Der menschliche Makel von Philip Roth, 2002, Hanser-VerlagPhilip Roth

Der menschliche Makel
(Leseprobe aus:
The human stain/Der menschliche Makel, Roman, 2000/2002, Hanser - Übertragung Dirk van Gunsteren).

"Kommen Sie. Tanzen wir."
"Aber Sie dürfen mir nicht ins Ohr singen."
"Kommen Sie schon. Stehen Sie auf."
Was soll's, dachte ich, wir werden bald genug tot sein. Ich stand auf, und dort, auf der Veranda, begannen Coleman Silk und ich Foxtrott zu tanzen. Er führte, und ich ließ mich führen, so gut ich konnte. Ich dachte an den Tag, an dem er, nachdem er Iris' Beerdigung besprochen hatte, in mein Arbeitszimmer gestürzt war und mir, außer sich vor Trauer und Wut, gesagt hatte, ich müsse für ihn ein Buch schreiben über die unglaublichen Absurditäten seines Fall, die nun, mit der Ermordung seiner Frau, ihren Höhepunkt erreicht hätten. Wer hätte gedacht, daß dieser Mann jemals wieder Geschmack an den Torheiten des Lebens finden würde und daß nicht alles Spielerische und Unbeschwerte in ihm zusammen mit seiner Karriere, seinem Ruf und seiner außergewöhnlichen Frau zerstört und verloren war? Es kam mir nicht einmal in den Sinn, zu lachen und ihn, wenn er es denn unbedingt wollte, allein auf der Veranda herumtanzen zu lassen, einfach zu lachen und mich an dem Anblick zu erfreuen - ich reichte ihm die Hand und ließ es zu, daß er seinen Arm um meinen Rücken legte und mich verträumt über den alten Fußboden aus blauem Sandstein schob, und das lag vielleicht daran, daß ich Coleman gesehen hatte, als ihr Leichnam noch warm gewesen war.
"Ich hoffe, es fährt keiner von der freiwilligen Feuerwehr vorbei", sagte ich.
"Ja", sagte er, "wir wollen doch nicht, daß irgend jemand mir auf die Schulter klopft und sagt: ›Darf ich übernehmen?‹"
Wir tanzten. Es war darin nichts offen Fleischliches, aber da Coleman noch immer nur Jeans-Shorts trug und meine Hand leicht auf seinem warmen Rücken lag, als wäre es der eines Hundes oder eines Pferdes, war es auch nicht bloß eine Parodie. In
der Art, wie er mich über den Steinboden führte, lag eine halb ernsthafte Lauterkeit, ganz zu schweigen von dem gedankenlosen Entzücken darüber, einfach nur lebendig zu sein, zufällig und verspielt und grundlos lebendig zu sein - dem Entzücken eines Kindes, das soeben gelernt hat, auf einem Kamm und einem Stück Klopapier eine Melodie zu spielen.
Erst als wir uns wieder gesetzt hatten, erzählte Coleman mir von der Frau. "Ich habe ein Verhältnis, Nathan. Ich habe ein Verhältnis mit einer vierunddreißigjährigen Frau. Ich kann Ihnen nicht sagen, was das bei mir auslöst."
"Das brauchen Sie auch nicht - wir haben gerade miteinander getanzt."
"Ich dachte, ich könnte nichts mehr ertragen, ganz gleich, was es ist. Aber wenn dieses Zeug so spät im Leben noch einmal kommt, aus dem Nichts, völlig unerwartet, ja sogar unerwünscht, wenn es noch einmal kommt und man nichts hat, womit man es verdünnen kann, wenn man nicht mehr an zweiundzwanzig Fronten kämpft und nicht mehr im täglichen Durcheinander steckt... wenn es nur dieses eine ist..."
"Und wenn sie vierunddreißig ist."
"Und entflammbar. Eine entflammbare Frau. Sie hat Sex wieder zu einem Laster gemacht."
"La Belle Dame sans Merci hat Sie in ihren Bann geschlagen."
"Sieht so aus. Ich frage sie: ›Wie ist es denn so mit einem Einundsiebzigjährigen?‹, und sie sagt: ›Mit einem Einundsiebzigjährigen ist es perfekt. Er hat feste Gewohnheiten und kann sich nicht mehr ändern. Man weiß, was er ist. Keine Überraschungen.‹"
"Was hat sie so klug gemacht?"
"Überraschungen. Vierunddreißig Jahre voller Überraschungen haben sie klug gemacht. Es ist allerdings eine sehr beschränkte, antisoziale Klugheit. Auch eine rohe, wilde Klugheit. Die Klugheit eines Menschen, der nichts erwartet. Das ist ihre Klugheit und auch ihre Würde, aber es ist eine negative Klugheit, und das ist nichts, was einen tagein, tagaus auf Kurs halten kann. Seit sie lebt, hat das Leben versucht, sie kleinzukriegen. Alles, was sie weiß, stammt daher."
Ich dachte: Er hat jemanden gefunden, mit dem er reden kann... und dann dachte ich: Ich auch. Sobald ein Mann mir etwas von Sex erzählt, sagt er damit auch etwas über uns beide aus. In neun von zehn Fällen geschieht es gar nicht erst, und wahrscheinlich ist das auch ganz gut, aber wenn man das Stadium, in dem man freimütig über Sex sprechen kann, nicht erreicht und statt dessen so tut, als käme einem dieses Thema einfach nicht in den Sinn, ist die Männerfreundschaft nicht vollständig. Die meisten Männer finden nie einen solchen Freund. Es geschieht nicht oft. Aber wenn es geschieht, wenn zwei Männer sich über diesen zentralen Punkt des Mannseins einig sind, ohne die Angst, beurteilt, geschmäht, beneidet oder übertrumpft zu werden, und in dem Vertrauen, daß das Vertrauen nicht mißbraucht werden wird, dann kann ihre menschliche Verbindung sehr stark sein, und es entsteht eine unerwartete Nähe. Das ist für ihn wahrscheinlich ungewöhnlich, dachte ich, aber weil er in seinem schlimmsten Augenblick zu mir gekommen ist, erfüllt von dem Haß, der ihn schon seit Monaten verzehrte, spürt er jetzt, wie befreiend es ist, in der Gesellschaft eines Menschen zu sein, der ihn in einer schrecklichen Krankheit begleitet und auf seiner Bettkante gesessen hat. Es ist nicht so sehr der Drang zu prahlen als vielmehr
die gewaltige Erleichterung darüber, daß er etwas so verwirrend Neues wie seine eigene Wiedergeburt nicht ganz für sich behalten muß.
"Wo haben Sie sie gefunden?" fragte ich.
"Ich wollte an irgendeinem späten Nachmittag meine Post abholen, und da war sie und wischte den Boden. Sie ist diese magere Blonde, die manchmal im Postamt putzt. Sie steht als Putzfrau auf der Lohnliste des Colleges. Wo ich mal Dekan war, ist sie Vollzeit-Putzfrau. Die Frau hat nichts. Faunia Farley. So heißt sie. Faunia hat absolut nichts."
"Warum hat sie nichts?"
"Sie hatte einen Mann. Er hat sie so verprügelt, daß sie im Koma lag. Sie hatten eine Milchfarm, aber er hat sie so schlecht geführt, daß sie pleite gingen. Sie hatte zwei Kinder. Eine Heizsonne fiel um, fing Feuer, und beide Kinder erstickten. Abgesehen von der Asche ihrer Kinder, die sie in einer Dose unter ihrem Bett aufbewahrt, ist der einzige Gegenstand von einigem Wert, den sie besitzt, ein 83er Chevy. Das einzige Mal, daß ich sie den Tränen nahe gesehen habe, war, als sie gesagt hat: ›Ich weiß nicht, was ich mit der Asche machen soll.‹ Ländliche Katastrophen haben dafür gesorgt, daß Faunia nicht mal mehr Tränen hat. Und dabei war sie ein reiches, privilegiertes Kind. Sie ist in einem riesigen Haus südlich von Boston aufgewachsen. Fünf Schlafzimmer mit offenen Kaminen, erlesenste Antiquitäten, geerbtes Porzellan - alles alt und vom Besten, einschließlich der Familie. Faunia kann sich erstaunlich gehoben ausdrücken, wenn sie will, aber sie ist von so weit oben so tief gefallen, daß ihre Ausdrucksweise ziemlich gemischt ist. Faunia ist um das gebracht worden, was ihr rechtmäßig zustand. Sie ist verstoßen worden. In ihrem Leid steckt auch ein Stück echte Demokratisierung."
"Was hat sie zu Fall gebracht?"
"Ein Stiefvater hat sie zu Fall gebracht. Das Böse im großbürgerlichen Milieu hat sie zu Fall gebracht. Als sie fünf war, ließen die Eltern sich scheiden. Der vermögende Vater ertappte die schöne Mutter bei einer Affäre. Die Mutter liebte Geld und heiratete ein zweites Mal Geld, und der reiche Stiefvater ließ Faunia nicht in Ruhe. Vom ersten Tag an betatschte er sie. Konnte seine Finger nicht von ihr lassen. Er betatschte und befingerte das blonde, engelsgleiche Kind, und als er versuchte, sie zu vergewaltigen, riß sie aus. Die Mutter weigerte sich, ihr zu glauben. Man brachte sie zu einem Psychiater. Faunia erzählte ihm, was geschehen war, und nach zehn Stunden schlug sich der Psychiater auf die Seite des Stiefvaters. ›Auf die Seite dessen, der ihn bezahlt hat‹, sagt sie heute. ›Wie alle anderen.‹ Die Mutter hatte anschließend eine Affäre mit dem Psychiater. Das ist die Geschichte, wie sie sie erzählt. Und damit begann das harte Leben einer Frau, die allein zurechtkommen muß. Sie ist von zu Hause weggelaufen, von der Highschool, ist nach Süden gegangen, hat dort gearbeitet, ist wieder hinaufgezogen, in diese Gegend, hat alle möglichen Jobs gehabt, die sie kriegen konnte, und mit Zwanzig einen Farmer geheiratet, der älter war als sie, einen Milchfarmer und Vietnamveteranen, weil sie dachte, wenn sie sich anstrengen und Kinder haben und die Farm in Schwung bringen würden, könnte sie
ein ruhiges, normales Leben führen, auch wenn der Kerl ein bißchen dumm war. Besonders wenn er ein bißchen dumm war. Sie dachte, es sei besser, wenn sie diejenige war, die Grips hatte. Sie dachte, das sei ein Vorteil. Aber sie irrte sich. Alles, was sie gemeinsam hatten, waren Schwierigkeiten. Die Farm ging den Bach hinunter. ›Dieser Wichser‹, sagt sie, ›hatte einen Traktor zuviel gekauft.‹ Und er verprügelte sie regelmäßig. Er prügelte sie grün und blau. Wissen Sie, was für sie der Höhepunkt ihrer Ehe war? Ein Ereignis, das sie als ›die große Warme-Scheiße-Schlacht‹ bezeichnet. Eines Abends stehen sie nach dem Melken im Stall und streiten sich über irgend etwas, und plötzlich läßt eine Kuh neben Faunia einen großen Fladen fallen, und Faunia hebt eine Handvoll davon auf und wirft sie Lester ins Gesicht. Er wirft eine Hand-
voll zurück, und so begann die Schlacht. ›Die Warme-Scheiße-Schlacht war vielleicht die beste Zeit, die wir miteinander hatten‹, sagt sie. Am Ende waren beide von oben bis unten voller Kuhscheiße und brüllten vor Lachen, und nachdem sie sich mit dem Wasserschlauch im Stall abgespült hatten, gingen sie ins Haus, um zu vögeln. Das allerdings überspannte den Bogen. Das machte hundertmal weniger Spaß als die Schlacht. Mit Lester zu vögeln machte nie Spaß - laut Faunia wußte er nicht, wie man das macht. ›So dumm, daß er nicht mal vögeln konnte.‹ Wenn sie mir sagt, ich sei der ideale Mann, antworte ich, daß ich verstehen kann, daß sie mich so sieht - immerhin war er mein Vorgänger."
"Und was hat sie jetzt, mit Vierunddreißig, nachdem sie mit Vierzehn angefangen hat, mit warmer Scheiße gegen die Lesters dieser Welt zu kämpfen?" fragte ich. "Abgesehen von wilder Klugheit. Härte? Scharfsinn? Wut? Verrücktheit?"
"Der Kampf des Lebens hat sie hart gemacht, besonders in sexueller Hinsicht, aber nicht verrückt. Jedenfalls glaube ich das bis jetzt nicht. Wut? Wenn sie da ist - und warum sollte sie das nicht sein? -, dann ist es eine heimliche Wut. Eine Wut ohne Wüten. Und obwohl sie ein Mensch ist, der in seinem Leben anscheinend gar kein Glück gehabt hat, beklagt sie sich nie - jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Was Scharfsinn angeht - nein. Manchmal sagt sie etwas, das scharfsinnig klingt. Sie sagt: ›Vielleicht solltest du mich als eine gleichaltrige Partnerin sehen, die nur zufällig so viel jünger aussieht. Ich glaube nämlich, das bin ich.‹ Als ich sie gefragt habe: ›Was willst du eigentlich von mir?‹, hat sie gesagt: ›Etwas Gesellschaft. Vielleicht ein bißchen Wissen. Sex. Vergnügen. Mach dir keine Sorgen. Das ist alles.‹ Als ich ihr mal sagte, sie sei sehr klug für ihr Alter, sagte sie: ›Ich bin sehr dumm für mein Alter.‹ Sie war deutlich intelligenter als Lester, aber scharfsinnig? Nein. Irgend etwas in Faunia ist permanent vierzehn und so weit entfernt von Schläue, wie es nur geht. Sie hatte eine Affäre mit ihrem Boss, dem Kerl, der sie eingestellt hat. Smoky Hollenbeck. Ich habe ihn eingestellt - er ist der Betriebsingenieur des Colleges. Smoky war hier mal ein Footballstar. In den Siebzigern kannte
ich ihn als Studenten. Jetzt ist er Ingenieur. Er stellt Faunia für die Putzkolonne ein, und schon beim Einstellungsgespräch spürt sie, an was er denkt. Der Typ findet sie attraktiv. Er steckt in einer unaufregenden Ehe, aber er ist deswegen nicht wütend auf sie - er mustert sie nicht verächtlich und denkt: Warum hast du dich nicht irgendwo niedergelassen, warum streunst du noch herum wie eine läufige Hündin? Nein, von Smoky kommt keine bürgerliche Überheblichkeit. Smoky macht alles richtig, und das auch noch elegant - eine Frau, Kinder, fünf Kinder, so verheiratet, wie man nur sein kann, am College ein Sportheld, in der Stadt beliebt und bewundert -, aber er hat eine Gabe: Er kann aus all dem heraustreten. Wenn man sich mit ihm unterhält, kann man sich das gar nicht vorstellen. Mr. Athena Square, wie er leibt und lebt, ein Mann, der alles, aber auch alles, genau so tut, wie er es tun soll. Macht den Eindruck, als würde er sich seine eigene Geschichte zu hundert Prozent abkaufen. Man sollte meinen, daß er denkt: Was? Diese blöde Schnepfe mit ihrem verpfuschten Leben? Schafft sie mir vom Hals! Aber das tut er nicht. Im Gegensatz zu allen anderen in Athena ist er nicht so sehr in der Legende von Smoky gefangen, daß er nicht denken kann: Ja, das ist eine echte Frau, und ich will sie ficken. Oder daß er nicht handeln kann. Er fickt sie, Nathan. Er macht einen Dreier mit Faunia und einer anderen Frau aus der Putzkolonne. Er fickt sie beide. So geht das sechs Monate. Dann taucht eine Immobilienmaklerin auf, frisch geschieden und neu in der Stadt, und macht mit. Smokys Zirkus. Smokys geheimer Drei-Manegen-Zirkus. Doch dann, nach sechs Monaten, läßt er sie fallen - er nimmt Faunia aus dem Rotationsplan und läßt sie fallen. Ich wußte nichts davon, bis sie es mir erzählt hat. Und sie hat es mir nur erzählt, weil sie eines Nachts im Bett die Augen verdreht und mich mit seinem Namen angesprochen hat. ›Smoky‹, hat sie geflüstert. Dort oben auf Old Smoky. Durch das Wissen, daß sie bei dieser Ménage mitgemacht hat, habe ich eine genauere Vorstellung von der Lady bekommen, mit der ich es zu tun habe. Der Einsatz wurde höher. Es ließ mich regelrecht zusammenfahren: Das ist keine Amateurin. Auf die Frage, wie Smoky seine Schäfchen um sich schart, sagt sie: ›Mit der Kraft seines Schwanzes.‹ ›Das mußt du mir erklären‹, sage ich, und sie erklärt: ›Du weißt doch, jeder Mann merkt, wenn eine echte Frau den Raum betritt. Und umgekehrt ist es genauso. Bei bestimmten Leuten weiß man einfach, wozu sie da sind, ganz gleich, wie sie sich verkleidet haben.‹ Das Bett ist der einzige Ort, an dem Faunia irgendeine Art von Scharfsinn zeigt, Nathan. Im Bett spielt eine spontane körperliche Scharfsinnigkeit die erste Hauptrolle - die zweite Hauptrolle spielt die grenzüberschreitende Kühnheit. Im Bett entgeht Faunias Aufmerksamkeit nichts. Ihr Körper hat Augen. Ihr Körper sieht alles. Im Bett ist sie ein kraftvolles, intensives, gesammeltes Wesen, das Genuß dabei empfindet, Grenzen zu überschreiten. Im Bett ist sie ein tiefes Phänomen. Vielleicht verdankt sie diese Gabe dem Mißbrauch durch ihren Stiefvater. Aber wenn wir dann hinunter in die Küche gehen und ich ein paar Rühreier brate und wir da sitzen und essen, ist sie ein junges Mädchen. Vielleicht verdankt sie auch das dem Mißbrauch. Ich befinde mich in der Gesellschaft eines fahrigen, unkonzentrierten Mädchens mit ausdruckslosen Augen. Es passiert nirgendwo sonst. Aber immer wenn wir essen, passiert es: ich und meine Tochter. Es scheint
der Rest Töchterlichkeit zu sein, den sie noch hat. Sie kann nicht gerade auf dem Stuhl sitzen, sie kann keine zwei Sätze sagen, die irgend etwas miteinander zu tun haben. Die ganze scheinbare Nonchalance gegenüber Sex und Tragödien verschwindet, und ich sitze da und würde ihr am liebsten sagen: ›Setz dich gerade hin, nimm den Ärmel meines Bademantels vom Teller, hör mir zu und sieh mich an, wenn du mit mir sprichst, verdammt!‹"
"Und sagen Sie es dann?"
"Erscheint mir nicht ratsam. Nein, ich sage es nicht - nicht solange ich die Intensität dessen, was da ist, bewahren will. Ich denke an die Dose unter ihrem Bett, die Dose mit der Asche, von der sie nicht weiß, was sie damit tun soll, und würde am liebsten sagen: ›Es sind zwei Jahre vergangen. Es ist Zeit, sie zu beerdigen. Wenn du es nicht über dich bringst, sie zu vergraben, dann geh zur Brücke und streue sie in den Fluß. Laß sie davonschwimmen. Laß sie gehen. Ich komme mit. Wir werden es gemeinsam tun.‹ Aber ich bin nicht der Vater dieser Tochter - das ist nicht meine Rolle. Ich bin nicht ihr Professor. Ich bin überhaupt kein Professor mehr. Was das Unterrichten, Korrigieren, Beraten, Prüfen und Belehren von Menschen betrifft, befinde ich mich im Ruhestand. Ich bin ein einundsiebzigjähriger Mann mit einer vierunddreißigjährigen Geliebten und somit im Gemeinwesen Massachusetts nicht mehr geeignet, irgend jemanden zu belehren. Ich nehme Viagra, Nathan. Das ist La Belle Dame sans Merci. All dieses Glück, all diese Turbulenzen verdanke ich nur Viagra. Ohne Viagra wäre das alles nicht passiert. Ohne Viagra hätte ich ein zu meinem Alter passendes Weltbild und vollkommen andere Ziele. Ohne Viagra besäße ich die Würde eines älteren Gentleman, der kein Verlangen verspürt und sich korrekt benimmt. Ich würde nichts Unvernünftiges tun. Ich würde nichts tun, das unschicklich, übereilt, unüberlegt und für alle Beteiligten möglicherweise katastrophal ist. Ohne Viagra könnte ich in den letzten Jahren meines Lebens fortfahren, die weite, unpersönliche Perspektive eines erfahrenen und in Ehren pensionierten Mannes zu entwickeln, der die sinnlichen Genüsse des Lebens schon längst aufgegeben hat. Ich könnte fortfahren, tiefgründige philosophische Schlüsse zu ziehen und stützenden moralischen Einfluß auf die junge Generation zu nehmen, anstatt mich dem sexuellen Rausch und damit dem fortwährenden Ausnahmezustand hinzugeben. Dank Viagra habe ich Zeus' amouröse Verwandlungen verstanden. So hätten sie Viagra nennen sollen: Sie hätten es Zeus nennen sollen."
Wundert er sich, daß er mir all das erzählt? Vielleicht ja. Doch das Ganze hat ihn zu sehr belebt und in Schwung gebracht, als daß er jetzt aufhören könnte. Der Impuls ist derselbe wie vorhin, als er mit mir tanzen wollte. Ja, dachte ich, die trotzige Reaktion auf die Demütigung besteht nicht mehr darin, dieses Buch zu schreiben, sondern mit Faunia zu vögeln. Aber ihn treibt noch mehr als das. Er hat den Wunsch, das Tier loszulassen, diese Kraft freizusetzen - für eine halbe Stunde, für zwei Stunden, für wie lange auch immer - und erlöst diesem natürlichen Drang nachzugeben. Er war lange verheiratet. Er hat Kinder. Er war Dekan an einem College. Er hat vierzig Jahre lang getan, was getan werden mußte. Er war beschäftigt, und der natürliche Drang, dieses Tier, war in einer Kiste eingesperrt. Und jetzt ist die Kiste geöffnet. Dekan sein, Vater sein, Ehemann, Wissenschaftler, Lehrer sein, Bücher lesen, Vorlesungen halten, Seminararbeiten beurteilen, Zensuren verteilen - all das ist vorbei. Mit Einundsiebzig ist man natürlich nicht mehr das begeisterte, geile Tier, das man mit Sechsundzwanzig war. Doch die Reste des Tiers, die Reste dieses natürlichen Drangs - er spürt jetzt diese Reste. Und dafür ist er dankbar, deswegen ist er glücklich. Er ist mehr als glücklich: Er hat einen Kitzel entdeckt, und dadurch ist er bereits an Faunia gebunden, stark gebunden. Das hat nichts mit Familie zu tun - die Biologie braucht ihn nicht mehr. Es hat nichts mit Familie, mit Verantwortung oder mit Geld zu tun, nichts mit einer gemeinsamen Philosophie oder der Liebe zur Literatur, nichts mit großen Diskussionen über erhabene Ideen. Nein, was ihn an sie bindet, ist der Kitzel. Morgen hat er vielleicht Krebs, und das war's dann. Aber heute hat er den Kitzel.
Warum erzählt er mir das? Weil man sich selbst nur dann so bereitwillig aufgeben kann, wenn ein anderer davon weiß. Und er ist bereit, seinerseits aufgegeben zu werden, dachte ich, weil nichts auf dem Spiel steht. Weil es keine Zukunft gibt. Weil er einundsiebzig ist und sie vierunddreißig. Er macht es nicht, um etwas zu lernen oder zu planen, sondern aus Abenteuerlust. Er macht es wie sie: solange es gutgeht. Diese siebenunddreißig Jahre geben ihm viel Handlungsfreiheit. Ein alter Mann und, ein letztes Mal, die sexuelle Kraft. Was könnte für irgend jemanden anrührender sein?
"Natürlich muß ich sie fragen, was sie eigentlich von mir will", sagte Coleman. "Woran denkt sie wirklich? An eine aufregende neue Erfahrung: mit einem Mann zusammenzusein, der ihr Großvater sein könnte?"
"Ich nehme an, es gibt einen Typ von Frau, für den das tatsächlich eine aufregende Erfahrung ist", sagte ich. "Alle anderen Typen gibt es ja ebenfalls, warum also nicht auch diese? Es gibt offenbar irgendwo eine Behörde, Coleman, eine Bundesbehörde, die für alte Männer zuständig ist, und sie kommt von dieser Behörde."
"Als junger Mann", fuhr Coleman fort, "habe ich mich nie mit häßlichen Frauen eingelassen. Aber in der Navy hatte ich einen Freund, Farriello, und häßliche Frauen waren seine Spezialität. Wenn wir in Norfolk zum Tanzabend einer Kirchengemeinde oder der Truppenbetreuung gingen, steuerte Farriello sofort auf das häßlichste Mädchen zu. Wenn ich ihn auslachte, sagte er zu mir, ich wisse eben nicht, was ich mir entgehen ließe. Sie sind frustriert, sagte er. Sie sind nicht so hübsch wie deine Prinzessinnen, aber sie tun alles, was du willst. Die meisten Männer sind dumm, sagte er, weil sie das nicht wissen. Sie begreifen nicht, daß die häßlichste Frau, wenn du sie erst mal kennengelernt hast, auch die außergewöhnlichste ist. Vorausgesetzt, du schaffst es, sie rumzukriegen. Und wenn du das schaffst? Wenn du das schaffst, weißt
du gar nicht, wo du anfangen sollst, weil sie von Kopf bis Fuß
vor Verlangen bebt. Und alles nur, weil sie häßlich ist. Weil die Wahl nie auf sie fällt. Weil sie in der Ecke steht, während alle anderen tanzen. Und genauso ist es, ein alter Mann zu sein. Man
ist wie die häßliche Frau. Die anderen tanzen, und man steht in der Ecke."
"Dann ist Faunia also Ihr Farriello?"
Er lächelte. "Mehr oder weniger."
"Tja, was immer sonst noch gerade passiert", sagte ich, "immerhin brauchen Sie sich dank Viagra nicht mehr der Qual zu unterziehen, dieses Buch zu schreiben."
"Ich glaube, da haben Sie recht", sagte Coleman. "Ich glaube, das stimmt. Dieses blöde Buch. Habe ich Ihnen schon erzählt, daß Faunia nicht lesen kann? Das hab ich erst gemerkt, als wir eines Abends nach Vermont zum Essen gefahren sind. Sie konnte die Speisekarte nicht lesen. Hat sie einfach weggelegt. Wenn sie richtig verächtlich aussehen will, zieht sie die eine Hälfte ihrer Oberlippe ein bißchen hoch, nur ein ganz kleines bißchen, und dann sagt sie, was sie denkt. Die Bedienung kommt, und Faunia sagt ihr richtig verächtlich: ›Dasselbe wie er.‹"
"Aber sie ist doch zur Schule gegangen, bis sie vierzehn war. Wieso kann sie dann nicht lesen?"
"Die Fähigkeit zu lesen scheint zusammen mit der Kindheit verschwunden zu sein, in der sie lesen lernte. Ich habe sie gefragt, wie das geschehen konnte, aber sie hat bloß gelacht. ›Ganz einfach‹, hat sie gesagt. Die wohlmeinenden Liberalen in Athena wollen sie ermutigen, sich an einem Förderprogramm zu beteiligen, aber davon will sie nichts wissen. ›Und versuch du bloß nicht auch noch, mir was beizubringen. Du kannst mit mir alles machen, alles‹, hat sie an jenem Abend zu mir gesagt, ›aber versuch nicht diesen Scheiß. Schlimm genug, daß ich hören muß, was die Leute sagen. Wenn du mir Lesen beibringst, wenn du mich dazu zwingst, wenn du mich da hineinstößt, stößt du mich über die Klippe.‹ Auf dem ganzen Rückweg von Vermont hab ich geschwiegen, und sie ebenfalls. Erst als wir wieder hier waren, ha-ben wir darüber gesprochen. ›Du bist nicht imstande, mit einer Frau zu vögeln, die nicht lesen kann‹, sagte sie. ›Du wirst mit
mir Schluß machen, weil ich kein würdiger, vorschriftsmäßiger Mensch bin, der liest. Du wirst zu mir sagen: ,Lern lesen oder verschwinde.'‹ ›Nein‹, sagte ich, ›ich werde dich nur um so leidenschaftlicher vögeln, weil du nicht lesen kannst.‹ ›Gut‹, sagte sie, ›dann verstehen wir uns also. Ich vögele nicht wie diese belesenen Frauen, und ich will nicht gevögelt werden, als wäre
ich eine.‹ ›Ich werde dich als das vögeln, was du bist‹, sagte ich. ›Das ist gut‹, antwortete sie. Wir mußten inzwischen beide lachen. Faunia lacht wie eine Bardame, die für alle Fälle immer einen Baseballschläger griffbereit hat, und so lachte sie dieses rauflustige Ich-hab-schon-alles-gesehen-Lachen - Sie wissen schon, dieses rauhe, lässige Lachen einer Frau mit Vergangenheit -, und während sie lachte, fummelte sie schon an meinem Hosenschlitz herum. Dabei hatte sie vollkommen recht gehabt, als sie vermutet hatte, daß ich mit ihr Schluß machen wollte. Auf dem ganzen
Weg von Vermont hierher hatte ich genau das gedacht, was sie vermutet hatte. Aber ich werde es nicht tun. Ich werde sie nicht zum Opfer meines wunderbaren ethischen Bewußtseins werden lassen. Und mich ebenfalls nicht. Das ist vorbei. Ich weiß, daß diese Dinge ihren Preis haben. Ich weiß, daß es keine Versicherung gibt. Ich weiß, daß etwas, das jemanden wieder auf die Beine bringt, schließlich genau das werden kann, was ihn umbringt. Ich weiß, daß die meisten Fehler, die ein Mann begeht, durch das Sexuelle verstärkt werden. Aber im Augenblick ist mir das eben einfach egal. Ich wache morgens auf, und da liegt ein Handtuch auf dem Boden, und auf dem Nachttisch steht Babyöl. Warum sind diese Sachen hier? Dann fällt es mir wieder ein. Sie sind hier, weil ich wieder lebendig bin. Weil ich wieder in den Wirbelsturm eingetaucht bin. Weil das alles so ist, wie es ist, und zwar mit großer Istheit. Ich werde nicht mit ihr Schluß machen, Nathan. Ich habe angefangen, sie Voluptas zu nennen."

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