Jedermann von Philip Roth, Hanser,2006Philip Roth

Jedermann/Everyman
(Leseprobe aus: Everyman/Jedermann, Roman, 2006, Hanser - Übertragung Werner Schmitz)

Er stand am Grab unter zwei Dutzend seiner Verwandten, zu seiner Rechten seine Tochter, die seine Hand umklammerte, hinter ihm seine zwei Söhne, seine Frau neben seiner Tochter. Nur dort zu stehen und den Schlag hinzunehmen, den der Tod des Vaters stets bedeutet, erwies sich als eine erstaunliche Herausforderung an seine physischen Kräfte – gut, daß Howie links neben ihm stand und einen Arm fest um seine Hüfte gelegt hatte, um zu verhindern, daß irgend etwas Unschickliches geschah.

Seine Mutter und sein Vater waren immer leicht zu durchschauen gewesen. Sie waren eine Mutter und ein Vater. Sie hatten nur wenige andere Wünsche. Aber der Raum, den ihre Körper eingenommen hatten, war jetzt leer. Ihre lebenslange Stofflichkeit war dahin. Der Sarg seines Vaters, eine schlichte Kiefernkiste, wurde an Gurten in das Loch hinabgelassen, das man neben dem Sarg seiner Frau für ihn ausgehoben hatte. Dort würde der Tote noch viel mehr Stunden verbringen, als er mit dem Verkauf von Schmuck zugebracht hatte, und schon das war nicht zu verachten gewesen. 1933, in dem Jahr, in dem sein zweiter Sohn geboren wurde, hatte er das Geschäft aufgemacht, und 1974, nachdem er Verlobungs- und Eheringe an drei Generationen von Familien in Elizabeth verkauft hatte, hatte er es abgestoßen. Wie er 1933 das Kapital beschafft hatte, wie er 1933 überhaupt Kunden gefunden hatte, war seinen Söhnen immer ein Rätsel geblieben. Aber ihretwegen hatte er seinen Job hinter der Uhrentheke in Abelsons Geschäft an der Springfield Avenue in Irvington aufgegeben, wo er montags, mittwochs, freitags und samstags von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und dienstags und donnerstags von neun bis fünf gearbeitet hatte, und sein eigenes kleines Geschäft in Elizabeth eröffnet, der ganze Laden nur fünf Meter breit und vom ersten Tag an mit der schwarzen Aufschrift auf dem Schaufenster versehen: »Diamanten – Schmuck – Uhren«, und darunter in kleinerer Schrift: »Reparatur von Uhren und Schmuck aller Art«. Im Alter von zweiunddreißig Jahren war er endlich so weit, daß er seine sechzig bis siebzig Stunden die Woche nicht mehr für Moe Abelson, sondern für seine eigene Familie arbeitete. Um die starke Arbeiterschicht von Elizabeth anzulocken und die Zehntausende frommer Christen der Hafenstadt nicht mit seinem jüdischen Namen zu verunsichern oder abzuschrecken, gewährte er großzügig Kredit – und achtete nur darauf, daß sie mindestens dreißig oder vierzig Prozent in bar anzahlten. Nie prüfte er ihre Kreditwürdigkeit; solange er nur seine Kosten wieder hereinholte, konnten sie hinterher zu ihm kommen und ein paar Dollar pro Woche abzahlen oder auch gar nichts, und es machte ihm wirklich nichts aus. Die Kredite brachten ihn nie in wirtschaftliche Schwierigkeiten, und der zufriedene Kundenstamm, den er durch seine Flexibilität gewann, war das Risiko wert. Zur Dekoration und zum Anlocken der Kundschaft hatte er immer einige versilberte Stücke im Laden – Teeservice, Tabletts, Warmhalteschüsseln, Kerzenständer, die er spottbillig verkaufte –, und alljährlich zur Weihnachtszeit hatte er eine verschneite Szene mit dem Weihnachtsmann im Schaufenster, aber sein größter Geistesblitz war der Name des Ladens, denn er nannte ihn nicht nach sich selbst, sondern »Jedermanns Schmuck laden«, und so war er in ganz Union County bei den Massen normaler Leute bekannt, die seine treuen Kunden waren, bis er seinen Lagerbestand an den Großhändler verkaufte und sich mit Dreiundsiebzig aus dem Geschäftsleben zurückzog. »Für arbeitende Menschen ist es eine große Sache, sich einen Diamanten anzuschaffen«, erklärte er seinen Söhnen, »und sei er noch so klein. Die Frau trägt ihn, weil er schön ist, oder sie trägt ihn als Statussymbol. Und wenn sie das tut, ist ihr Mann nicht bloß ein Klempner – sondern einer, dessen Frau einen Diamanten trägt. Seine Frau besitzt etwas, was unvergänglich ist. Denn jenseits von Schönheit und Status und Wert ist ein Diamant unvergänglich. Ein Teil der Erde, der unvergänglich ist, und eine bloße Sterbliche trägt ihn an ihrer Hand!«

Der Grund für seine Kündigung bei Abelson, wo er immerhin das Glück hatte, auch während des Börsenkrachs und der schlimmsten Jahre der Depression regelmäßig seinen Lohn zu bekommen, der Grund für das Wagnis, in so schlechten Zeiten ein eigenes Geschäft aufzumachen, war ganz einfach. Jedem, der ihn danach fragte, und auch denen, die nicht danach fragten, erklärte er: »Ich mußte etwas haben, was ich meinen zwei Jungen hinterlassen konnte.«

Zwei Schaufeln steckten aufrecht in dem großen Erd haufen neben dem Grab. Er hatte gedacht, die Totengräber hätten sie dort gelassen, um damit später das Grab zuzuschaufeln. Er hatte sich vorgestellt, daß wie beim Begräbnis seiner Mutter jeder der Trauergäste vor das Loch treten und eine Handvoll Erde auf den Sargdeckel werfen würde und daß sie dann alle zu ihren Autos gehen würden. Aber sein Vater hatte bei dem Rabbiner das traditionelle jüdische Ritual bestellt, und das verlangte, wie er jetzt herausfand, daß nicht etwa die Friedhofsangestellten oder sonst jemand, sondern die Trauergäste selbst das Grab zuschaufelten. Der Rabbiner hatte das Howie vorher erklärt, aber Howie hatte ihm, aus welchen Gründen auch immer, nichts davon gesagt, und so überraschte es ihn jetzt, als sein Bruder in seinem eleganten dunklen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte und seinen glänzenden schwarzen Schuhen zur Seite trat und eine der Schaufeln aus dem Erdhaufen zog. Er füllte sie randvoll mit Erde, schritt damit feierlich ans Kopfende des Grabs, verharrte kurz in Gedanken, kippte dann die Schaufel leicht nach vorn und ließ die Erde langsam hinunterrieseln. Das Geräusch, mit dem sie auf das Holz des Sarges traf, geht in das Wesen eines Menschen ein wie kein anderes.

Howie ging zurück und stieß die Schaufel in die über einen Meter hoch aufragende bröckelnde Pyramide aus Erde. Sie würden diese Erde in das Loch zurückschaufeln müssen, bis das Grab seines Vaters auf derselben Ebene wie der Boden des Friedhofs daneben wäre.

Sie brauchten fast eine Stunde, um das Loch zuzuschaufeln. Die älteren unter den Verwandten und Freunden, die mit einer Schaufel nicht umgehen konnten, halfen mit, indem sie die Erde mit den Händen auf den Sarg warfen, und da auch er selbst nicht mehr tun konnte, oblag es Howie und Howies vier Söhnen und seinen eigenen beiden – alle sechs kräftige Männer Ende Zwanzig, Anfang Dreißig –, die schwere Arbeit zu tun. Jeweils zu zweit standen sie nebeneinander an dem Erdhaufen und wuchteten eine Schaufel nach der anderen in das Loch zurück. Alle paar Minuten übernahmen die nächsten beiden, und irgendwann beschlich ihn die Vorstellung, sie würden niemals mehr aufhören, sie würden seinen Vater in alle Ewigkeit begraben. Um von der brutalen Unmittelbarkeit der Beerdigung, wie sein Bruder, seine Söhne und seine Neffen sie erlebten, wenigstens etwas mitzubekommen, stand er am Rand des Grabes und beobachtete, wie die Erde den Sarg umhüllte. Er be obachtete, wie sie die Höhe des Deckels erreichte, der nur mit einem eingeschnitzten Davidstern geschmückt war, und wie sie den Deckel dann allmählich bedeckte. Sein Vater würde nicht nur in einem Sarg liegen, sondern auch unter der Last dieser Erde, und plötzlich sah er den Mund seines Vaters, als sei da gar kein Sarg, als falle die Erde, die sie in das Grab warfen, direkt auf ihn und verstopfe ihm Mund, Augen, Nase und Ohren. Am liebsten hätte er gerufen, sie sollten einhalten, ihnen befohlen, damit aufzuhören – er wollte nicht, daß sie das Gesicht seines Vaters bedeckten und die Öffnungen versperrten, durch die er das Leben einsog. Ich schaue in dieses Gesicht, seit ich geboren wurde – hört auf, das Gesicht meines Vaters zu begraben! Aber sie hatten jetzt ihren Rhythmus gefunden, diese starken Burschen, und sie konnten nicht aufhören und würden nicht aufhören, nicht einmal, wenn er sich selbst in das Grab werfen und verlangen würde, das Begräbnis müsse abgebrochen werden. Nichts konnte sie jetzt mehr aufhalten. Sie würden einfach weitermachen und auch ihn begraben, wenn das Werk anders nicht zu vollenden war. Howie stand mit schweißnasser Stirn an der Seite und sah zu, wie die sechs Vettern die Arbeit athletisch zu Ende brachten, indem sie, das Ziel in Sichtweite, mit ungeheurem Tempo die Schaufeln schwangen – nicht wie Trauernde, die die Last eines archaischen Rituals auf sich nahmen, sondern wie Arbeiter in alten Zeiten, die einen Heizkessel mit Brennstoff versorgten.

Viele der Älteren weinten jetzt und hielten sich anein ander fest. Die Erdpyramide war abgetragen. Der Rabbiner trat vor, und nachdem er die Oberfläche mit seinen bloßen Händen sorgfältig glattgestrichen hatte, zeichnete er mit einem Stock die Umrisse des Grabes in den lockeren Boden.

Er hatte zugesehen, wie sein Vater Zentimeter für Zentimeter aus der Welt verschwunden war. Er war gezwungen gewesen, sich das bis zum Ende anzusehen. Es war wie ein zweiter Tod, nicht weniger furchtbar als der erste. Plötzlich erinnerte er sich an den Ansturm der Gefühle, die ihn tiefer und immer tiefer in die Schichten seines Lebens führten, als sein Vater einst im Krankenhaus jedes seiner neugeborenen Enkelkinder zum erstenmal in die Arme genommen und erst Randy, dann Lonny und schließlich Nancy mit derselben ausdrucksvollen Miene verblüfften Entzückens betrachtet hatte.

»Geht es dir gut?« fragte Nancy und legte ihre Arme um ihn, als er da stand und die Striche anstarrte, die der Stock in den Boden gezogen hatte wie für ein Kinderspiel. Er drückte sie fest an sich und sagte: »Ja, mir geht es gut.« Dann seufzte er, lachte sogar und fügte hinzu: »Jetzt weiß ich, was es heißt, begraben zu werden. Bis heute war mir das nicht klar.« »So etwas Grausiges habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt«, sagte Nancy. »Ich auch nicht«, sagte er. »Wir können jetzt gehen«, sagte er, und mit ihm und Nancy und Howie an der Spitze brachen die Trauergäste langsam auf, auch wenn er noch längst nicht loswerden konnte, was er soeben gesehen und gedacht hatte, und seine Gedanken immer wieder dorthin zurückkehrten, wovon seine Füße bereits wegstrebten.

Es war windig gewesen, während das Grab gefüllt worden war, und er schmeckte die Erde in seinem Mund noch lange nachdem sie den Friedhof verlassen hatten und nach New York zurückgekehrt waren.

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