auszuüben. Über die Rücklehne hinweg und ohne darauf zu achten, wer zuhörte, bekannte er, diesen Reiz hinter sozialen Motiven zu verstecken. Wenn man Herrschaft einebne, beseitige man vielleicht Unlustgefühle, gewiss aber verstopfe man eine der reinsten Quellen fein rieselnder Lust. Hatte nicht er ihr, später, in der leicht schmuddeligen Eingangshalle des Hotels, einen Brief zugesteckt, um zu begründen, warum er seinerzeit das Referendariat abgebrochen habe? Und wovon hatte er ihr abgeraten? War es am Strand gewesen, im Mondschein womöglich, dass er davon gesprochen hatte, sein Traum sei es, eine Frau zu erobern, die er nie von vorne gesehen, die ihm nie ins Gesicht geschaut habe? Hinter ihr hergehen, sie von hinten ansprechen, sie berühren, bis man zusammengehört, für eine kurze Zeit. Eine Variante des Verbots, sich nicht umzudrehen, sonst sei man verloren. Seine Hand ruhte auf ihrer, als bräuchten die Worte etwas von der Wärme der Haut, um an Kälte zu verlieren. Nach und nach nahmen die Reisenden Schlafstellungen ein, sie dösten, befreit von der Last, individuell sein zu müssen. F. schloss die Augen und sah die verwitterte Luft der Weinstube vor sich.


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Die Vergangenheit ist ein Brunnen, an dessen Rand eine Prinzessin sitzt, die ihre goldene Kugel darinnen verloren hat. Leider will der Frosch geküsst werden.
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Später muss es gewesen sein, gegen Ende des Urlaubs, der wie die vielen zuvor kaum Spuren in F. hinterlassen hatte. Auf einer Terrasse, dies ließe sich hinzufügen, um den Sätzen einen Ort zu geben, morgens, beim Frühstück, den Blick auf das meinungslose Meer. Die Kellner: bemüht, den Zeitpunkt zu treffen, da sie das Geschirr abräumen konnten, ohne dass es als drängelnd oder nachlässig empfunden wurde. Man sprach über die Qualität des Büfetts, den Hypnotiseur, der abends aufgetreten war, über Sonnenschutzfaktoren und den frisch gepressten Orangensaft. Wer keine Begabung habe, dem bleibe nichts übrig, als es sich gut gehen zu lassen, hatte jener Mann, den sie nicht eindeutig identifizieren konnte, lauthals gespottet, ihre Versuche missachtend, ihn auf sein unpassendes Verhalten aufmerksam zu machen. Das eigene Leben zum Kunstwerk zu erheben, das sei sein Ziel schon als Jugendlicher gewesen. Es gebe keinen rechten Weg mehr, aber die Hoffnung auf eine echte Gestalt. Ein leichter Wind kräuselte die Sätze. Stets habe er mit den Menschen gespielt, sie eingesetzt nach Plänen und an Fäden gezogen. Auch die Affäre mit ihr, eingeleitet durch die wohltuende Offenheit, garniert durch die unerwartete Zurückhaltung, gipfelnd in der scheinbar rauschhaften Leidenschaft, sei kalkuliert gewesen. Die Zettel, mit denen er sie überrascht habe – sie fand sie in ihrer Handtasche, in der Zigarettenschachtel, zwischen den Schirmchen des Eisbechers, an der Türklinke ihres Zimmers –, trage er in mehrfacher Ausfertigung bei sich. Nicht jeder tauge zum Künstler, die meisten jedoch zu seinem Objekt. Die autonome Kunst habe keinen Auftraggeber und darum keinen Abnehmer mehr, fordere aber noch Opfer. Wie dick er die Butter aufs Brötchen schmierte! Wahrscheinlich hänge seine Neigung, das Leben zur Kunst zu gestalten, mit beruflichen Erfahrungen zusammen, verdanke sich dem Umgang mit Patienten, die es als Scheitern inszenierten. So ähnlich hatte es geheißen, aber F. entsann sich des genauen Wortlauts nicht, und war unsicher, welche Sätze zur morgendlichen Terrasse passten, auf der keinen Platz zu finden bedeutet hätte, im stickigen Speisesaal sitzen zu müssen. Nein, nicht der Psychoanalytiker, vielleicht ein Redakteur des privaten Fernsehens, glatt rasiert, behäbig, beredt, auf einem Posten, der ihm Zeit ließ, einen Roman zu schreiben. Er gehe nur ins Studio, wenn es wirklich nötig sei, habe dem Sender nicht seinen Hintern verkauft, sondern seinen Kopf. Der beste innere Kompass sei das Talent, es mache unbeirrbar. Namen vergaß F. als erstes.


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Sitzend am Strom des Vergessens, waschend, schwatzend. Erinnerungen tropfen ab.
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In ihrer Jugend hatte sie geglaubt, ihr künftiger Beruf müsse ihren Neigungen, ihrer Begabung entsprechen, ihr Leben müsse von ihrem Selbst gelenkt werden und die Gesellschaft habe ihr Recht auf Individualität anzuerkennen. Es gebe eine freie Berufswahl, und jeder gehe seinen eigenen Weg. Der Spott eines Klassenkameraden, ein Tankwart, ein Portier, ein Bergarbeiter, eine Sekretärin, sie hätten etwas anderes werden können, seien jedoch ihren Gaben gefolgt, entging ihr zwar nicht, aber den Anspruch, das Leben habe ihr ein Talent und die dazu passende gesellschaftliche Nische zu schenken, als milieubedingt zu durchschauen, dazu fehlte ihr der Wille. Die Vorstellung, sich nach der Decke strecken zu müssen, sei die einzige Art, über sich hinauszuwachsen, diese Vorstellung jedenfalls wäre ihr so absonderlich vorgekommen wie ihr die Erfahrung seltsam schien, dass man vielen Menschen ihren Beruf anmerkte: Sie ließen sich von ihm prägen, statt ganz sie selbst zu bleiben. In Familie und Freundeskreis kannte F. manchen, der stolz darauf war, bereits mehrfach, was den Beruf anging, falsch eingeschätzt worden zu sein. Ein Onkel mütterlicherseits, Manager einer Firma, die Kunststoffe herstellte, redete salbungsvoll, um für einen Pfarrer gehalten zu werden, ein Dirigent hielt sich stundenlang an Schnellimbissen auf, um seine Kleidung mit dem typischen Geruch zu tränken und so, wenn er Lust darauf verspürte, als Gastwirt durchzugehen. Das merkt man Ihnen gar nicht an. So lautete der ersehnte Lobspruch, das Gütesiegel des Variablen, des Vielfältigen, den weder Herkunft noch Tätigkeit festlegten. Dem Leben die Eindeutigkeit zu nehmen, um sich als sein Herr zu fühlen. Nur nicht typisch, lieber im Vagen verschwinden als erkennbar sein. Allerdings ging keiner so weit, seine Wohnung in eine Gegend zu verlegen, die jene besiedelten, denen es nicht gegeben war, sich selbst zu bestimmen. F. hatte dies erst später bemerkt.

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