Empörung von Philip Roth, 2009, HanserPhilip Roth

Empörung
(Leseprobe aus: Empörung, Roman, 2009, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).

»Haben Sie das Gefühl, Sie könnten hier Probleme bekommen? « fragte der Dean.
»Nein, Sir. Habe ich nicht, Sir.«
»Wie läuft es für Sie im Unterricht?«
»Gut, glaube ich, Sir.«
»Die Kurse bringen Ihnen alles, was Sie sich erhofft haben?«
»Ja, Sir.«

Strenggenommen stimmte das nicht. Für meinen Geschmack waren die Lehrer entweder zu förmlich oder zu leutselig, und in diesen ersten Monaten auf dem Campus hatte ich noch keinen gefunden, der mich so fasziniert hätte wie die, die ich am Robert Treat gehabt hatte. Die Lehrer am Robert Treat pendelten fast alle die zwölf Meilen von New York City nach Newark zur Arbeit, sie schienen mir voller Tatendrang, und jeder hatte eine Meinung – manche vertraten trotz des herrschenden politischen Drucks entschieden und unverblümt linke Ansichten –, und davon sah ich bei diesen Leuten im Mittelwesten nichts. Zwei meiner Lehrer am Robert Treat waren Juden, schwärmerisch auf eine mir durchaus nicht unvertraute Weise, aber selbst die drei, die keine Juden waren, redeten viel schneller und aggressiver als die Lehrer in Winesburg und brachten aus dem Tohuwabohu auf der anderen Seite des Hudson eine Haltung mit ins Klassenzimmer, die ausgeprägter und härter und insgesamt viel vitaler war und sie auch nicht unbedingt davon abhielt, ihre Aversionen offen zu zeigen. Nachts im Bett, wenn Elwyn in der Koje über mir schlief, dachte ich oft an diese großartigen Lehrer, die ich dort zum Glück gehabt hatte, die ich heftig verehrt hatte und die mich zum erstenmal mit echtem Wissen bekannt gemacht hatten; und ich dachte mit unerwartet liebevollen Gefühlen, die mich beinahe übermannten, an meine Freunde aus der Baseballmannschaft, etwa an meinen italienischen Kumpel Angelo Spinelli, die jetzt alle für mich verloren waren. Am Robert Treat hatte ich nie das Gefühl gehabt, es gebe irgendeine althergebrachte Lebensweise, die alle am College zu bewahren suchten, während sich mir in Winesburg genau der gegenteilige Eindruck aufdrängte, wann immer ich die Fans dort die Vorzüge ihrer »Tradition« preisen hörte.

»Haben Sie ausreichend Kontakte?« fragte Caudwell.
»Kommen Sie dazu, andere Studenten kennenzulernen?«
»Ja, Sir.«

Ich wartete, dass er mich aufforderte, ihm alle aufzuzählen, die ich bisher kennengelernt hatte, und nahm an, er werde sich die Namen auf dem Notizblock vor ihm notieren – auf
dem oben bereits in seiner Handschrift mein Name stand –, um sie dann in sein Büro zu bestellen und herauszufinden, ob ich die Wahrheit gesagt hatte. Er nahm aber nur eine Karaffe von dem kleinen Tisch neben seinem Schreibtisch, schenkte ein Glas Wasser ein und reichte es mir.

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