Funken fliegen zwischen Hut und Schuh von Peter Rühmkorf, 2003, DVAPeter Rühmkorf

Funken fliegen zwischen Hut und Schuh
(Leseprobe aus: Funken fliegen zwischen Hut und Schuh, 2003, DVA)

Als mich vor noch gar nicht so langer Zeit ein guter Kenner meiner Bücher unvermittelt mit der Frage überraschte, »Herr R., was würden Sie eigentlich als Zentrum Ihrer literarischen Bemühungen betrachten«, sah ich mich genötigt zu antworten: »Mein Zentrum? Naja, das ist natürlich kein fester Punkt im Gelände, es ist eher ein punctum saliens, und was ihn mal so und mal so springen läßt, sind gewisse Hochspannungsfelder, denen ich mich mein Leben lang ausgesetzt habe. Ich könnte diese Oszillation zwischen entgegengesetzten Polen auch mit den Namen zweier Dichter in Verbindung bringen, sie heißen Gottfried Benn und Bertolt Brecht, die beide gleichrangig als Systembildner für mich wichtig geworden sind.« Ich hatte bewußt Systembildner gesagt, nicht einfach nur stilistische Anreger, obwohl das eine ohne das andere nie ganz zu denken ist. Aufmerksam machen möchte ich Sie allerdings auch auf die Sonderbarkeit, daß es natürlich noch ganz andere Anreger geben kann, Poeten mit den süßesten betörendsten Flöten und eigenartigen bis einzigartigen Zungenschlägen – Georg Trakl zum Beispiel oder Ferdinand Hardekopf oder Joachim Ringelnatz – nur daß sich mit ihren Namen kaum der Gedanke an lyrische Lehrgebäude oder programmatisches Wirkenwollen verbindet. Erst mit Benn und Brecht gingen für uns zwei miteinander konkurrierende Leitgestirne am deutschen Dichterhimmel auf, die richtungweisend in die deutsche Nachkriegsszenerie hineinfunkten. Immer bedenken Sie, wir befanden uns mittlerweile Anfang bis Mitte der Fünfziger Jahre, in denen die Deutschen ihr latentes schlechtes Gewissen durch Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit abzutragen suchten, nur daß in unseren Schulen und Universitäten immer noch kein neuer Pfingstgeist eingezogen war. Im Gegenteil, der Sündenfall der deutschen Geisteswissenschaften als aktive oder duldende Shareholder der Nazidiktatur und ihre nachhaltige Unbußfertigkeit, wurden von der Dunstglocke des konservativen Lehrbetriebs weitgehend aufgeschluckt, und an einen Selbstreinigungsprozeß war im Netzwerk der seilschaftlich verbundenen Ordinarien überhaupt nicht zu denken. Hier blieben die jungen Studiosi also weitgehend auf die intellektuelle Selbstversorgung angewiesen, und sie drehten ihre Ohren in alle möglichen Richtungen, ob nicht irgendwo eine Heilsbotschaft aufzuschnappen war, die ihrem geistigen und moralischen Erneuerungshunger entsprach. Ich muß hier noch einmal hervorheben, daß sich die Schatten des Hitlerkrieges noch lange nicht verzogen hatten, aber daß ein neuer schon wieder drohend an den Horizont geschrieben stand, der sogenannte kalte Krieg, was meinen Freund Werner Riegel und mich bewegte, eine von uns gegründete Literaturzeitschrift herausfordernd »Zwischen den Kriegen« zu nennen. Dabei traf sich ein gewisses apokalyptisches Grundgefühl (FINISMUS hieß die von uns programmatischausgeläutete Kunstrichtung) mit dem ihm widersprüchlich assoziierten Bedürfnis, aufklärend und agitatorisch in die Zeit hineinzuwirken und dem erahnten Verhängnis gesellschaftskritisch zu begegnen. Wir haben hier also zwei antagonistische Schreibantriebe zur Kenntnis zu nehmen, die schwer auf einen Nenner zu bringen waren, allenfalls auf einen Bruch, und Freund Riegel erfand auch gleich den passenden Begriff dafür, das Pariawort »Schizographie«. Ich denke, das erklärt auch unsere in sich gespaltene Neigung zu unseren antagonistischen Vorbildern Benn und Brecht. Wo wir uns in unserem finalen Fracksausen geradezu leidensgenossenschaftlich von Gottfried Benn angezogen fühlten, mochten wir dem Verlangen nach einer Veränderung der Verhältnisse doch nicht einfach Valet sagen, was uns dann wieder an die Seite unseres anderen Gewährsmannes trieb. Wo/37ff.

Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © DVA