aus: Es geschah in einer
Seitenstraße
(aus:
Es geschah in einer Seitenstraße, Roman, Erstes Buch, Erstes Kapitel, Pendragon - Übertragung Gabriele Haefs)
Ich heiße Bronwen Davies, und gestern habe ich einen Mann umgebracht. Auf jeden Fall kommt es mir so vor wie gestern. In Wirklichkeit war es während des Krieges. Ich war damals siebzehn, jetzt bin ich über siebzig. Also muß ich über fünfzig Jahre im Gestern gelebt haben. Ich weiß nicht, was aus allem Heute und Morgen geworden ist. Nur gestern spielte eine Rolle. Und spielt sie noch.
Ich schaue in den Spiegel. Duw. Die Runzeln in meiner Stirn, die Krähenfüße neben meinen Augen, das triste Doppelkinn, das nach unten sackt, weil es nicht anders kann, nichts von alledem war gestern schon vorhanden. An dem Tag, an dem ich den Mann umgebracht habe, der versucht hatte ... na ja, Sie wissen schon, was er wollte.
Auch nach all diesen Jahren macht das Wort mir Probleme. Denn damals wurde das Wort Vergewaltigung" nicht ausgesprochen. Wir benutzten einen Euphemismus. Er hat sich an ihr vergangen", so hieß es in meinen jungen Jahren, und jetzt fällt mir ein, wo ich mich mit sprachlichen Feinheiten doch wirklich auskenne, daß es so klingt, als hätte ich mich dafür zur Verfügung gestellt, als sei das alles meine Schuld. Er hat sich an ihr vergangen", klang sanfter als das krassere er hat sie vergewaltigt". Und das englische Wort rape", dieses einsilbige Wort, klingt wirklich nach Gewalt. Rape" ist ein Wort zum laut Herausschreien, wie help!" Vielleicht wäre mir damals ja wirklich jemand zu Hilfe gekommen. Doch es wäre mir lächerlich vorgekommen, zu rufen: Er vergeht sich an mir", ich fürchte, kaum jemand wäre davon beeindruckt gewesen. Ich rief aber nicht um Hilfe. Ich war so empört über alles, was da passierte, daß Rache mir wichtiger war als Rettung. Deshalb habe ich ihn ermordet. Jawohl. Das habe ich getan. Vor über fünfzig Jahren. Doch in meinem Herzen, in meinen Händen und in meinen Fingern war es gestern.
Es war Weihnachten 1943, eines dieser Kriegsweihnachten, zu denen der Schnee sich termingerecht einstellte. Wir lebten in einem Reihenhaus, in dem an der Ecke, es galt deshalb als feiner als die anderen und verdiente die Bezeichnung halbes Doppelhaus". Es war ein großes Haus, zu groß für meine Eltern und mich, deshalb wohnten im Obergeschoß Mieter. Zahlende Gäste, oder ZG, wie meine Mam sie nannte. Sie hielt das Wort Mieter" für vulgär. Wie gesagt, es war Weihnachten. Nur Mam und Dad und ich und zwei ZG waren zu Hause, sie hatten keine Familie, und deshalb taten sie Mam leid. Meistens kam zu Weihnachten auch unsere Tante Annie, aber in diesem Jahr wollte sie ihre Tochter in Abertillery besuchen. Sie hatten gerade angefangen, nach zwanzig zerstrittenen Jahren wieder miteinander zu sprechen, und dieses Weihnachtsfest sollte die große Versöhnungsfeier werden. Ich ging davon aus, daß sie sich wieder streiten würden, und zwar mitten beim Nachtisch. Solange sie Truthahn, Brotsoße und Füllung im Mund hätten, könnten sie nicht viel sagen, aber beim Nachtisch wäre das leichter, und dann würde die Bosheit blühen, wenn auch gemildert durch den süßen Nachgeschmack. Ich war sicher, daß meine Tante Annie im folgenden Jahr wieder bei uns sein würde. Ich fragte mich, ob sie wohl ein Geschenk für mich hätte, obwohl sie uns nicht besuchen wollte. Jedes Jahr kaufte sie mir eine mit bunten Steinen besetzte Brosche, und ich bewahrte alle Broschen in einer regenbogenfarbenen Reihe in meinem Regal auf. Ich steckte sie nie an, wischte aber ab und zu bei ihnen Staub. Tante Annie brachte jedes Jahr das Tranchiermesser mit, mein Dad hatte nämlich keins. Und nach dem Weihnachtsessen spülte sie es selber ab und steckte es in seine Lederscheide. Bis zum nächsten Jahr.
Das schärfste Messer in ganz Wales", sagte sie immer, ehe mein Dad den Braten zerlegte.
Und in England?" fragte ich dann.
Aber sie schnaubte nur. England spielte für meine Tante Annie keine Rolle. Sie machten sich nicht die Mühe, unsere Sprache zu lernen, und da war es ganz egal, wie scharf ihre Messer waren.
Lauf doch eben zu Tante Annie", sagte meine Mam. Sie fährt morgen früh nach Abertiller y. Also mach das lieber heute noch", sagte sie. Aber nimm die Straßenbahn. Es wird schon dunkel."
Sie gab mir zwei Pence. Das r eichte für die Hin- und Rückfahrt. Ich war klein für mein Alter, deshalb ging ich noch für unter vierzehn durch. Und ich wollte ohnehin nicht mit der Bahn fahren. Betty, die Besitzerin des Süßigkeitenladens an der Ecke, verkaufte auch ohne Lebensmittelkarten Lakritze, und dafür gab ich mein Fahrgeld aus.
Ich wartete auf die Straßenbahn, dann lief ich bis zur City Road mit ihr um die Wette. Ich kam oben an, und die Bahn zockelte noch immer den Hang hoch. Ich konnte sie klappern hören und wartete, bis sie um die Ecke bog, dann streckte ich ihr höhnisch meine Lakritzzunge heraus und holte tief Luft.
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