Exit Ghost von Philip Roth, 2008, HanserPhilip Roth

Exit Ghost
(Leseprobe aus: Exit Ghost, Roman, 2008, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).

Zuverlässiges Schriftstellerehepaar, Anfang Dreißig,
möchte gemütliche 3-Zimmer-Wohnung mit großer
Bibliothek in der Upper West Side gegen ruhiges
Haus in ländlicher Umgebung 150 km von New York
tauschen. Neuengland bevorzugt. Termin sofort, vorzugsweise
für ein Jahr …

Ohne zu warten – so spontan, wie ich meine Einwilligung zu

der Kollagen-Behandlung gegeben hatte, über die ich doch

eigentlich erst zu Hause hatte nachdenken wollen, bevor ich

mich ihr unterzog, so spontan, wie ich die New York Review

gekauft hatte –, ging ich die Treppe neben der Küche hinunter,

wo, wie ich mich erinnerte, gegenüber der Tür zur Herrentoilette

ein Telefon hing. Die in der Anzeige angegebene

Telefonnummer hatte ich auf einem Zettel notiert, auf den ich

den Namen »Amy Bellette« geschrieben hatte. Ich sagte dem

Mann, der sich meldete, ich riefe wegen der Anzeige an, in der

es um einen Wohnungstausch für ein Jahr gehe. Mir gehöre

ein kleines Haus auf dem Land im Westen von Massachusetts,

es liege an einem Feldweg auf einem Hügel neben einer großen,

sumpfigen Marsch, die ein Vogel- und Naturschutzgebiet

sei, rund zweihundert Kilometer von New York entfernt.

Bis zum nächsten Haus seien es achthundert Meter, und un-

ten im Tal, zwölf Kilometer entfernt, gebe es eine Kleinstadt

mit einem College, einem Supermarkt, einer Buchhandlung,

einer Weinhandlung, einer ausgezeichneten College-Bibliothek

und einer gutbesuchten Bar, wo man auch anständig

essen könne. Wenn das ungefähr dem entspreche, was er sich

vorgestellt habe, würde ich gern vorbeikommen, mir die

Wohnung ansehen und den Tausch besprechen. Ich sei im Augenblick

in der Upper West Side, nur wenige Blocks entfernt;

wenn er nichts dagegen habe, könne ich in wenigen Minuten

dasein.

Der Mann lachte. »Sie hören sich an, als wollten Sie noch

heute nacht einziehen.«

»Wenn Sie heute nacht ausziehen wollen«, sagte ich und

meinte es ernst.

Bevor ich zu meinem Tisch zurückkehrte, ging ich auf die

Herrentoilette, trat in eine Kabine und ließ die Hose herunter,

um zu sehen, ob die Behandlung gewirkt hatte. Um auszulöschen,

was ich sah, schloss ich die Augen, um auszulöschen,

was ich empfand, fluchte ich laut. »Scheißtraum!« rief

ich und meinte damit den Traum, plötzlich wie alle anderen

zu sein.

Ich machte mich daran, die Watteeinlage aus der Plastikunterhose

zu entfernen und durch eine neue aus dem kleinen

Päckchen, das ich in der Innentasche meines Jacketts hatte, zu

ersetzen. Ich wickelte die benutzte Einlage in Toilettenpapier,

warf sie in den mit einem Deckel versehenen Papierkorb neben

dem Waschbecken, wusch mir die Hände und stieg, gegen

die Düsternis meiner Stimmung ankämpfend, wieder die

Treppe hinauf.

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