aus: Das sterbende Tier
Ich lernte sie
vor acht Jahren kennen. Sie war in meinem Seminar. Ich habe keine
Vollzeit-Professur mehr - genaugenommen unterrichte ich nicht einmal mehr
Literatur. Seit Jahren veranstalte ich nur noch dieses eine Seminar, ein großes
Oberseminar über Literaturkritik mit dem Titel "Praktische Kritik".
Es kommen viele Studentinnen. Aus zwei Gründen. Zum einen bietet dieses Thema
eine verführerische Kombination aus intellektuellem Glamour und
journalistischem Glamour, zum anderen haben sie mich und meine Buchrezensionen
auf NPR gehört oder mich auf Channel Thirteen gesehen, wo ich über Kultur
spreche. In den vergangenen fünfzehn Jahren habe ich in dieser Region durch
meine Fernsehauftritte als Kulturkritiker einen gewissen Bekanntheitsgrad
erreicht, und deswegen kommen sie in mein Seminar. Anfangs war mir nicht bewußt,
daß wöchentliche Zehn-Minuten-Auftritte im Fernsehen so beeindruckend sein
könnten, wie sie es für diese Studentinnen offenbar sind. Doch diese jungen
Frauen fühlen sich hoffnungslos zu Berühmtheiten hingezogen, so unerheblich
meine auch sein mag.
Nun, wie Sie wissen, bin ich für weibliche Schönheit sehr empfänglich. Jeder
hat seine verwundbare Stelle, und das ist eben meine. Ich sehe weibliche
Schönheit und bin so geblendet, daß ich nichts anderes mehr wahrnehme. Sie
kommen zur ersten Seminarsitzung, und ich weiß beinahe sofort, welche für mich
bestimmt ist. Es gibt eine Geschichte von Mark Twain, in der er beschreibt, wie
er vor einem Stier davonrennt, und der Stier sieht hinauf zu der Baumkrone, in
der Twain sich versteckt, und denkt: "Sie, Sir, sind genau mein Fall."
Tja, wenn ich sie in meinem Seminar sehe, wird aus dem "Sir" eine
"junge Dame".
Es ist jetzt acht Jahre her - ich war damals bereits zweiundsechzig, und
Consuela Castillo war vierundzwanzig. Sie ist nicht wie die anderen
Studentinnen. Sie sieht nicht aus wie eine Studentin, jedenfalls nicht wie eine
gewöhnliche Studentin. Sie ist kein spätpubertäres, ungepflegtes Mädchen mit
schlechter Haltung, das ständig "irgendwie" sagt. Sie drückt sich
gut aus, sie ist sachlich, ihre Haltung ist perfekt - sie scheint etwas über
das Erwachsenenleben zu wissen, unter anderem darüber, wie man sitzt, steht und
geht. Sobald man den Seminarraum betritt, sieht man, daß diese Frau entweder
mehr weiß oder mehr wissen will. Wie sie sich kleidet. Sie hat nicht direkt
das, was man Chic nennen würde, sie ist jedenfalls nicht extravagant, aber
immerhin trägt sie nie Jeans, seien es nun gebügelte oder ungebügelte. Sie
wählt ihre Garderobe sorgfältig, mit dezentem Geschmack: Röcke, Kleider,
gutsitzende Hosen. Nicht um ihre Vorzüge zu verbergen, sondern vielmehr, wie es
scheint, um einen professionelleren Eindruck zu machen, kleidet sie sich wie
eine attraktive Sekretärin in einer angesehenen Anwaltskanzlei. Wie die
Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden einer Bank. Eine cremefarbene Seidenbluse
unter einem maßgeschneiderten blauen Blazer mit Goldknöpfen, eine braune
Handtasche mit der Patina teuren Leders, dazu passende, knöchelhohe Stiefel und
einen grauen, engen Strickrock, der ihre Konturen so subtil betont, wie ein
solcher Rock das nur kann.
Ihre Frisur ist unaufwendig, ihr Haar gepflegt. Sie hat eine blasse Haut, ihre
Lippen sind geschwungen, aber voll, und ihre Stirn ist gewölbt und faltenlos
und von der glatten Eleganz einer Brancusi-Skulptur. Sie ist Kubanerin. Ihre
Angehörigen sind wohlhabende Kubaner, die in Jersey leben, jenseits des
Flusses, in Bergen County. Sie hat tiefschwarzes, glänzendes Haar, das aber
auch ein kleines bißchen grob ist. Und sie ist eine große Frau mit einem
großen Busen. Die oberen beiden Knöpfe der Seidenbluse sind geöffnet, so daß
man sehen kann, daß sie ausladende, wunderschöne Brüste hat. Man sieht sofort
auf ihr Dekolleté. Und man sieht, daß sie das weiß. Man sieht, daß sie sich
trotz aller Zurückhaltung, trotz aller Gewissenhaftigkeit, trotz aller
sorgsamen Gepflegtheit - oder vielleicht gerade deswegen - ihrer selbst bewußt
ist. Sie erscheint zur ersten Seminarsitzung, und das Jackett über der Bluse
ist zugeknöpft, doch bereits nach fünf Minuten hat sie es ausgezogen. Als ich
das nächstemal zu ihr hinsehe, hat sie das Jackett wieder angezogen. Man
erkennt also, daß sie sich ihrer Macht bewußt ist, aber noch nicht genau
weiß, wie sie sie einsetzen soll, was sie damit anfangen soll und ob sie diese
Macht überhaupt haben will. Dieser Körper ist für sie noch neu, sie probiert
ihn noch aus, sie denkt darüber nach - sie ist ein bißchen wie ein
Jugendlicher, der mit einer geladenen Pistole durch die Straßen geht und noch
nicht weiß, ob er die Waffe zur Selbstverteidigung eingesteckt hat oder dabei
ist, eine Verbrecherlaufbahn einzuschlagen.
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