Nemesis
(Leseprobe aus:
Nemesis, Roman, 2011, Hanser - Übertragung
Dirk van Gunsteren).
1 Äquatorial-Newark
den ersten poliofall in jenem Sommer gab es Anfang Juni,
kurz nach dem Memorial Day, in einem armen italienischen
Viertel auf der anderen Seite der Stadt. In unserem jüdischen
Viertel Weequahic im Südwesten von Newark hörten wir
nichts davon, ebensowenig wie von dem nächsten Dutzend
Fälle, die in praktisch allen Vierteln außer unserem auftraten.
Erst nach dem 4. Juli, als es bereits vierzig waren, erschien
auf der Titelseite der Abendzeitung ein Artikel mit der Überschrift
»Gesundheitsamt warnt Eltern vor Polio«, in dem Dr.
William Kittell, der Leiter des Gesundheitsamtes, Eltern aufforderte,
ein Auge auf ihre Kinder zu haben und unverzüglich
einen Arzt aufzusuchen, wenn ein Kind Symptome wie Kopfschmerzen,
Halsschmerzen, Übelkeit, Nackenstarre,
Gelenkschmerzen
oder Fieber zeigte. Er räumte zwar ein, dass vierzig
Fälle so früh im Sommer mehr als doppelt so viel seien wie
sonst, betonte jedoch, angesichts einer Einwohnerzahl von
429000 könne man keineswegs von einer Poliomyelitis-Epidemie
sprechen. In diesem wie in jedem anderen Sommer gelte
es, achtsam zu sein und angemessene hygienische Vorbeugungsmaßnahmen
zu treffen, doch bestehe noch kein Grund
zu einer
»durchaus verständlichen« Unruhe wie vor achtundzwanzig
Jahren. Damals war es zu der größten bekannten Epi
demie dieser Krankheit gekommen: Bei der Poliowelle, die
1916 durch den Nordosten der Vereinigten Staaten gegangen
war, hatte es über 27000 Fälle und 6000 Tote gegeben, in
Newark
allein 1360 Fälle und 363 Tote.
Selbst in einem Jahr mit einer durchschnittlichen Anzahl
von Infektionen, in dem das Risiko einer Ansteckung weit kleiner
war als 1916, bereitete eine Krankheit, die bewirken konnte,
dass Kinder gelähmt und ihr Leben lang behindert blieben
oder nicht imstande waren, außerhalb eines als »Eiserne Lunge
« bekannten Metallapparats zu atmen, eine Krankheit, die
manchmal durch Lähmung der Atemmuskulatur unausweichlich
zum Tod führte, den Eltern in unserem Viertel täglich erhebliche
Sorgen. Auch den Kindern, die den Sommer über
schulfrei hatten und den ganzen Tag bis in die lang anhaltende
Dämmerung hinein draußen spielen konnten, verdarb sie die
Ferienstimmung. Die Angst vor den schlimmen Folgen einer
Ansteckung mit Polio wurde zusätzlich verstärkt durch die
Tatsache, dass es keine wirksame Behandlung gab und ein
Impfstoff, der zuverlässigen Schutz geboten hätte, noch nicht
gefunden war. Polio – oder Kinderlähmung, wie die Krankheit
genannt wurde, als man dachte, sie befalle in erster Linie
Kleinkinder – konnte aus heiterem Himmel jeden treffen. Obwohl
hauptsächlich Kinder unter sechzehn darunter litten,
konnten sich auch Erwachsene infizieren, wie zum Beispiel
der Präsident der Vereinigten Staaten.
Franklin Delano Roosevelt, das berühmteste Polio-Opfer,
hatte sich die Krankheit als kräftiger, gesunder Mann von
neununddreißig Jahren zugezogen. Er konnte ohne fremde
Hilfe nicht gehen, und selbst dann brauchte er schwere Beinschienen
aus Stahl und Leder, die von der Hüfte bis zu den
Füßen reichten. Die von ihm ins Leben gerufene Hilfsorganisation
»March of Dimes«, die »Pfennigparade«, sammelte
Geld für die Forschung und die Unterstützung betroffener
Familien; obgleich in einigen Fällen eine teilweise oder sogar
vollständige Genesung möglich war, erfolgte sie meist erst
nach monate- oder jahrelangen teuren Krankenhausaufenthalten
mit Therapie- und Rehabilitationsmaßnahmen. Einmal
im Jahr, während der Aktionswoche, spendeten Amerikas Kinder
in den Schulen ihr Kleingeld für den Kampf gegen diese
Krankheit, sie steckten die Münzen in die Sammelbüchsen,
die von den Platzanweiserinnen in den Kinos durch die Reihen
geschickt wurden, und in den Büros, Läden und Schulkorridoren
im ganzen Land hingen Plakate, die verkündeten:
»Auch du kannst helfen!« und »Hilf, Kinderlähmung zu
bekämpfen!« – Plakate mit dem Bild eines niedlichen kleinen
Mädchens mit Beinschienen, das schüchtern am Daumen
lutschte, oder eines hübschen, tapferen, heldenhaft lächelnden
Jungen im Rollstuhl –, und die Gefahr, diese unheilbare
Krankheit zu bekommen, in den Augen der gesunden Kinder
nur um so realer und beängstigender erscheinen ließen.
Newark lag nicht weit über dem Meeresspiegel, und die
Sommer waren schwül. Weil die Stadt teilweise von ausgedehntem,
sumpfigem Marschland umgeben war – einer der
Hauptgründe für das Auftreten von Malaria in jener Zeit, als
auch sie eine unheilbare Krankheit gewesen war –, mussten
wir uns ganzer Schwärme von Moskitos erwehren, wenn wir
uns abends in Gassen und Einfahrten auf Gartenstühle setzten,
um der stickigen Wärme unserer Wohnungen zu entkommen,
wo man die mörderische Hitze nur mit einer kalten
Dusche und Eiswasser mildern konnte. Damals gab es noch
keine Klimaanlagen für den privaten Gebrauch, und der kleine
schwarze Ventilator, der auf einem Tisch stand und die Luft im
Zimmer in Bewegung hielt, brachte bei Temperaturen über
fünfunddreißig Grad, die in jenem Sommer häufig auftraten
und dann eine Woche oder gar zehn Tage lang anhielten, kaum
Linderung. Draußen zündete man Zitronellenkerzen an und
versprühte Insektenvertilgungsmittel, um die Moskitos und die
Fliegen auf Abstand zu halten, die Malaria, Gelbfieber und
Typhus übertrugen und von vielen für die Krankheitsüberträger
der Polio gehalten wurden, so auch von Newarks Bürgermeister
Drummond, der eine »Tod den Fliegen
«-Kampagne
ins Leben rief. Wenn es einer Fliege oder Mücke trotz der Fliegengitter
gelang, durch eine offene Tür ins Haus zu schlüpfen,
so wurde sie mit Fliegenklatsche und Insektenspray unbarmherzig
zur Strecke gebracht, denn man fürchtete, sie bräuchte
mit ihren von Keimen wimmelnden Beinen nur auf einem der
schlafenden Kinder zu landen, um es mit Polio zu infizieren.
Da damals noch niemand den Übertragungsweg kannte, war
man misstrauisch gegenüber allem und jedem – das galt auch
für die streunenden Katzen, die sich über unsere Mülltonnen
hermachten, oder die herrenlosen Hunde, die ihr Geschäft
mitten auf dem Bürgersteig verrichteten, und die Tauben, die
gurrend auf den Giebeln der Häuser saßen und unsere Vortreppen
beschmutzten. Um die Krankheit einzudämmen, ließ
das Gesundheitsamt nach den ersten aufgetretenen Fällen und
noch bevor amtlich festgestellt worden war, dass es sich um
eine Epidemie handelte, systematisch die überaus zahlreichen
streunenden Katzen töten, obgleich niemand wusste, ob sie
mit der Ausbreitung der Polio mehr zu tun hatten als Hauskatzen.
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