Pedro Páramo von Juan Rulfo, 2008, Hanser

Juan Rulfo

Pedro Páramo
(Leseprobe aus: Pedro Páramo, Roman, 2008, Hanser, Nachwort von Gabriel García Márquez - Übertragung Dagmar Ploetz).

Ich bin nach Comala gekommen, weil mir gesagt wurde, dass hier mein Vater lebt, ein gewisser Pedro Páramo.

Meine Mutter hat mir das gesagt. Und ich habe ihr versprochen, ihn gleich nach ihrem Tod aufzusuchen. Ich habe ihr die Hände gedrückt, um das zu bekräftigen, denn sie lag im Sterben und ich hätte alles versprochen.

»Versäume nicht, ihn zu besuchen«, trug sie mir auf, »er heißt so und so. Ich bin mir sicher, dass es ihn freuen wird, dich kennenzulernen.« Und da konnte ich nicht anders, ich sagte, ja, das würde ich tun, und ich sagte es so oft, dass ich es auch dann noch sagte, als ich meine Hände nur mit Mühe aus ihren toten Händen befreien konnte.

Davor hatte sie noch gesagt: »Bettle ihn ja nicht an. Fordere, was uns zusteht. Das, was er mir schuldig war und mir nie gegeben hat … Lass ihn teuer bezahlen, dass er uns im Stich gelassen hat, mein Sohn.«

»Das werde ich tun, Mutter.«

Aber ich dachte nicht daran, mein Versprechen zu halten. Bis ich auf einmal voller Träume war und die Illusionen mit mir durchgingen. Und so entstand in mir eine Welt rund um diese Hoffnung namens Pedro Páramo, den Mann meiner Mutter. Deshalb bin ich nach Comala gekommen.

Es war die Zeit der Hundstage, wenn der Augustwind heiß bläst, vergiftet vom fauligen Geruch der Seifenkrautblüten.

Der Weg ging auf und ab. „Er steigt auf oder ab, je nachdem ob man kommt oder geht. Für den, der geht, steigt er auf, für den, der kommt, hinab.“

»Wie, sagten Sie, heißt das Dorf, das man dort unten sieht?«

»Comala, Señor.«

»Sind Sie sicher, dass das schon Comala ist?«

»Ganz sicher, Señor.«

»Und warum sieht es so traurig aus?«

»Das sind die Zeiten, Señor.«

Ich hatte mir vorgestellt, alles durch die Erinnerungen meiner Mutter zu sehen, mit ihrem Heimweh, zwischen Seufzerfetzen. Ihr Leben lang hat sie sich nach Comala, nach der Rückkehr gesehnt. Doch sie kehrte nie zurück.

Jetzt komme ich an ihrer Statt. Ich bringe dieAugen mit, mit denen sie diese Dinge anschaute, denn sie gab mir ihre Augen,um zu sehen. „Hinter Puerto Colimotes gibt es eine wunderschöne Aussicht auf eine grüne Ebene, gelbgetüpfelt vom reifen Mais.Von dort aus sieht man Comala, weiß liegt es da und beleuchtet die Erde bei Nacht.“ Und ihre Stimme klang heimlich, fast erloschen, als spreche sie mit sich selbst…Meine Mutter.

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