Nemesis von Philip Roth, 2011, HanserPhilip Roth

Nemesis
(Leseprobe aus: Nemesis, Roman, 2011, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).

1 Äquatorial-Newark

den ersten poliofall in jenem Sommer gab es Anfang Juni,

kurz nach dem Memorial Day, in einem armen italienischen

Viertel auf der anderen Seite der Stadt. In unserem jüdischen

Viertel Weequahic im Südwesten von Newark hörten wir

nichts davon, ebensowenig wie von dem nächsten Dutzend

Fälle, die in praktisch allen Vierteln außer unserem auftraten.

Erst nach dem 4. Juli, als es bereits vierzig waren, erschien

auf der Titelseite der Abendzeitung ein Artikel mit der Überschrift

»Gesundheitsamt warnt Eltern vor Polio«, in dem Dr.

William Kittell, der Leiter des Gesundheitsamtes, Eltern aufforderte,

ein Auge auf ihre Kinder zu haben und unverzüglich

einen Arzt aufzusuchen, wenn ein Kind Symptome wie Kopfschmerzen,

Halsschmerzen, Übelkeit, Nackenstarre,

Gelenkschmerzen

oder Fieber zeigte. Er räumte zwar ein, dass vierzig

Fälle so früh im Sommer mehr als doppelt so viel seien wie

sonst, betonte jedoch, angesichts einer Einwohnerzahl von

429000 könne man keineswegs von einer Poliomyelitis-Epidemie

sprechen. In diesem wie in jedem anderen Sommer gelte

es, achtsam zu sein und angemessene hygienische Vorbeugungsmaßnahmen

zu treffen, doch bestehe noch kein Grund

zu einer

»durchaus verständlichen« Unruhe wie vor achtundzwanzig

Jahren. Damals war es zu der größten bekannten Epi

demie dieser Krankheit gekommen: Bei der Poliowelle, die

1916 durch den Nordosten der Vereinigten Staaten gegangen

war, hatte es über 27000 Fälle und 6000 Tote gegeben, in

Newark

allein 1360 Fälle und 363 Tote.

Selbst in einem Jahr mit einer durchschnittlichen Anzahl

von Infektionen, in dem das Risiko einer Ansteckung weit kleiner

war als 1916, bereitete eine Krankheit, die bewirken konnte,

dass Kinder gelähmt und ihr Leben lang behindert blieben

oder nicht imstande waren, außerhalb eines als »Eiserne Lunge

« bekannten Metallapparats zu atmen, eine Krankheit, die

manchmal durch Lähmung der Atemmuskulatur unausweichlich

zum Tod führte, den Eltern in unserem Viertel täglich erhebliche

Sorgen. Auch den Kindern, die den Sommer über

schulfrei hatten und den ganzen Tag bis in die lang anhaltende

Dämmerung hinein draußen spielen konnten, verdarb sie die

Ferienstimmung. Die Angst vor den schlimmen Folgen einer

Ansteckung mit Polio wurde zusätzlich verstärkt durch die

Tatsache, dass es keine wirksame Behandlung gab und ein

Impfstoff, der zuverlässigen Schutz geboten hätte, noch nicht

gefunden war. Polio – oder Kinderlähmung, wie die Krankheit

genannt wurde, als man dachte, sie befalle in erster Linie

Kleinkinder – konnte aus heiterem Himmel jeden treffen. Obwohl

hauptsächlich Kinder unter sechzehn darunter litten,

konnten sich auch Erwachsene infizieren, wie zum Beispiel

der Präsident der Vereinigten Staaten.

Franklin Delano Roosevelt, das berühmteste Polio-Opfer,

hatte sich die Krankheit als kräftiger, gesunder Mann von

neununddreißig Jahren zugezogen. Er konnte ohne fremde

Hilfe nicht gehen, und selbst dann brauchte er schwere Beinschienen

aus Stahl und Leder, die von der Hüfte bis zu den

Füßen reichten. Die von ihm ins Leben gerufene Hilfsorganisation

»March of Dimes«, die »Pfennigparade«, sammelte

Geld für die Forschung und die Unterstützung betroffener

Familien; obgleich in einigen Fällen eine teilweise oder sogar

vollständige Genesung möglich war, erfolgte sie meist erst

nach monate- oder jahrelangen teuren Krankenhausaufenthalten

mit Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen. Einmal

im Jahr, während der Aktionswoche, spendeten Amerikas Kinder

in den Schulen ihr Kleingeld für den Kampf gegen diese

Krankheit, sie steckten die Münzen in die Sammelbüchsen,

die von den Platzanweiserinnen in den Kinos durch die Reihen

geschickt wurden, und in den Büros, Läden und Schulkorridoren

im ganzen Land hingen Plakate, die verkündeten:

»Auch du kannst helfen!« und »Hilf, Kinderlähmung zu

bekämpfen!« – Plakate mit dem Bild eines niedlichen kleinen

Mädchens mit Beinschienen, das schüchtern am Daumen

lutschte, oder eines hübschen, tapferen, heldenhaft lächelnden

Jungen im Rollstuhl –, und die Gefahr, diese unheilbare

Krankheit zu bekommen, in den Augen der gesunden Kinder

nur um so realer und beängstigender erscheinen ließen.

Newark lag nicht weit über dem Meeresspiegel, und die

Sommer waren schwül. Weil die Stadt teilweise von ausgedehntem,

sumpfigem Marschland umgeben war – einer der

Hauptgründe für das Auftreten von Malaria in jener Zeit, als

auch sie eine unheilbare Krankheit gewesen war –, mussten

wir uns ganzer Schwärme von Moskitos erwehren, wenn wir

uns abends in Gassen und Einfahrten auf Gartenstühle setzten,

um der stickigen Wärme unserer Wohnungen zu entkommen,

wo man die mörderische Hitze nur mit einer kalten

Dusche und Eiswasser mildern konnte. Damals gab es noch

keine Klimaanlagen für den privaten Gebrauch, und der kleine

schwarze Ventilator, der auf einem Tisch stand und die Luft im

Zimmer in Bewegung hielt, brachte bei Temperaturen über

fünfunddreißig Grad, die in jenem Sommer häufig auftraten

und dann eine Woche oder gar zehn Tage lang anhielten, kaum

Linderung. Draußen zündete man Zitronellenkerzen an und

versprühte Insektenvertilgungsmittel, um die Moskitos und die

Fliegen auf Abstand zu halten, die Malaria, Gelbfieber und

Typhus übertrugen und von vielen für die Krankheitsüberträger

der Polio gehalten wurden, so auch von Newarks Bürgermeister

Drummond, der eine »Tod den Fliegen

«-Kampagne

ins Leben rief. Wenn es einer Fliege oder Mücke trotz der Fliegengitter

gelang, durch eine offene Tür ins Haus zu schlüpfen,

so wurde sie mit Fliegenklatsche und Insektenspray unbarmherzig

zur Strecke gebracht, denn man fürchtete, sie bräuchte

mit ihren von Keimen wimmelnden Beinen nur auf einem der

schlafenden Kinder zu landen, um es mit Polio zu infizieren.

Da damals noch niemand den Übertragungsweg kannte, war

man misstrauisch gegenüber allem und jedem – das galt auch

für die streunenden Katzen, die sich über unsere Mülltonnen

hermachten, oder die herrenlosen Hunde, die ihr Geschäft

mitten auf dem Bürgersteig verrichteten, und die Tauben, die

gurrend auf den Giebeln der Häuser saßen und unsere Vortreppen

beschmutzten. Um die Krankheit einzudämmen, ließ

das Gesundheitsamt nach den ersten aufgetretenen Fällen und

noch bevor amtlich festgestellt worden war, dass es sich um

eine Epidemie handelte, systematisch die überaus zahlreichen

streunenden Katzen töten, obgleich niemand wusste, ob sie

mit der Ausbreitung der Polio mehr zu tun hatten als Hauskatzen.

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