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Ramses
Müller
(Leseprobe aus:
Ramses Müller, Roman, 2009,
Eichborn).
Schubal, der heißt wirklich so, seinen
Vornamen gab er ja nie preis, fragte ihn ja auch keiner danach, Schubal also wie
der Heizer, der rumänische, auf dem Schiff von Kafkas Amerika, also das Buch
jetzt, Kafka war ja kein Reeder. Weil den 16-jährigen Karl Rossmann das
35-jährige Dienstmädchen Johanna Brummer verführt hat und ein Kind von ihm
bekommt, schicken ihn seine Eltern aus Prag fort zum Onkel Jakob nach Amerika,
und auf dem Schiff ist seine erste Vertrauensperson eben jener Heizer,
vielleicht war Schubal ein Pseudonym Schubals, vielleicht nannte er sich nur so,
dann wäre er cleverer als der Eindruck, den er bei allen hinterließ. Schubal
also, also nicht der Heizer, aber Moment, vielleicht hieß er Heizer? Aber nein,
das wäre doch eine Ecke zu raffi niert für ihn, aber wer weiß, vielleicht haben
sich alle in ihm getäuscht und er hatte alle anderen in der Hand, sie waren
letztlich seine Marionetten, so ist das doch in schlechten Filmen, Krimis, wenn
der Simpelste alle in Schach hält, Die üblichen Verdächtigen, der eine mit dem
Hinkebein, Keyser Soze, Kevin
Spacey, stellt sich klein und schwach, als geprügelter Hund dar, fährt am Ende
mit Kobayashi im Taxi weg, während der Kommissar vor Wut in seinen Hut beißt,
lustig, sollten sie sich am Ende doch in Schubal getäuscht haben? Schubal, reimt
sich auf Zufall, König Zufall, wenn der Zufall die Normalität, den Fluss des
Lebens bestimmt, vielleicht war er doch der Lenker, der Geringste unter euch
soll euch führen, wie Jesus über das Wasser. Na, am Anfang bzw. im ganzen
Hergang war er schon eine reichlich traurige Gestalt, nicht? Freunde?
Fehlanzeige, eine Mutter gab�s irgendwie, hat man so gehört, Schwester auch,
irgendwo in Niedersachsen, wo sonst? Celle fi el wohl mal in irgendeinem
Gespräch, aber es kann auch irgendein nichthumanes Geräusch gewesen sein, das
zufällig wie Celle klang, eine umkippende Tasse etwa, über seine Herkunft hat er
ja auch nicht geredet, oder man wollte es einfach nicht hören, weil alles so
langweilig klingt, manhat es sofort wieder gelöscht aus dem Erinnerungsspeicher,
kann sein, dass er mit seiner Herkunft gebrochen hat, nein, gebrochen klingt
auch wieder zu pathetisch für Schubal, die Mutter wusste wohl nichts mit dem
Sohn anzufangen, sie hatten sich nichts zu sagen, verschiedene Wellenlängen, und
die Schwester, für die gab es nur ihre Akne, einziger Lebenszweck … nein, Uelzen
war das, wo der herkam, die Stadt, die sich keck mit einem fehlenden Umlaut
schmückt, die vielen Teile des Puzzlespiels müssen erst noch gestanzt werden,
bevor sie zusammengeschoben werden können, ein Bild zerstören, zerlegen, um es
zusammensetzen zu können. Also Schubal aus Uelzen.
Wann genau er nach Berlin gekommen ist, und warum, und vor allem, was er hier
eigentlich gemacht hat, kein Mensch wollte das wissen, er war einfach da, wie er
für seine Mutter in Uelzen eines Tages einfach nicht mehr da war, auch sie wird
das so hingenommen haben, er kam auf dem osmotischen Weg vermutlich, da gibt�s
ja Heerscharen von solchen Typen, Ameisenvölker, Pilzkolonien, die von überall
herkommen und einfach da sind, die assimilieren sich ganz schnell, können ihren
Aggregatzustand verändern, das ist vielleicht deren größte Kunst oder Leistung,
wenn man das so nennen kann, Mimikrymenschen, da zu sein und so zu tun, als wäre
nicht gerade ein Vulkan ausgebrochen oder ein Atomreaktor in die Luft gefl ogen
oder, naheliegender, die Berliner Mauer zernagt, und dann so zu tun, als sei
eben nur mal eine Tür auf- und wieder zugegangen, die lehnen an einem Baum und
werden nach einiger Zeit runzlig und undefi nierbar graubraun
wie Rinde und tun ganz erstaunt, wenn man sie dann fragt, was sie denn da machen
würden, verblüfft wären sie, beleidigt fast, sie würden Vögel beobachten,
Spechte, Kleiber, irgendwelche Rindenvögel, echt eine reife Leistung. »Was? Ich
hab die Vase umgeschmissen? Ich hab mich nicht vom Fleck gerührt, ich steh hier
schon seit drei Stunden vollkommen reglos, ist das jetzt auch schon verboten?«
Rezension I Buchbestellung I home III09 LYRIKwelt © Eichborn Verlag