Verschwörung egegen Amerika von Philip Roth, 2005, HanserPhilip Roth

Verschwörung gegen Amerika
(Leseprobe aus: Verschwörung gegen Amerika, Roman, 2005, Hanser - Übertragung Werner Schmitz)

Der republikanische Parteitag 1940. Als mein Bruder und ich an diesem Abend – Donnerstag, der 27. Juni – schlafen gingen, lief in unserem Wohnzimmer das Radio, und unsere Eltern und unser älterer Vetter Alvin saßen dort und hörten sich die Live-Übertragung aus Philadelphia an. Nach sechs Wahlgängen hatten die Republikaner immer noch keinen Kandidaten aufgestellt. Ein Delegierter sollte noch Lindbergh vorschlagen, aber der weilte auf einer geheimen Sitzung in einer Fabrik im Mittleren Westen, um an der Planung eines neuen Kampfflugzeugs mitzuwirken, und konnte daher nicht selbst anwesend sein und wurde auch gar nicht erwartet. Als Sandy und ich zu Bett gingen, war der Parteitag immer noch gespalten zwischen Dewey, Wilkie und zwei mächtigen republikanischen Senatoren, Vandenberg aus Michigan und Taft aus Ohio, und es sah nicht danach aus, als könnten Parteibonzen wie der ehemalige Präsident Hoover, den Roosevelts überwältigender Sieg 1932 aus dem Amt gefegt hatte, oder Gouverneur Alf Landon, den Roosevelt vier Jahre später beim größten Erdrutschsieg der Geschichte gar noch schmählicher geschlagen hatte, in absehbarer Zeit eine Lösung im Hinterzimmer ausklüngeln.

Es war der erste schwüle Abend in diesem Sommer, die Fenster in allen Zimmern standen offen, und Sandy und ich konnten, ob wir wollten oder nicht, auch noch im Bett die Übertragung weiterverfolgen, und zwar sowohl aus dem Radio in unserem eigenen Wohnzimmer als auch aus dem Radio in der Wohnung unter uns und – da die Häuser lediglich durch enge Gassen, kaum breit genug für ein Auto, voneinander getrennt waren – den Radios unserer Nachbarn zur Linken und zur Rechten und gegenüber. Das war lange vor der Zeit, als Fenster-Klimaanlagen in tropischen Nächten die Geräusche der Nachbarschaft übertönten, und so bekam der ganze Block von Keer bis Chancellor die Sendung mit – ein Block, in dem kein einziger Republikaner lebte, weder in den gut dreißig Zweieinhalbfamilienhäusern noch in dem neuen kleinen Mietshaus an der Kreuzung Chancellor Avenue. In Straßen wie der unseren wählten die Juden stramm demokratisch, solange FDR die Kandidatenliste anführte.

Aber wir waren noch Kinder und schliefen trotzdem ein, und wahrscheinlich wären wir erst am Morgen wieder aufgewacht, wäre nicht um 3.18 Uhr in der Nacht – die Republikaner hatten auch
im zwanzigsten Wahlgang noch keine Entscheidung herbeiführen können – ganz und gar unerwartet Lindbergh in den Saal gekommen. Der schlanke, große, gutaussehende Held, ein geschmeidiger, athletischer Mann von nicht einmal vierzig Jahren, trat, erst wenige Minuten zuvor mit seinem Privatflugzeug in Philadelphia gelandet, noch in seiner Fliegermontur vor die Versammlung, und sein Anblick wirkte auf die erschöpften Delegierten wie eine Erlösung und versetzte sie in solche Begeisterung, daß sie von den Sitzen sprangen und volle dreißig Minuten lang »Lindy! Lindy! Lindy!« skandierten, ohne daß der Vorsitzende sie auch nur einmal zur Ordnung rief. Die erfolgreiche Aufführung dieses spontanen pseudoreligiösen Schauspiels ging auf die Machenschaften des Senators Gerald P. Nye aus North Dakota zurück, eines rechtsradikalen Isolationisten, der nun Charles A. Lindbergh aus Little Falls, Minnesota, als Kandidaten vorschlug, worauf zwei der reaktionärsten Kongreßabgeordneten – Thorkelson aus Montana und Mundt aus South Dakota – die Nominierung unterstützten, und exakt um vier Uhr morgens, am Freitag, dem 28. Juni, kürte der republikanische Parteitag per Akklamation jenen Eiferer zum Präsidentschaftskandidaten, der in einer landesweit ausgestrahlten Rundfunkansprache die Juden als »andere Völker« angeprangert hatte, die sich ihren enormen »Einfluß« zunutze machten, um »unser Land in die Vernichtung zu führen«, statt uns wahrheitsgemäß als kleine Minderheit von Bürgern darzustellen, die den christlichen Landsleuten zahlenmäßig weit unterlegen waren,

im großen und ganzen durch religiöse Vorurteile vom Streben nach Macht abgehalten wurden und den Grundsätzen der amerikanischen Demokratie ganz gewiß nicht weniger treu waren als ein Bewunderer Adolf Hitlers.

»Nein!« war das Wort, das uns weckte, »Nein!« brüllte aus jedem Haus im Block eine Männerstimme. Das kann nicht sein. Nein. Nicht zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Binnen Sekunden saßen mein Bruder und ich wieder im Kreis der Familie am Radio, und keinem fiel es ein, uns ins Bett zurückzuschicken. So heiß es war, hatte meine sittsame Mutter einen Morgenmantel über ihr dünnes Nachthemd gezogen – auch sie hatte geschlafen und war von dem Lärm geweckt worden –, und jetzt saß sie neben meinem Vater auf dem Sofa und hielt sich die Finger vor den Mund, als müßte sie sich gleich erbrechen. Unterdessen schritt mein Vetter Alvin, den es nicht mehr auf seinem Platz gehalten hatte, in dem sechs mal vier Meter großen Zimmer auf und ab mit der Entschlossenheit eines Rächers, der die ganze Stadt absucht, um seinen schlimmsten Feind zu erledigen.

Der Zorn jener Nacht war ein echtes Schmiedefeuer, ein Hochofen, der einen aufnimmt und verbiegt wie Stahl. Und er legte sich nicht – nicht, solange Lindbergh schweigend auf dem Podium in Philadelphia stand und sich wieder einmal als Erlöser der Nation feiern ließ, und auch nicht, als er mit seiner Rede die Nominierung durch die Partei und damit den Auftrag annahm, Amerika aus dem europäischen Krieg herauszuhalten. Mit Entsetzen warteten wir nur noch darauf, daß er seine boshafte Verleumdung der Juden vor dem Parteitag wiederholte, aber daß er das nicht tat, änderte nichts an der Stimmung, die gegen fünf Uhr morgens jede einzelne Familie aus unserem Block auf die Straße jagte. Ganze Familien, die man bis dahin nur in Straßenkleidung gekannt hatte, ließen sich in Pyjamas und Nachthemden unter ihren Bademänteln blicken und liefen in Pantoffeln durch die Morgendämmerung, als hätte ein Erdbeben sie aus ihren Häusern getrieben. Aber der größte Schock für ein Kind war der Zorn, der Zorn von Männern, die ich als unbeschwerte Kiebitzer oder wortkarge, pflichtbewußte Brotverdiener kannte, die den ganzen Tag Abflußrohre reinigten oder Heizkessel warteten oder pfundweise Äpfel verkauften und abends in die Zeitung schauten und Radio hörten und im Wohnzimmer auf dem Sessel einschliefen, einfache Leute, bei denen es sich zufällig um Juden handelte und die jetzt unter Mißachtung aller Anstandsregeln lauthals fluchend auf der Straße herumrannten: mit einem Schlag wieder in den elenden Kampf geworfen, von dem sie ihre Familien durch die vom Schicksal glücklich gefügte Auswanderung der Generation davor endgültig befreit glaubten.

Ich hätte darin, daß Lindbergh die Juden in seiner Dankesrede nicht erwähnte, ein gutes Omen gesehen, einen Hinweis darauf, daß ihn der Aufschrei, der ihn zum Verzicht auf seinen Dienst bei

der Luftwaffe bewegt hatte, zur Mäßigung gebracht hatte, oder daß er seit Des Moines zu einer anderen Meinung gelangt war, oder daß er uns schon vergessen hatte, oder daß er insgeheim ganz genau wußte, wie unverbrüchlich wir Amerika verpflichtet waren – daß wir, da mochte Irland den Iren und Polen den Polen und Italien den Italienern noch immer viel bedeuten, keinerlei Verpflichtung, weder gefühlsmäßig noch sonstwie, gegenüber den Ländern der Alten Welt empfanden, in denen wir niemals willkommen gewesen waren und in die zurückzukehren wir nicht die geringste Absicht hatten. Hätte ich damals die Bedeutung dieses Augenblicks in Worte fassen können, dann wäre etwa dies dabei herausgekommen. Aber die Männer auf der Straße sahen das anders. Daß Lindbergh die Juden nicht erwähnt hatte, war für sie ein Trick und sonst gar nichts, der Beginn eines Wahlkampfs voller Täuschungsmanöver, die uns zum Schweigen bringen und hinters Licht führen sollten. »Hitler in Amerika!« riefen die Nachbarn. »Faschismus in Amerika! SA in Amerika!« Nachdem sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten, hielten diese fassungslosen älteren Leute jetzt alles für möglich und sprachen auch alles aus, bevor sie dann wieder in ihre Häuser gingen (wo überall noch die Radios plärrten), die Männer, weil sie sich rasieren und anziehen, eine Tasse Kaffee trinken und zur Arbeit gehen mußten, die Frauen, weil sie die Kinder ankleiden, ihnen das Essen richten und sie für den Tag zurechtmachen mußten.

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