Verschwörung
gegen Amerika
(Leseprobe aus: Verschwörung gegen
Amerika, Roman, 2005, Hanser
- Übertragung Werner Schmitz)
Der republikanische Parteitag 1940. Als mein Bruder und ich an diesem Abend –
Donnerstag, der 27. Juni – schlafen gingen, lief in unserem Wohnzimmer das
Radio, und unsere Eltern und unser älterer Vetter Alvin saßen dort und hörten
sich die Live-Übertragung aus Philadelphia an. Nach sechs Wahlgängen hatten
die Republikaner immer noch keinen Kandidaten aufgestellt. Ein Delegierter
sollte noch Lindbergh vorschlagen, aber der weilte auf einer geheimen Sitzung in
einer Fabrik im Mittleren Westen, um an der Planung eines neuen Kampfflugzeugs
mitzuwirken, und konnte daher nicht selbst anwesend sein und wurde auch gar
nicht erwartet. Als Sandy und
ich zu Bett gingen, war der Parteitag immer noch gespalten zwischen Dewey,
Wilkie und zwei mächtigen republikanischen Senatoren, Vandenberg aus Michigan
und Taft aus Ohio, und es sah nicht danach aus, als könnten Parteibonzen wie
der ehemalige Präsident Hoover, den Roosevelts überwältigender Sieg 1932 aus
dem Amt gefegt hatte, oder Gouverneur Alf Landon, den Roosevelt vier Jahre später
beim größten Erdrutschsieg der Geschichte gar noch schmählicher geschlagen
hatte, in absehbarer Zeit eine Lösung im Hinterzimmer ausklüngeln.
Es war der erste schwüle Abend in diesem Sommer, die Fenster in allen Zimmern
standen offen, und Sandy und ich konnten, ob wir wollten oder nicht, auch noch
im Bett die Übertragung weiterverfolgen, und zwar sowohl aus dem Radio in
unserem eigenen Wohnzimmer als auch aus dem Radio in der Wohnung unter uns und
– da die Häuser lediglich durch enge Gassen, kaum breit genug für ein Auto,
voneinander getrennt waren – den Radios unserer Nachbarn zur Linken und zur
Rechten und gegenüber. Das war lange vor der Zeit, als Fenster-Klimaanlagen in
tropischen Nächten die Geräusche der Nachbarschaft übertönten, und so bekam
der ganze Block von Keer bis Chancellor die Sendung mit – ein Block, in dem
kein einziger Republikaner lebte, weder in den gut dreißig Zweieinhalbfamilienhäusern
noch in dem neuen kleinen Mietshaus an der Kreuzung Chancellor Avenue. In Straßen
wie der unseren wählten die Juden stramm demokratisch, solange FDR die
Kandidatenliste anführte.
Aber wir waren noch Kinder und schliefen trotzdem ein, und wahrscheinlich wären
wir erst am Morgen wieder aufgewacht, wäre nicht um 3.18 Uhr in der Nacht –
die Republikaner hatten auch
im zwanzigsten Wahlgang noch keine Entscheidung herbeiführen können – ganz
und gar unerwartet Lindbergh in den Saal gekommen. Der schlanke, große,
gutaussehende Held, ein geschmeidiger, athletischer Mann von nicht einmal
vierzig Jahren, trat, erst wenige Minuten zuvor mit seinem Privatflugzeug in
Philadelphia gelandet, noch in seiner Fliegermontur vor die Versammlung, und
sein Anblick wirkte auf die erschöpften Delegierten wie eine Erlösung und
versetzte sie in solche Begeisterung, daß sie von den Sitzen sprangen und volle
dreißig Minuten lang »Lindy! Lindy! Lindy!« skandierten, ohne daß der
Vorsitzende sie auch nur einmal zur Ordnung rief. Die erfolgreiche Aufführung
dieses spontanen pseudoreligiösen Schauspiels ging auf die Machenschaften des
Senators Gerald P. Nye aus North Dakota zurück, eines rechtsradikalen
Isolationisten, der nun Charles A. Lindbergh aus Little Falls, Minnesota, als
Kandidaten vorschlug, worauf zwei der reaktionärsten Kongreßabgeordneten –
Thorkelson aus Montana und Mundt aus South Dakota – die Nominierung unterstützten,
und exakt um vier Uhr morgens, am Freitag, dem 28. Juni, kürte der
republikanische Parteitag per Akklamation jenen Eiferer zum Präsidentschaftskandidaten,
der in einer landesweit ausgestrahlten Rundfunkansprache die Juden als »andere
Völker« angeprangert hatte, die sich ihren enormen »Einfluß« zunutze
machten, um »unser Land in die Vernichtung zu führen«, statt uns wahrheitsgemäß
als kleine Minderheit von Bürgern darzustellen, die den christlichen
Landsleuten zahlenmäßig weit unterlegen waren,
im großen und ganzen durch religiöse Vorurteile vom Streben nach Macht
abgehalten wurden und den Grundsätzen der amerikanischen Demokratie ganz gewiß
nicht weniger treu waren als ein Bewunderer Adolf Hitlers.
»Nein!« war das Wort, das uns weckte, »Nein!« brüllte aus jedem Haus im
Block eine Männerstimme. Das kann nicht sein. Nein. Nicht zum Präsidenten der
Vereinigten Staaten.
Binnen Sekunden saßen mein Bruder und ich wieder im Kreis der Familie am Radio,
und keinem fiel es ein, uns ins Bett zurückzuschicken. So heiß es war, hatte
meine sittsame Mutter einen Morgenmantel über ihr dünnes Nachthemd gezogen –
auch sie hatte geschlafen und war von dem Lärm geweckt worden –, und jetzt saß
sie neben meinem Vater auf dem Sofa und hielt sich die Finger vor den Mund, als
müßte sie sich gleich erbrechen. Unterdessen schritt mein Vetter Alvin, den es
nicht mehr auf seinem Platz gehalten hatte, in dem sechs mal vier Meter großen
Zimmer auf und ab mit der Entschlossenheit eines Rächers, der die ganze Stadt
absucht, um seinen schlimmsten Feind zu erledigen.
Der Zorn jener Nacht war ein echtes Schmiedefeuer, ein Hochofen, der einen
aufnimmt und verbiegt wie Stahl. Und er legte sich nicht – nicht, solange
Lindbergh schweigend auf dem Podium in Philadelphia stand und sich wieder einmal
als Erlöser der Nation feiern ließ, und auch nicht, als er mit seiner Rede die
Nominierung durch die Partei und damit den Auftrag annahm, Amerika aus dem europäischen
Krieg herauszuhalten. Mit Entsetzen warteten wir nur noch darauf, daß er seine
boshafte Verleumdung der Juden vor dem Parteitag wiederholte, aber daß er das
nicht tat, änderte nichts an der Stimmung, die gegen fünf Uhr morgens jede
einzelne Familie aus unserem Block auf die Straße jagte. Ganze Familien, die
man bis dahin nur in Straßenkleidung gekannt hatte, ließen sich in Pyjamas und
Nachthemden unter ihren Bademänteln blicken und liefen in Pantoffeln durch die
Morgendämmerung, als hätte ein Erdbeben sie aus ihren Häusern getrieben. Aber
der größte Schock für ein Kind war der Zorn, der Zorn von Männern, die ich
als unbeschwerte Kiebitzer oder wortkarge, pflichtbewußte Brotverdiener kannte,
die den ganzen Tag Abflußrohre reinigten oder Heizkessel warteten oder
pfundweise Äpfel verkauften und abends in die Zeitung schauten und Radio hörten
und im Wohnzimmer auf dem Sessel einschliefen, einfache Leute, bei denen es sich
zufällig um Juden handelte und die jetzt unter Mißachtung aller Anstandsregeln
lauthals fluchend auf der Straße herumrannten: mit einem Schlag wieder in den
elenden Kampf geworfen, von dem sie ihre Familien durch die vom Schicksal glücklich
gefügte Auswanderung der Generation davor endgültig befreit glaubten.
Ich hätte darin, daß Lindbergh die Juden in seiner Dankesrede nicht erwähnte,
ein gutes Omen gesehen, einen Hinweis darauf,
daß ihn der Aufschrei, der ihn zum Verzicht auf seinen Dienst bei
der Luftwaffe bewegt hatte, zur Mäßigung gebracht hatte, oder daß er seit Des
Moines zu einer anderen Meinung gelangt war, oder daß er uns schon vergessen
hatte, oder daß er insgeheim ganz genau wußte, wie unverbrüchlich wir Amerika
verpflichtet waren – daß wir, da mochte Irland den Iren und Polen den Polen
und Italien den Italienern noch immer viel bedeuten, keinerlei Verpflichtung,
weder gefühlsmäßig noch sonstwie, gegenüber den Ländern der Alten Welt
empfanden, in denen wir niemals willkommen gewesen waren und in die zurückzukehren
wir nicht die geringste Absicht hatten. Hätte ich damals die Bedeutung dieses
Augenblicks in Worte fassen können, dann wäre etwa dies dabei herausgekommen.
Aber die Männer auf der Straße sahen das anders. Daß Lindbergh die Juden
nicht erwähnt hatte, war für sie ein Trick und sonst gar nichts, der Beginn
eines Wahlkampfs voller Täuschungsmanöver, die uns zum Schweigen bringen und
hinters Licht führen sollten. »Hitler in Amerika!« riefen die Nachbarn. »Faschismus
in Amerika! SA in Amerika!« Nachdem sie die ganze Nacht nicht geschlafen
hatten, hielten diese fassungslosen älteren Leute jetzt alles für möglich und
sprachen auch alles aus, bevor sie dann wieder in ihre Häuser gingen (wo überall
noch die Radios plärrten), die Männer, weil sie sich rasieren und anziehen,
eine Tasse Kaffee trinken und zur Arbeit gehen mußten, die Frauen, weil sie die
Kinder ankleiden, ihnen das Essen richten und sie für den Tag zurechtmachen mußten.
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