Auf Wiedersehen in Kenilworth von Peter Rühmkorf, 2008, SchöfflingPeter Rühmkorf

Auf Wiedersehen in Kenilworth
(Leseprobe aus: Auf Wiedersehen in Kenilworth, Ein Katzen-Märchen in dreizehn Kapiteln, 2008,
Schöffling & Co.)

Vor vielen vielen Jahren – und wenn ich sage viel, dann meine ich auch viel, ein gutes Vierteljahrhundert ist es jetzt her –, da lebte auf dem Schloß Kenilworth in England ein Kastellan mit Namen Jam McDamn nebst seiner Katze Minnie, auch Ginger genannt, denn sie hatte ein ingwerrotes Fell. Nun ist es freilich nicht so, daß wir uns unter unserem Kastellan so etwas wie einen Burgvogt vorzustellen hätten; man denkt dabei zu früh an den hochgestellten Dienstmann eines mächtigen Herren. Nein, bei normalem grauem englischem Tageslicht betrachtet war Jam McDamn nur eben ein kleiner Angestellter des städtischen Verkehrsbüros und auch das Schloß nur noch der Schatten eines Schlosses, mit viel Kunst und noch mehr Portlandzement vor dem Zusammenbrechen bewahrt und zur Besichtigung freigegeben täglich außer mittwochs zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr am Abend. Touristen aus allen möglichen und vielen wirklichen Ländern hielten hier ihre kilometersüchtigen Autos an, um sich an der Standhaftigkeit einer über tausend Jahre alten Festung zu erbauen. Junge Weltenbummler aus Anaconda und Haderslev und Michipicoten und Schwaaz und Pill und Ischinomaki und Hechthausen und Himmelpforten und Hammah kletterten mit dem Efeu um die Wette an den Mauern hoch, um ihre leichtverderblichen Namen für alle Ewigkeit in den Stein zu kerben. Aber auch die Leute von Kenilworth und Stoneleigh und Canleigh und Norton Lindsey und den übrigen umliegenden Ortschaften kehrten schon gern einmal im Umkreis der kriegsbrandroten Ruinen ein, sei es, um an den immer noch mächtigen Turmstümpfen hoch- oder in die klaftertiefen Verliese hinabzublicken, sei es, um sich Geschichten von verbiesterten Zauberern oder verzauberten Biestern anzuhören, die an diesem Ort ihr unaufgeklärtes Wesen treiben sollten. Der tollste Märchenerzähler war freilich besagter McDamn, der sich im Zusammenfabeln haarsträubender Gespenstergeschichten gar nicht genug tun konnte. Statt die Besucher, wie es sein Amt gefordert hätte, mit den Baukünsten und Regierungsgeschäften von drei Heinrichen, zwei Sigismunden und mehreren Eduards bekannt zu machen, hielt er es lieber mit den neusten Nachrichten aus der Welt der Unwirklichen, wohl meinend, daß auch die Fremden ein lebendiges Gruseln eher zu schätzen wüßten als einen Haufen ausgebleichter Notizen über längst und lieblos hingemoderte Statthalter oder Landnehmer.
Sehr gern erzählte er zum Beispiel – und erzählte gut – von jenen alljährlich im November ausgerufenen Bügelwettbewerben, wo die erlauchtesten Gespenster Mittelenglands ihre Hemdenlaken mit granitenen Leichensteinen zu glätten trachteten, zum Sieger erklärt, wer als erstes einen winterkalten Stein zur Weißglut erhitzen konnte. Auch sollten sich zur Zeit der Affodillenblüte gewisse seit Jahrhunderten zerstrittene Gespenster-Clans in Kenilworth einfinden, um ihre guten oder bösen Kräfte aneinander zu messen, der Art, daß der eine Nachtmahr den anderen umzustülpen und in sein Gegenteil zu verkehren suchte, etwa wie man einen Hasen abbalgt oder einen Handschuh wendet. Wenn man den meist mit viel vertrauenerweckender Schadenfreude vorgetragenen Geschichten Glauben schenken wollte, dann konnte solch ein von innen nach außen gekehrtes Gespenst seines wahren Wesens auf einen zauberischen Zug verlustig gehen und sich buchstäblich im Handumdrehen in den Widerspruch seiner selbst verwandeln. Aus dreisten Poltergeistern entwickelten sich beispielsweise jämmerlich verheulte Tränentüchlein, unfähig, ein heftiges Erschrecken auszulösen oder ein auch nur halbwegs eindrucksvolles Donnergrollen zu erzeugen. Schwerlastige Alpe und Huckaufe konnten ohne weiteres um ihr ganzes schönes Gewicht gebracht werden und mußten in alle Ewigkeit als flockenleichte Windweben durch die Gegend geistern. Und – Kinder, Leser, Freunde! – selbst der mächtige und seiner eigenen Schreckenswirkung eitel bewußte Nickel von Kenilworth soll auf solche verquere Art eines Nachts seines ganzen unterirdischen Zaubers beraubt und von einem herrschaftlichen Schloßgespenst zu einem geduckten Kleingeist umgewunschen worden sein. Als solcher lebte er jedenfalls in den zahlreichen Nickel-Anekdoten unseres Erzählers fort, dem es ein unnatürlich-sonderbares Behagen zu machen schien, den Geist des Hauses öffentlich herabzuwürdigen.
»Als ein possierliches Kätzchen namens Minnie einmal in unserer mitternachtsschwarzen Ruine spazierenging, um die Mäuse im Speck zu prüfen und den Maulwürfen das Fell zu striegeln«, so oder ähnlich begann er vielleicht seine morgendliche Führungsrunde, um dann mit gräsigem Genuß zu schildern, wie ein ingwerrotes Kätzchen einen bleichen Gruselmann das Fürchten lehrte: »Das angstvolle Kreischen ist mir heute noch im Ohr, ein Kreischen wie von Kreide auf der Wandtafel.« Wovon der muntere Geisterbeschwörer nichts ahnte, und was ihm auch das Kätzchen, das es besser wußte, nicht sagen konnte, war freilich das gar nicht bloß gerüchteweise Vorhandensein eines Geistes mit dem Namen Nöck Nickel oder – ausgeschrieben – Nicholas von Kenilworth, der bleiche Folgeschatten eines vor Hunderten von Jahren verfluchten Mannes. Reichlich geschwächt zwar und durch Jahre des Unglaubens und der Aufklärung in seinem Selbstgefühl herabgemindert, aber bewegungsfähig etwa wie ein Wurm, fristete der nie ganz aus der Erinnerung Verbannte ein verquältes Dasein in den untersten Gewölbekammern des Kastells, ohnmächtig-gierig der erhofften Stunde seiner Auferstehung entgegenschnüffelnd.

Rezension I Buchbestellung III08 LYRIKwelt © Schöffling