Auf Wiedersehen in Kenilworth
(Leseprobe aus: Auf Wiedersehen in Kenilworth, Ein
Katzen-Märchen in dreizehn Kapiteln, 2008,
Schöffling & Co.)
Vor vielen vielen Jahren – und wenn ich sage viel, dann
meine ich auch viel, ein gutes Vierteljahrhundert ist es jetzt her –, da lebte
auf dem Schloß Kenilworth in England ein Kastellan mit Namen Jam McDamn nebst
seiner Katze Minnie, auch Ginger genannt, denn sie hatte ein ingwerrotes Fell.
Nun ist es freilich nicht so, daß wir uns unter unserem Kastellan so etwas wie
einen Burgvogt vorzustellen hätten; man denkt dabei zu früh an den
hochgestellten Dienstmann eines mächtigen Herren. Nein, bei normalem grauem
englischem Tageslicht betrachtet war Jam McDamn nur eben ein kleiner
Angestellter des städtischen Verkehrsbüros und auch das Schloß nur noch der
Schatten eines Schlosses, mit viel Kunst und noch mehr Portlandzement vor dem
Zusammenbrechen bewahrt und zur Besichtigung freigegeben täglich außer mittwochs
zwischen 9 Uhr morgens und 18 Uhr am Abend. Touristen aus allen möglichen und
vielen wirklichen Ländern hielten hier ihre kilometersüchtigen Autos an, um sich
an der Standhaftigkeit einer über tausend Jahre alten Festung zu erbauen. Junge
Weltenbummler aus Anaconda und Haderslev und Michipicoten und Schwaaz und Pill
und Ischinomaki und Hechthausen und Himmelpforten und Hammah kletterten mit dem
Efeu um die Wette an den Mauern hoch, um ihre leichtverderblichen Namen für alle
Ewigkeit in den Stein zu kerben. Aber auch die Leute von Kenilworth und
Stoneleigh und Canleigh und Norton Lindsey und den übrigen umliegenden
Ortschaften kehrten schon gern einmal im Umkreis der kriegsbrandroten Ruinen
ein, sei es, um an den immer noch mächtigen Turmstümpfen hoch- oder in die
klaftertiefen Verliese hinabzublicken, sei es, um sich Geschichten von
verbiesterten Zauberern oder verzauberten Biestern anzuhören, die an diesem Ort
ihr unaufgeklärtes Wesen treiben sollten. Der tollste Märchenerzähler war
freilich besagter McDamn, der sich im Zusammenfabeln haarsträubender
Gespenstergeschichten gar nicht genug tun konnte. Statt die Besucher, wie es
sein Amt gefordert hätte, mit den Baukünsten und Regierungsgeschäften von drei
Heinrichen, zwei Sigismunden und mehreren Eduards bekannt zu machen, hielt er es
lieber mit den neusten Nachrichten aus der Welt der Unwirklichen, wohl meinend,
daß auch die Fremden ein lebendiges Gruseln eher zu schätzen wüßten als einen
Haufen ausgebleichter Notizen über längst und lieblos hingemoderte Statthalter
oder Landnehmer.
Sehr gern erzählte er zum Beispiel – und erzählte gut – von jenen alljährlich im
November ausgerufenen Bügelwettbewerben, wo die erlauchtesten Gespenster
Mittelenglands ihre Hemdenlaken mit granitenen Leichensteinen zu glätten
trachteten, zum Sieger erklärt, wer als erstes einen winterkalten Stein zur
Weißglut erhitzen konnte. Auch sollten sich zur Zeit der Affodillenblüte gewisse
seit Jahrhunderten zerstrittene Gespenster-Clans in Kenilworth einfinden, um
ihre guten oder bösen Kräfte aneinander zu messen, der Art, daß der eine
Nachtmahr den anderen umzustülpen und in sein Gegenteil zu verkehren suchte,
etwa wie man einen Hasen abbalgt oder einen Handschuh wendet. Wenn man den meist
mit viel vertrauenerweckender Schadenfreude vorgetragenen Geschichten Glauben
schenken wollte, dann konnte solch ein von innen nach außen gekehrtes Gespenst
seines wahren Wesens auf einen zauberischen Zug verlustig gehen und sich
buchstäblich im Handumdrehen in den Widerspruch seiner selbst verwandeln. Aus
dreisten Poltergeistern entwickelten sich beispielsweise jämmerlich verheulte
Tränentüchlein, unfähig, ein heftiges Erschrecken auszulösen oder ein auch nur
halbwegs eindrucksvolles Donnergrollen zu erzeugen. Schwerlastige Alpe und
Huckaufe konnten ohne weiteres um ihr ganzes schönes Gewicht gebracht werden und
mußten in alle Ewigkeit als flockenleichte Windweben durch die Gegend geistern.
Und – Kinder, Leser, Freunde! – selbst der mächtige und seiner eigenen
Schreckenswirkung eitel bewußte Nickel von Kenilworth soll auf solche verquere
Art eines Nachts seines ganzen unterirdischen Zaubers beraubt und von einem
herrschaftlichen Schloßgespenst zu einem geduckten Kleingeist umgewunschen
worden sein. Als solcher lebte er jedenfalls in den zahlreichen Nickel-Anekdoten
unseres Erzählers fort, dem es ein unnatürlich-sonderbares Behagen zu machen
schien, den Geist des Hauses öffentlich herabzuwürdigen.
»Als ein possierliches Kätzchen namens Minnie einmal in unserer
mitternachtsschwarzen Ruine spazierenging, um die Mäuse im Speck zu prüfen und
den Maulwürfen das Fell zu striegeln«, so oder ähnlich begann er vielleicht
seine morgendliche Führungsrunde, um dann mit gräsigem Genuß zu schildern, wie
ein ingwerrotes Kätzchen einen bleichen Gruselmann das Fürchten lehrte: »Das
angstvolle Kreischen ist mir heute noch im Ohr, ein Kreischen wie von Kreide auf
der Wandtafel.« Wovon der muntere Geisterbeschwörer nichts ahnte, und was ihm
auch das Kätzchen, das es besser wußte, nicht sagen konnte, war freilich das gar
nicht bloß gerüchteweise Vorhandensein eines Geistes mit dem Namen Nöck Nickel
oder – ausgeschrieben – Nicholas von Kenilworth, der bleiche Folgeschatten eines
vor Hunderten von Jahren verfluchten Mannes. Reichlich geschwächt zwar und durch
Jahre des Unglaubens und der Aufklärung in seinem Selbstgefühl herabgemindert,
aber bewegungsfähig etwa wie ein Wurm, fristete der nie ganz aus der Erinnerung
Verbannte ein verquältes Dasein in den untersten Gewölbekammern des Kastells,
ohnmächtig-gierig der erhofften Stunde seiner Auferstehung entgegenschnüffelnd.
Rezension I Buchbestellung III08 LYRIKwelt © Schöffling