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Abrahams Sohn
(Leseprobe aus:
Abrahams Sohn, Roman,
2007, DuMont -
Übertragung Claudia Steinitz)
Sharon mochte diese Zeit des Monats nicht; die Aussicht, Leben zu schenken,
verströmte, man musste sich weiße Tücher in den Schritt stopfen und sich von
den Männern fernhalten. Zwölf Tage würde sie unrein sein, fünf Tage Regel
und sieben dazu, darauf kommt’s nicht an, dann würde sie ins Bad gehen; die
Balanit würde kontrollieren, dass kein Blut mehr die weiße Baumwolle
befleckte, würde den Stoff in ihr Geschlecht drücken, als wollte sie einen
Rest Weinhefe aus einem Flaschenhals wischen. Sharon hatte schon ein paar Mal
nachgeprüft, aber so war es eben, ein Ritual, man musste ihm Genüge tun, sich
von dieser Frau penetrieren lassen, die die halbe Stadt inspizierte. Sharon würde
sich an diesen Tagen ihres Lebens, die so hartnäckig wiederkehrten, von den Männern
fernhalten.
Sie würde in diesem Monat kein Kind empfangen. Seit ihrer Scheidung, zu Sukkot
wurden es vier Jahre, hatte sie keinen Verkehr mehr gehabt. Sie hatte einen Sohn
gehabt, er war tot. Die anderen Jungen in seinem Alter wollten keinen
Armeedienst leisten, stattdessen studierten sie die Thora, nutzten das Recht,
das der Staat ihnen zugestand. Ihr Sohn Eli hatte gesagt Ich gehe zur Armee und
dann in die Talmudschule.
Nach Eli hatte Sharon kein Kind mehr bekommen. Sie wusste nicht warum, war nicht
zum Arzt gegangen, wozu auch? Wenn sie kein Leben mehr schenken sollte, konnte
die Medizin auch nichts tun. Sharon hatte eine Bestimmung: ein einziges Kind.
Eli genügte ihr. Ihr Mann hätte gern acht oder zehn Kinder gehabt, aber
Sharons Körper hatte entschieden. Der Eifer des Ehemanns blieb ohne Folgen.
Jahrelang erwartete sie voller Freude das Blut, das ihr an den Beinen hinabrann,
wenn sie nicht Acht gab, der Beweis, dass ihr Körper aufs Gebären verzichtete
und dass Eli der einzige bleiben würde. Fröhlich hüpfte sie einmal im Monat
ins rituelle Bad. Nach der Periode der Unreinheit kam der Mann seiner Pflicht
nach, ein paar hastige Stöße bis zum Erguss, Sharon war eine leicht
einnehmbare Festung. Sie genoss diesen Moment; nicht, dass sie ihren Mann
liebte, aber sie mochte den Augenblick der Penetration, den fremden Körper, der
in sie eindrang. Am Anfang fürchtete sie, schwanger zu werden, aber sie
erkannte schnell, dass ihr Körper die Sache im Griff hatte, er nahm den Samen
auf, ohne etwas daraus zu machen, ließ ihn ruhen, bis das Blut floss und dann
wieder weiße Lappen, wieder berühre ich meinen Mann zwölf oder dreizehn Tage
nicht, wieder gebe ich ihm das Salz nicht direkt, wieder wartet er, bis ich es
auf den Tisch stelle, ehe er es nimmt, wieder schlafen in wir getrennten Betten
und wieder frisst es an ihm, je länger und länger das geht, und wieder bin ich
dran, wenn ich aus dem Bad komme, und ich liebe es, ihn liebe ich nicht, aber
das ist nicht so schlimm.
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