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Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig Bälle
(Leseprobe aus: Fünfundfünfzigtausendfünfhundertfünfundfünfzig
Bälle, Roman, 2003, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl)
Deutsche Offiziere kamen nun auf den Golfplatz.
NO und Laurent sahen sie haßerfüllt an, begleiteten sie mit vor Wut kochendem
Herzen, erwiesen sich aber dennoch als vorbildliche, gewissenhafte, perfekte
Caddies. John hatte es seinem Sohn klar und deutlich gesagt: In Kriegszeiten muß
man die Kunst der Verstellung erlernen. Es ist der einzige Augenblick, in dem
die unumstößliche Regel, die einem Gentleman das Lügen verbietet, Ausnahmen
zuläßt. Der Krieg ist nicht zu Ende. Die Deutschen haben uns besetzt, aber das
wird nicht so bleiben. Davon muß man überzeugt sein. Inzwischen muß man seine
innersten Gefühle für sich behalten. Wenn es einem an Kraft fehlt, muß man
zur List greifen. Man muß so listig sein wie der Fuchs, der ein edles Tier ist.
Man muß den Feinden ein undurchdringliches Gesicht zeigen, poker-face, wie die
Engländer sagen (was nicht »Schürhaken-Visage« heißt, sondern »Gesicht
eines Pokerspielers«).
Laurent hörte sich diese ungewöhnlich lange Rede seines im allgemeinen
wortkargen Vaters aufmerksam an. Und er befolgte seine Anweisungen peinlich
genau, nachdem er sie auch an NO weitergegeben hatte. Das eine oder andere Mal hätte
NO die Offiziere, die die verabscheute Uniform trugen, gerne durch irgendeine
Geste herausgefordert, doch er erkannte Laurents Argumente schnell an: Es war
einfach ein neues Spiel.
Wenn sie allein waren, ersannen sie trotz allem aufsehenerregende Taten. Zum
Beispiel: Sie würden einen ausgehöhlten, mit Pulver gefüllten und mit einer Zündschnur
verbundenen Ball in ein Loch legen. Und wenn Kommandant Geideherr von der
Gestapo und sein französischer Freund, der Verräter und Chef der Miliz, der
elende Giboux, der von allen Menschen mit Herz gehaßt wurde, sich zu ihrem
letzten infamen Streich gegen die Widerstandskämpfer beglückwünschen und an
das Loch herantreten würden, bum, dann würde ihnen der Ball ins Gesicht
springen und explodieren. Und mit einem einzigen Schlag gäbe es zwei Nazis und
einen Verräter weniger!
In der Villa gingen sehr geheimnisvolle Dinge vor sich. John hatte die
Gewohnheit angenommen, sich stundenlang in ein abseits gelegenes Zimmer auf der
Voilà-Seite zurückzuziehen, dessen Tür immer abgeschlossen war, sobald er
sich nicht darin aufhielt. Wenn Laurent sich ganz nahe heranschlich, ohne
gesehen zu werden, dann hörte er ihn manchmal sprechen, aber er fragte sich,
mit wem er sich wohl auf diese Weise unterhielt, denn er war ganz sicher allein.
Darüber hinaus gab es merkwürdige Geräusche, so als klimpere jemand auf einer
Klaviertastatur, doch es kam nur ein Pfeifen dabei heraus, ähnlich jenem, das
manchmal zu hören war, wenn Éléonore im Rundfunkempfänger Radio London
suchte, zwischen Monte-Carlo und Beromünster, und die Stimme nur mit großer Mühe
aus den Fadings oder den gewittrig knisternden Störungen hervortauchte.
Bisweilen trafen Fremde ein, die sich vorsichtig verhielten; bisweilen
verbrachten sie ein oder zwei Nächte in der Villa, dann verschwanden sie still
und heimlich, auf Nimmerwiedersehen. Die spanische Grenze ist nicht weit von B.
entfernt. Um von den Kindern nicht verstanden zu werden, sprachen sie mit John
und Éléonore Baskisch. Sie kamen bei Einbruch der Nacht, redeten wenig,
machten sich wieder auf den Weg, bevor die Sonne aufging, teilten die kümmerlichen
Mahlzeiten der Familie Akapo. Eines Morgens, als er früher aufgewacht war, sah
Laurent, wie eine alte Dame weinend seine Mutter umarmte und mit einem komischen
Akzent, als wäre sie eine Deutsche, zu ihr sagte:
»Merci! Merci!«
Und Éléonore drückte sie an sich und sagte:
»Alles Gute!«
Wie seltsam das alles war!
Zwei Ereignisse gruben sich besonders tief in sein Gedächtnis ein.
Beim ersten Mal saßen sie am Tisch. Es war ein Herbstabend. Sie warteten auf
Großtante Jeanne, die aus Lyon gekommen war, um ein paar Tage bei ihnen zu
verbringen. Zwei junge Leute waren ebenfalls anwesend, sie hießen Madeleine und
Georges, Bruder und Schwester, die seit einigen Monaten ziemlich oft zum Essen
dablieben. Niemand hatte Laurent gesagt, wo sie herkamen oder was sie machten.
Laurent mochte sie gern, denn sie bildeten in diesem ewigen Wechsel ein Element
der Beständigkeit. Und außerdem brachten sie ihm immer irgendein Geschenk mit.
Eines Tages sogar eine Schachtel Golfbälle, die er aufbewahrte, aber nicht zu
den anderen legte, zu seiner immer größer werdenden Sammlung, denn das wäre
Mogelei gewesen. Sie saßen am Tisch, bereit, ein mageres Abendessen aus
Saubohnen zu verzehren, und dazu als Fleisch die harten Gerippe zweier Elstern,
die John im Garten mit dem Jagdgewehr erlegt hatte. Plötzlich klingelte es
ungestüm an der Eingangstür. Und Laurent sah zu seinem Erstaunen, wie diese
beiden gut erzogenen jungen Leute vom Tisch aufsprangen und, ohne ihre
Servietten zusammenzufalten oder sich zu entschuldigen, in den Garten liefen.
Durch das Fenster sah er sie über die Mauer der Nachbarvilla klettern und
verschwinden. Um im übrigen schon am nächsten Tag wieder aufzutauchen, als sei
nichts geschehen, als wäre diese wunderliche Aktion das Normalste von der Welt
gewesen, eine Turnübung vielleicht. Laurent begriff, aber erst viel später, daß
es für die Klingel an der Eingangstür einen Code gegeben haben mußte, daß
Tante Jeanne an jenem Abend vergessen hatte, dem vereinbarten Code entsprechend
zu klingeln und daß die zwei Illegalen aus Vorsicht getürmt waren.
[ ... ]
Er nahm den oder die neuen Bälle aus der Tasche. Und dann begann er mit seinem täglichen Ritual. Er kontrollierte die Nummer des letzten, am Vorabend befestigten Balls, die in Blau auf eine Zunge aus Pappkarton darunter gemalt war, gefolgt vom Datum. Eine überflüssige Kontrolle, denn er erinnerte sich ganz genau an sie. Diesen kontrollierenden Blick unterließ er jedoch nie. Er bereitete die Halterung für den Ball sorgfältig vor, entfernte die Erkennungsmerkmale (Marke, Nummer), indem er ihn mit weißer Farbe anpinselte; dann klebte er ihn auf den ebenfalls weißen Pappkarton, bestrich den Karton auf der Rückseite mit Kleber und machte das Ganze an der (weißen) Tapete der Wand fest; als Fortsetzung der gerade in Arbeit befindlichen Ballreihe oder, wenn eine Zimmerecke erreicht war, am Anfang einer neuen Reihe. In jedem Raum, jedem von allen Möbeln befreiten, mit derselben weißen Tapete austapezierten Raum, begann er immer auf dieselbe Art, links von der Eingangstür, oben, so nah an der Decke wie möglich, und machte ringsum weiter, bis er rechts von der Tür ankam. Er klebte eine Wand nach der anderen voll. Jede fertige Wand bildete eine ganz und gar mit Golfbällen bedeckte Fläche, alle Bälle waren auf weißem Untergrund befestigt und in Blau numeriert (das Datum in Schwarz). Für die oberen Reihen mußte er auf eine kleine Bockleiter steigen. Er reihte die Bälle sorgfältig aneinander, irrte sich nie, irrte sich auch nie in der Numerierung. Er schrieb die Nummer jedes Balls nicht in Zahlen auf, sondern in Wörtern: dreiunddreißigtausendunddreiundfünfzig, zum Beispiel; sechsundzwanzigtausendneunhundertneunundneunzig. Und diese Wörter waren weder französisch noch englisch, sondern baskisch. Jedesmal, wenn er die für einen Ball bestimmte Nummer malte, sagte er diese Nummer auch laut vor sich hin, in derselben Sprache (in der er nur das konnte: zählen); langsam und deutlich. Denn er hatte es sich angewöhnt zu zählen, während er malte. Er malte die Nummer eines Balls, und zugleich sagte er sie mit lauter Stimme; dann sagte er das Datum des jeweiligen Tages. Er zählte auf Baskisch, sagte das Datum auf Englisch. Alle Fenster, wenn es Fenster im Raum gab, waren geschlossen, die Läden zugeklappt. Es gab ein einziges Licht: eine nackte Glühbirne an der Decke. Je mehr Zeit verging, desto länger wurden die Zahlen, desto mehr Platz nahmen sie an den Wänden ein, desto weiter waren die Bälle voneinander entfernt. Wenn in den Zimmern kein Platz mehr sein würde, dann mußte er die Korridore füllen; doch er glaubte nicht, daß es so weit kommen würde. Die Villa war groß. 1968, nach seiner Rückkehr aus Schottland und Lyon, beschloß er, seine Nummern und Daten allmählich heller werden zu lassen; Blau und Schwarz würden sich langsam dem Weiß annähern; und der letzte Vermerk sollte so weiß sein wie das Weiß des letzten Balls. Er würde die Nummern immer leiser sprechen, bis zur vollkommenen Stille. Wenn er ans Ende gekommen sein würde, dann wollte er diese seltsame und komplizierte Dekoration zerstören. Er würde die Bälle einen nach dem anderen ablösen, in umgekehrter Reihenfolge der Numerierung, vom letzten bis zum ersten Ball. Er würde die Bälle in schwarze Müllsäcke zu hundertfünfzig Liter stopfen, einen Lieferwagen mit Chauffeur mieten (er konnte nicht Auto fahren), alles auf den Rasen von NOs herrlichem Wohnsitz schütten lassen, ihn auffordern, nachzuzählen, zu überprüfen, ob die Rechnung stimmte, und dann ein Papier zu unterschreiben, das er aufgesetzt, dessen Wortlaut er genauestens abgewogen hatte und welches erklärte, daß er, Laurent Akapo, das Norbert Couarat 1944 gegebene Versprechen gehalten habe. Die visionäre Vorstellung dieses Augenblicks half ihm; manchmal.
1983 wurde er fünfzig. Die Belegschaft des Golfplatzes legte zusammen und schenkte ihm eine Schachtel Bälle, Luxusbälle. Er war gerührt; bedankte sich. Aber diese Bälle nahm er nicht in seine Sammlung auf.
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