Warum hast du geweint von Dace Rukšāne, 2008, Ammann

Dace Rukšāne

Warum hast du geweint
(Leseprobe aus: Warum hast du geweint, Roman, 2008, Ammann - Übertragung Matthias Knoll).

Im Sommer vor zwei Jahren habe ich die Schweinefarm zum erstenmal betreten. Ich brauchte dringend Geld, um in die Berge fahren zu können, und hatte in Erfahrung gebracht, daß Schweinepflegerinnen viel mehr verdienen als Rübenhackerinnen oder Gurkenchemikalisiererinnen. Ein scharfer Gestank stach mir in die Nase, für einen Augenblick verschlug es mir den Atem, und Tränen füllten den Blick mit warmem, trübem Nebel. Nach einer Weile hatte ich mich wieder berappelt, rieb mir die Augen und schaute mich um. In baufälligen Bretterverschlägen tummelten sich die Muttersäue. Manche trappelten in fieberhafter pränataler Geschäftigkeit aufgeregt im Kreis, andere versuchten, Futterreste aus den verkrusteten Trögen herauszugrabbeln, wieder andere hatten sich lässig auf die Seite gelegt und säugten ihre Ferkel. Am gegenüberliegenden Ende des Stalls, direkt neben der Ausmisttür, befanden sich zwei Koben für die Zuchteber – schweineähnliche Geschöpfe von einer Größe, wie ich sie noch nie gesehen hatte, mit fürchterlichen gelben Hauern und langen, über die Augen hängenden Ohren, deren Enden aussahen, als wären sie zwischen die Zähne eines Sauerkrauthobels geraten. Die Eber grunzten lauter als alle anderen, kehlig und bedrohlich. Jedesmal, wenn man die Futterlore oder Mistkarre an ihnen vorbeischieben mußte, rammten sie mit aller Kraft gegen die wackelige Kobentür und versuchten, mit wütend schnalzenden Geiferschnauzen und verzerrten rauhen Rüsseln an den Schweinepfleger heranzukommen. Wir wurden gleich zu Anfang gewarnt, daß die einzige Rettung, wenn ein Eber ausbricht, in der Flucht liegt, indem man über die Muttersaukoben hinwegsetzt – dann würde die Aufmerksamkeit des Männchens auf eine arme Sau gelenkt, deren letztes Stündchen dann natürlich geschlagen hätte, es bestünde jedoch Hoffnung, selber mit heiler Haut davonzukommen.
Sehr viel mehr jedoch als die Aussicht, von einem Eber in Stücke gerissen zu werden, erschreckten mich die Schweine selber. Als ich sie zum erstenmal sah, keuchte ich vor Überraschung auf – ich hatte noch nie schwarze Schweine gesehen.
»Ihr habt ja schwarze!« rief ich fröhlich aus und lächelte Nina an.
Nina räusperte sich, und ein schiefes Lächeln legte sich auf ihr faltiges Antlitz, wobei sie die Hälfte ihrer Mundhöhle und einige ihrer zu spitzen Stümpfen verrotteten Zähne entblößte.
»Guck mal«, sagte sie und holte aus einer Ecke eine lange Stange hervor.
Nina trat an einen der Koben und berührte mit dem Holz ein Schwarzschwein, das gerade eine ganze Horde quengelnder Ferkel säugte. Die Sau grunzte lediglich leise und ... wurde allmählich rosa. So als wäre am Ende der Stange eine Dose mit rosa Tinte befestigt, die alles einfärbt, was mit ihr in Berührung kommt. Ein hautfarbener Fleck auf dem Rücken eines Schwarzschweins. Je mehr Nina die Sauhaut rieb, desto heller wurde sie. Zunächst lachte ich und begriff gar nichts. Ich hatte den Eindruck, Nina wollte mich veräppeln.
»Das wird denn auch deine Hauptaufgabe sein«, brummte sie und stiefelte in den Stallvorraum, um Mehl und Kombikorm in die Loren zu schütten.
Ich schnappte mir die Stange und berührte das nächste Schwein – es geschah das gleiche. Im dämmrigen Licht des Stalls beugte ich mich mit zusammengekniffenen Augen über den Koben und versuchte, den Mechanismus der ungewöhnlichen Zauberei zu verstehen.
Offensichtlich verschlug es von meinem Schrei sogar den Ebern für einen Augenblick den Atem – es trat fast absolute Stille ein, in der nichts zu hören war als das Summen der Fliegen. Das waren Läuse! Die rosa Schweinchen waren von oben bis unten von schwarzen, erbarmungslosen Blutsaugern bedeckt, die sich nur dann bewegten, wenn sie gestört wurden.

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