Jedermann/Everyman
(Leseprobe aus: Everyman/Jedermann, Roman,
2006, Hanser - Übertragung Werner Schmitz)
Er stand am Grab unter zwei Dutzend
seiner Verwandten, zu seiner Rechten seine Tochter, die seine Hand umklammerte,
hinter ihm seine zwei Söhne, seine Frau neben seiner Tochter. Nur dort zu
stehen und den Schlag hinzunehmen, den der Tod des Vaters stets bedeutet, erwies
sich als eine erstaunliche Herausforderung an seine physischen Kräfte – gut,
daß Howie links neben ihm stand und einen Arm fest um seine Hüfte gelegt
hatte, um zu verhindern, daß irgend etwas Unschickliches geschah.
Seine Mutter und sein Vater waren immer leicht zu durchschauen gewesen. Sie
waren eine Mutter und ein Vater. Sie hatten nur wenige andere Wünsche. Aber der
Raum, den ihre Körper eingenommen hatten, war jetzt leer. Ihre lebenslange
Stofflichkeit war dahin. Der Sarg seines Vaters, eine schlichte Kiefernkiste,
wurde an Gurten in das Loch hinabgelassen, das man neben dem Sarg seiner Frau für
ihn ausgehoben hatte. Dort würde der Tote noch viel mehr Stunden verbringen,
als er mit dem Verkauf von Schmuck zugebracht hatte, und schon das war nicht zu
verachten gewesen. 1933, in dem Jahr, in dem sein zweiter Sohn geboren wurde,
hatte er das Geschäft aufgemacht, und 1974, nachdem er Verlobungs- und Eheringe
an drei Generationen von Familien in Elizabeth verkauft hatte, hatte er es
abgestoßen. Wie er 1933 das Kapital beschafft hatte, wie er 1933 überhaupt
Kunden gefunden hatte, war seinen Söhnen immer ein Rätsel geblieben. Aber
ihretwegen hatte er seinen Job hinter der Uhrentheke in Abelsons Geschäft an
der Springfield Avenue in Irvington aufgegeben, wo er montags, mittwochs,
freitags und samstags von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und dienstags und
donnerstags von neun bis fünf gearbeitet hatte, und sein eigenes kleines Geschäft
in Elizabeth eröffnet, der ganze Laden nur fünf Meter breit und vom ersten Tag
an mit der schwarzen Aufschrift auf dem Schaufenster versehen: »Diamanten –
Schmuck – Uhren«, und darunter in kleinerer Schrift: »Reparatur von Uhren
und Schmuck aller Art«. Im Alter von zweiunddreißig Jahren war er endlich so
weit, daß er seine sechzig bis siebzig Stunden die Woche nicht mehr für Moe
Abelson, sondern für seine eigene Familie arbeitete. Um die starke
Arbeiterschicht von Elizabeth anzulocken und die Zehntausende frommer Christen
der Hafenstadt nicht mit seinem jüdischen Namen zu verunsichern oder
abzuschrecken, gewährte er großzügig Kredit – und achtete nur darauf, daß
sie mindestens dreißig oder vierzig Prozent in bar anzahlten. Nie prüfte er
ihre Kreditwürdigkeit; solange er nur seine Kosten wieder hereinholte, konnten
sie hinterher zu ihm kommen und ein paar Dollar pro Woche abzahlen oder auch gar
nichts, und es machte ihm wirklich nichts aus. Die Kredite brachten ihn nie in
wirtschaftliche Schwierigkeiten, und der zufriedene Kundenstamm, den er durch
seine Flexibilität gewann, war das Risiko wert. Zur Dekoration und zum Anlocken
der Kundschaft hatte er immer einige versilberte Stücke im Laden –
Teeservice, Tabletts, Warmhalteschüsseln, Kerzenständer, die er spottbillig
verkaufte –, und alljährlich zur Weihnachtszeit hatte er eine verschneite
Szene mit dem Weihnachtsmann im Schaufenster, aber sein größter Geistesblitz
war der Name des Ladens, denn er nannte ihn nicht nach sich selbst, sondern »Jedermanns
Schmuck laden«, und so war er in ganz Union County bei den Massen normaler
Leute bekannt, die seine treuen Kunden waren, bis er seinen Lagerbestand an den
Großhändler verkaufte und sich mit Dreiundsiebzig aus dem Geschäftsleben zurückzog.
»Für arbeitende Menschen ist es eine große Sache, sich einen Diamanten
anzuschaffen«, erklärte er seinen Söhnen, »und sei er noch so klein. Die
Frau trägt ihn, weil er schön ist, oder sie trägt ihn als Statussymbol. Und
wenn sie das tut, ist ihr Mann nicht bloß ein Klempner – sondern einer,
dessen Frau einen Diamanten trägt. Seine Frau besitzt etwas, was unvergänglich
ist. Denn jenseits von Schönheit und Status und Wert ist ein Diamant unvergänglich.
Ein Teil der Erde, der unvergänglich ist, und eine bloße Sterbliche trägt ihn
an ihrer Hand!«
Der Grund für seine Kündigung bei Abelson, wo er immerhin das Glück hatte,
auch während des Börsenkrachs und der schlimmsten Jahre der Depression regelmäßig
seinen Lohn zu bekommen, der Grund für das Wagnis, in so schlechten Zeiten ein
eigenes Geschäft aufzumachen, war ganz einfach. Jedem, der ihn danach fragte,
und auch denen, die nicht danach fragten, erklärte er: »Ich mußte etwas
haben, was ich meinen zwei Jungen hinterlassen konnte.«
Zwei Schaufeln steckten aufrecht in
dem großen Erd haufen neben dem Grab. Er hatte gedacht, die Totengräber hätten
sie dort gelassen, um damit später das Grab zuzuschaufeln. Er hatte sich
vorgestellt, daß wie beim Begräbnis seiner Mutter jeder der Trauergäste vor
das Loch treten und eine Handvoll Erde auf den Sargdeckel werfen würde und daß
sie dann alle zu ihren Autos gehen würden. Aber sein Vater hatte bei dem
Rabbiner das traditionelle jüdische Ritual bestellt, und das verlangte, wie er
jetzt herausfand, daß nicht etwa die Friedhofsangestellten oder sonst jemand,
sondern die Trauergäste selbst das Grab zuschaufelten. Der Rabbiner hatte das
Howie vorher erklärt, aber Howie hatte ihm, aus welchen Gründen auch immer,
nichts davon gesagt, und so überraschte es ihn jetzt, als sein Bruder in seinem
eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte und seinen glänzenden
schwarzen Schuhen zur Seite trat und eine der Schaufeln aus dem Erdhaufen zog.
Er füllte sie randvoll mit Erde, schritt damit feierlich ans Kopfende des
Grabs, verharrte kurz in Gedanken, kippte dann die Schaufel leicht nach vorn und
ließ die Erde langsam hinunterrieseln. Das Geräusch, mit dem sie auf das Holz
des Sarges traf, geht in das Wesen eines Menschen ein wie kein anderes.
Howie ging zurück und stieß die Schaufel in die über einen Meter hoch
aufragende bröckelnde Pyramide aus Erde. Sie würden diese Erde in das Loch zurückschaufeln
müssen, bis das Grab seines Vaters auf derselben Ebene wie der Boden des
Friedhofs daneben wäre.
Sie brauchten fast eine Stunde, um das Loch zuzuschaufeln. Die älteren unter
den Verwandten und Freunden, die mit einer Schaufel nicht umgehen konnten,
halfen mit, indem sie die Erde mit den Händen auf den Sarg warfen, und da auch
er selbst nicht mehr tun konnte, oblag es Howie und Howies vier Söhnen und
seinen eigenen beiden – alle sechs kräftige Männer Ende Zwanzig, Anfang Dreißig
–, die schwere Arbeit zu tun. Jeweils zu zweit standen sie nebeneinander an
dem Erdhaufen und wuchteten eine Schaufel nach der anderen in das Loch zurück.
Alle paar Minuten übernahmen die nächsten beiden, und irgendwann beschlich ihn
die Vorstellung, sie würden niemals mehr aufhören, sie würden seinen Vater in
alle Ewigkeit begraben. Um von der brutalen Unmittelbarkeit der Beerdigung, wie
sein Bruder, seine Söhne und seine Neffen sie erlebten, wenigstens etwas
mitzubekommen, stand er am Rand des Grabes und beobachtete, wie die Erde den
Sarg umhüllte. Er be obachtete, wie sie die Höhe des Deckels erreichte, der
nur mit einem eingeschnitzten Davidstern geschmückt war, und wie sie den Deckel
dann allmählich bedeckte. Sein Vater würde nicht nur in einem Sarg liegen,
sondern auch unter der Last dieser Erde, und plötzlich sah er den Mund seines
Vaters, als sei da gar kein Sarg, als falle die Erde, die sie in das Grab
warfen, direkt auf ihn und verstopfe ihm Mund, Augen, Nase und Ohren. Am
liebsten hätte er gerufen, sie sollten einhalten, ihnen befohlen, damit aufzuhören
– er wollte nicht, daß sie das Gesicht seines Vaters bedeckten und die Öffnungen
versperrten, durch die er das Leben einsog. Ich schaue in dieses Gesicht, seit
ich geboren wurde – hört auf, das Gesicht meines Vaters zu begraben! Aber sie
hatten jetzt ihren Rhythmus gefunden, diese starken Burschen, und sie konnten
nicht aufhören und würden nicht aufhören, nicht einmal, wenn er sich selbst
in das Grab werfen und verlangen würde, das Begräbnis müsse abgebrochen
werden. Nichts konnte sie jetzt mehr aufhalten. Sie würden einfach weitermachen
und auch ihn begraben, wenn das Werk anders nicht zu vollenden war. Howie stand
mit schweißnasser Stirn an der Seite und sah zu, wie die sechs Vettern die
Arbeit athletisch zu Ende brachten, indem sie, das Ziel in Sichtweite, mit
ungeheurem Tempo die Schaufeln schwangen – nicht wie Trauernde, die die Last
eines archaischen Rituals auf sich nahmen, sondern wie Arbeiter in alten Zeiten,
die einen Heizkessel mit Brennstoff versorgten.
Viele der Älteren weinten jetzt und hielten sich anein ander fest. Die
Erdpyramide war abgetragen. Der Rabbiner trat vor, und nachdem er die Oberfläche
mit seinen bloßen Händen sorgfältig glattgestrichen hatte, zeichnete er mit
einem Stock die Umrisse des Grabes in den lockeren Boden.
Er hatte zugesehen, wie sein Vater Zentimeter für Zentimeter aus der Welt
verschwunden war. Er war gezwungen gewesen, sich das bis zum Ende anzusehen. Es
war wie ein zweiter Tod, nicht weniger furchtbar als der erste. Plötzlich
erinnerte er sich an den Ansturm der Gefühle, die ihn tiefer und immer tiefer
in die Schichten seines Lebens führten, als sein Vater einst im Krankenhaus
jedes seiner neugeborenen Enkelkinder zum erstenmal in die Arme genommen und
erst Randy, dann Lonny und schließlich Nancy mit derselben ausdrucksvollen
Miene verblüfften Entzückens betrachtet hatte.
»Geht es dir gut?« fragte Nancy und legte ihre Arme um ihn, als er da stand
und die Striche anstarrte, die der Stock in den Boden gezogen hatte wie für ein
Kinderspiel. Er drückte sie fest an sich und sagte: »Ja, mir geht es gut.«
Dann seufzte er, lachte sogar und fügte hinzu: »Jetzt weiß ich, was es heißt,
begraben zu werden. Bis heute war mir das nicht klar.« »So etwas Grausiges
habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt«, sagte Nancy. »Ich auch
nicht«, sagte er. »Wir können jetzt gehen«, sagte er, und mit ihm und Nancy
und Howie an der Spitze brachen die Trauergäste langsam auf, auch wenn er noch
längst nicht loswerden konnte, was er soeben gesehen und gedacht hatte, und
seine Gedanken immer wieder dorthin zurückkehrten, wovon seine Füße bereits
wegstrebten.
Es war windig gewesen, während das Grab gefüllt worden war, und er schmeckte
die Erde in seinem Mund noch lange nachdem sie den Friedhof verlassen hatten und
nach New York zurückgekehrt waren.
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