Die Jahre, die Ihr kennt von Peter Rühmkorf, 1999, RowohltPeter Rühmkorf

Die Jahre, die Ihr kennt
(Leseprobe aus: Die Jahre, die Ihr kennt, 1999, Rowohlt)

«Entschlossen, mein Ich zum Selbstkostenpreis in Kunst aufgehen zu lassen und dennoch Haus und Garten nicht aus dem Auge zu verlieren, stellte ich mich im Herbst des Jahres beim Pädagogischen Institut in Lüneburg vor. Da die Aufnahmeprüfer indes den ganzen Menschen wollten, ohne Abzüge und PSS-Freizeitvorstellungen, scheiterte ich trotz aufsehenerregender Leistungen in Weitsprung und Kugelstoßen am Vorauswahlexamen. Fiel folgerichtig auf mich selbst und das bereits geschilderte Küchensofa zurück. Versank unrettbar in selbstmörderischen Zwangsgedanken, in denen mir das durch keinerlei Bewußtsein getrübte Sein eines Haushuhns, eines Schweines, eines Landmanns, gar von Bülows Hund oder Fischkes Töchtern als arkadischer Zustand erschien. Eignete mir in wenigen lichten Momenten, in denen ich mich aus meinem selbstgemachten Schlinggestrüpp befreien konnte, den gesamten Freud an, der mich dann allerdings mit weiterem Licht versorgte. So also funktionierte der Mensch! So fein mechanisch war alles geordnet von der Kindheit und den Eingeweiden aufwärts bis zu den edelsten moralischen Gedanken und vice versa! Schrieb lange autoanalytische Tiraden an Döblin, den Psychiater, der schickte gütige Grußworte an eine verquollene Seele nebst Überweisung zu weiterer Privatbehandlung bei einem mir nicht näher bekannten Hans Henny Jahnn

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