Warum die Ruppert Mundys...
(aus: The
Great American Novel, Hanser-Verlag)
Warum die Ruppert
Mundys zum heimatlosen Team des Baseballs werden mußten, erklärte man den Fans von Port
Ruppert mit jener altehrwürdigen, inspirierten Floskel, es gehe darum, "die Welt
für die Demokratie zu retten". Das Kriegsministerium erblickte in dem schönen
Mundy-Park-Stadion wegen seiner Nähe zum Hafen und zu den Dockanlagen von Port Ruppert
das ideale Einschiffungslager, und die Regierung handelte mit den Besitzern des Geländes
einen Mietvertrag für die Dauer des Kampfes aus. Auf dem Spielfeld sollte als Behausung
für die zum Weitertransport bestimmten Soldaten eine Stadt aus zweigeschossigen Baracken
errichtet werden, und das von Efeu umrankte Bauwerk, das zur Blütezeit der Mundys
allsonntäglich fünfunddreißigtausend glücklichen Fans eine Heimstatt geboten hatte,
war als Hauptquartier für diejenigen gedacht, die eine Million amerikanischer Jungen und
ihre Waffen über den Atlantik schicken sollten, um Europa von dem Tyrannen Hitler zu
befreien. In späteren Zeiten (so erklärte man den einheimischen Fans) würden
Schulkinder in Frankreich, in Belgien, in Holland, im fernen Dänemark gar und in
Norwegen, im Geschichtsunterricht die Stadt Port Ruppert, New Jersey, auf der Weltkarte
zeigen und mit einem Stern markieren müssen; und unter den englischsprechenden Völkern
werde Port Ruppert - neben Runnymede in England, wo King John die Magna Charta
unterzeichnet hatte, und Philadelphia, Pennsylvania, wo John Hancock seine Unterschrift
unter die Unabhängigkeitserklärung gesetzt hatte - für alle Zeiten als Geburtsort der
Freiheit in Ehren gehalten werden... Dazu käme der psychologische Auftrieb, welchen das
Mundy-Stadion den jungen Wehrpflichtigen geben würde, indem sie direkt vom Spielfeld aufs
Schlachtfeld zögen. Wenn sie ihre letzten Wochen auf amerikanischem Boden als
"Heimmannschaft" in dem Stadion verbrächten, das durch die unvergleichlichen
Mundys von 28, 29 und 30 berühmt geworden sei, müsse das wie eine "aufmunternde
Spritze" auf die Moral dieser amerikanischen Soldaten wirken, von denen die meisten
als Schulkinder begeisterte Fans der Mundys gewesen seien, damals, als die Mundys,
angetrieben vom unsterblichen Luke Gofannon, in drei Saisons und drei World Series
hintereinander dreihundertfünfunddreißig Spiele in Folge gewonnen hatten. Ja, was vor
langer, langer Zeit für die britischen Offiziere der heilige Rasen von Eton gewesen sei,
das werde dermaleinst für die amerikanischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs das
Mundy-Park-Stadion sein.
Wie sich herausstellte, waren derlei belebende, auf flaggengeschmückten Podesten von
Honoratioren wie Kriegsminister Stimson, Gouverneur Edison und Boss Stuvwxyz, dem
Bürgermeister von Port Ruppert, leidenschaftlich vorgetragene Äußerungen in der Tat
nicht ungeeignet, den Aufschrei zu unterdrücken, den das Management der Mundys und die
US-Regierung von einer für ihre Anhänglichkeit an die "Ruhpotts" (wie die
Mannschaft von den Einheimischen genannt wurde) bekannten Bürgerschaft befürchtet
hatten. Ja, die Herzen schlugen für die Mundys in dieser Stadt so hoch, daß, Bob Hope
zufolge, ein junger Mann bei der Musterung in Port Ruppert auf dem Fragebogen unter
Religion "die Mundys" eingetragen hatte; wie der Entertainer den Soldaten auf
Hunderten von Armeestützpunkten, die er in diesem Jahr bereiste, zu erzählen wußte, gab
es dort noch einen anderen Burschen, der, vom Rekrutierungsoffizier nach seinem Beruf
gefragt, mit treuherziger Miene antwortete: "Ruhpott-Fan und Klempner." Die
Soldaten brüllten vor Lachen - wie jedes Publikum zu tun pflegte, wenn ein Komiker nur
anfing mit "Kennt ihr den von dem Baseballfan in Port Ruppert" -, aber Hope
brauchte nur anzufügen: "Jetzt mal im Ernst, die ganze Nation ist diesen Leuten da
draußen wirklich eine Menge schuldig -", und schon erhoben sich die Soldaten und
Matrosen von den Plätzen und pfiffen lautstark zu Ehren jener Ostküstenmetropole, deren
Fans und Funktionäre auf ihren geliebten Verein verzichtet hatten, um die Welt für die
Demokratie zu retten.
Als ob die Fans der Mundys dabei auf irgendeine Weise mitzureden gehabt hätten! Als ob
Boss Stuvwxyz es abgelehnt hätte, den Verein an den Teufel zu verkaufen, solange man ihm
nur die Taschen mit Gold vollstopfte!
Die rationale Begründung, die den "Ruhpott-Fans" von Presse und Offiziellen
geliefert wurde, konnte General Oakharts Einwände gegen das Schicksal, das die Mundys
ereilt hatte, nicht einmal ansatzweise beschwichtigen. Der Zorn des Generals entzündete
sich weniger an der Tatsache, daß man eine Entscheidung von solcher Tragweite hinter
seinem Rücken getroffen hatte - als ob er, der im Herbst 1918 mit seiner Division durch
die Hindenburg-Linie gestoßen war, in Wirklichkeit ein Agent der Hunnen gewesen wäre! -,
als vielmehr daran, daß dieser außerordentliche Schachzug dem Ruf der Liga, deren
Präsident er war, beträchtlichen Schaden zugefügt hatte. Anfang der dreißiger Jahre
von Skandalen erschüttert und seither von sinkenden Zuschauerzahlen geplagt, konnte sich
die Patriot League beim Tauziehen um die besseren Spieler, Trainer und Schiedsrichter
nicht mehr auf ihre ruhmreiche Vergangenheit verlassen. Dieser erneute Übergriff auf
Moral und Zusammenhalt der Liga diente allein der Rückenstärkung der Intriganten in den
zwei rivalisierenden Ligen, deren innigster Wunsch es war, die acht Mannschaften der
Patriot League in Ruin oder Abstieg (in die Minor League - beides wäre ihnen recht
gewesen) zu treiben und auf diese Weise die American und National Leagues zu den einzigen
offiziellen "großen" Ligen im Lande zu machen. Bei den Truppen erzielte Bob
Hope schallendes Gelächter, wenn er die P. League - in der es nun nicht mehr acht,
sondern nur noch sieben Heimmannschaften gab - als "Schrumpfrumpf" bezeichnete,
aber auf General Oakhart wirkte das Attribut eher bedrohlich als belustigend.
Noch bedrohlicher war folgendes: Durch Billigung einer Absprache, wonach dreiundzwanzig
Major-League-Teams mindestens die Hälfte ihrer Spiele zu Hause austragen konnten,
während die Mundys als einzige ihre einhundertvierundfünfzig Spiele komplett auswärts
absolvieren mußten, hatten die Baseballveranstalter der Idee des Fair play, der Grundlage
dieses Sports, schwersten Schaden zugefügt; sie hatten sich bereit erklärt, etwas zu
manipulieren, das General Oakhart noch näher am Herzen lag als das Überleben der Liga:
die Regeln und die Vorschriften.
Jedes Schulkind aus Massachusetts, das jemals mit seiner Klasse das Büro des Generals in
der P.-League-Zentrale in Tri-City besucht hatte, wußte von General Oakhart und seinen
Regeln und Vorschriften. Während der Schulzeit wurden regelmäßig ganze Busladungen von
kleinen Kindern durch die Korridore geschleust, in denen auf vier mal fünf Meter großen
Wandgemälden die Patriot-League-Helden früherer Zeiten verewigt waren - Base Baal, Luke
Gofannon, Mike Mazda, Smoky Woden -, und in General Oakharts getäfeltes Büro geführt,
wo sie seinem Vortrag über den nationalen Zeitvertreib lauschen durften. Um den Kleinen
die zentrale Bedeutung der Regeln und Vorschriften zu veranschaulichen, lenkte er ihre
Aufmerksamkeit auf das Modell eines Baseballfeldes auf seinem Schreibtisch und erklärte
ihnen, daß man, wollte man den Abstand zwischen den Bases auch nur um einen Fingerbreit
verkürzen, dem Spiel genausogut gleich einen neuen Namen geben könnte, denn dies bedeute
eine fundamentale Veränderung des bestehenden Verhältnisses zwischen dem Spielfeld,
"wie wir es seit jeher kennen", und dem körperlichen Aufwand an Kraft und
Können, der zur Ausübung des Spiels auf einem Feld von diesen Maßen erforderlich sei.
Dann wölbte er den ernsten ehrfürchtigen Gesichtern der Kleinen seine stark dekorierte
Brust entgegen (denn er trug seine Uniform bis zum letzten Lebenstag) und sagte: "Ich
will nun nicht behaupten, daß morgen nicht jemand auftauchen und versuchen könnte,
diesen Abstand zu ändern. Auf den Straßen wimmelt es von Leuten mit hirnverbrannten
Ideen, von Leuten, die reich werden wollen, die Verwirrung stiften wollen, die die Welt
verbessern wollen, weil sie nun einmal nicht nach ihrem Geschmack ist. Ich behaupte
lediglich, daß der Abstand zwischen den Bases seit hundert Jahren neunzig Fuß beträgt,
und daß es, was mich betrifft, bis ans Ende aller Zeiten so bleiben wird. Ich denke
nämlich zufällig, daß der große Mann, dessen Bild ihr über meinem Schreibtisch seht,
genau wußte, was er tat, als er das Baseballspiel erfunden hat. Ich denke nämlich
zufällig, daß er, als er die Geometrie des Spielfelds entwarf, sich als ein Genie
erwies, gleichbedeutend mit Kopernikus und Sir Isaac Newton, von denen ihr bestimmt in
euren Schulbüchern gelesen habt. Ich denke nämlich zufällig, daß neunzig Fuß exakt
die Strecke war, die man wählen mußte, um dieses Spiel zu dem harten, aufregenden und
spannenden Kampf zu machen, der es ist. Und deshalb möchte ich in eure jungen Köpfe die
Überzeugung einpflanzen, daß man sich bis aufs I-Tüpfelchen an die Regeln und
Vorschriften halten muß, wie sie von besonnenen und ernsthaften Männern festgelegt
wurden, lange bevor irgendeiner von uns hier geboren wurde, und wie sie nun im Baseball
seit hundert Jahren und im Dasein der Menschheit seit Beginn der Zivilisation überlebt
haben. Jungen und Mädchen, nehmt die Regeln und Vorschriften weg, und ihr habt kein
zivilisiertes Leben mehr, wie wir es kennen und lieben. Wenn ich euch heute überhaupt
einen Rat mitgeben möchte, dann diesen: Versucht nicht, die Abstände zwischen den Bases
zu verkürzen, nur damit ihr schneller die Homebase erreicht und einen Run erzielt. Ihr
werdet mit diesem Trick nur eins erreichen, nämlich daß ein Run nicht mehr als so etwas
Besonderes gelten wird. Ich hoffe, ihr denkt auf der Busfahrt nach Hause einmal darüber
nach. Und jetzt geht und seht euch auf den Korridoren um. Diese großartigen Bilder
hängen dort, damit ihr euch daran erfreuen könnt. Auf Wiedersehen und alles Gute."
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