The Great American Novel von Philip Roth, 2000, Hanser-VerlagPhilip Roth

Warum die Ruppert Mundys...
(Leseprobe aus: The great American Novel, Roman, 2000, Hanser - Übertragung Werner Schmitz).

Warum die Ruppert Mundys zum heimatlosen Team des Baseballs werden mußten, erklärte man den Fans von Port Ruppert mit jener altehrwürdigen, inspirierten Floskel, es gehe darum, "die Welt für die Demokratie zu retten". Das Kriegsministerium erblickte in dem schönen Mundy-Park-Stadion wegen seiner Nähe zum Hafen und zu den Dockanlagen von Port Ruppert das ideale Einschiffungslager, und die Regierung handelte mit den Besitzern des Geländes einen Mietvertrag für die Dauer des Kampfes aus. Auf dem Spielfeld sollte als Behausung für die zum Weitertransport bestimmten Soldaten eine Stadt aus zweigeschossigen Baracken errichtet werden, und das von Efeu umrankte Bauwerk, das zur Blütezeit der Mundys allsonntäglich fünfunddreißigtausend glücklichen Fans eine Heimstatt geboten hatte, war als Hauptquartier für diejenigen gedacht, die eine Million amerikanischer Jungen und ihre Waffen über den Atlantik schicken sollten, um Europa von dem Tyrannen Hitler zu befreien. In späteren Zeiten (so erklärte man den einheimischen Fans) würden Schulkinder in Frankreich, in Belgien, in Holland, im fernen Dänemark gar und in Norwegen, im Geschichtsunterricht die Stadt Port Ruppert, New Jersey, auf der Weltkarte zeigen und mit einem Stern markieren müssen; und unter den englischsprechenden Völkern werde Port Ruppert - neben Runnymede in England, wo King John die Magna Charta unterzeichnet hatte, und Philadelphia, Pennsylvania, wo John Hancock seine Unterschrift unter die Unabhängigkeitserklärung gesetzt hatte - für alle Zeiten als Geburtsort der Freiheit in Ehren gehalten werden... Dazu käme der psychologische Auftrieb, welchen das Mundy-Stadion den jungen Wehrpflichtigen geben würde, indem sie direkt vom Spielfeld aufs Schlachtfeld zögen. Wenn sie ihre letzten Wochen auf amerikanischem Boden als "Heimmannschaft" in dem Stadion verbrächten, das durch die unvergleichlichen Mundys von 28, 29 und 30 berühmt geworden sei, müsse das wie eine "aufmunternde Spritze" auf die Moral dieser amerikanischen Soldaten wirken, von denen die meisten als Schulkinder begeisterte Fans der Mundys gewesen seien, damals, als die Mundys, angetrieben vom unsterblichen Luke Gofannon, in drei Saisons und drei World Series hintereinander dreihundertfünfunddreißig Spiele in Folge gewonnen hatten. Ja, was vor langer, langer Zeit für die britischen Offiziere der heilige Rasen von Eton gewesen sei, das werde dermaleinst für die amerikanischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs das Mundy-Park-Stadion sein.
Wie sich herausstellte, waren derlei belebende, auf flaggengeschmückten Podesten von Honoratioren wie Kriegsminister Stimson, Gouverneur Edison und Boss Stuvwxyz, dem Bürgermeister von Port Ruppert, leidenschaftlich vorgetragene Äußerungen in der Tat nicht ungeeignet, den Aufschrei zu unterdrücken, den das Management der Mundys und die US-Regierung von einer für ihre Anhänglichkeit an die "Ruhpotts" (wie die Mannschaft von den Einheimischen genannt wurde) bekannten Bürgerschaft befürchtet hatten. Ja, die Herzen schlugen für die Mundys in dieser Stadt so hoch, daß, Bob Hope zufolge, ein junger Mann bei der Musterung in Port Ruppert auf dem Fragebogen unter Religion "die Mundys" eingetragen hatte; wie der Entertainer den Soldaten auf Hunderten von Armeestützpunkten, die er in diesem Jahr bereiste, zu erzählen wußte, gab es dort noch einen anderen Burschen, der, vom Rekrutierungsoffizier nach seinem Beruf gefragt, mit treuherziger Miene antwortete: "Ruhpott-Fan und Klempner." Die Soldaten brüllten vor Lachen - wie jedes Publikum zu tun pflegte, wenn ein Komiker nur anfing mit "Kennt ihr den von dem Baseballfan in Port Ruppert" -, aber Hope brauchte nur anzufügen: "Jetzt mal im Ernst, die ganze Nation ist diesen Leuten da draußen wirklich eine Menge schuldig -", und schon erhoben sich die Soldaten und Matrosen von den Plätzen und pfiffen lautstark zu Ehren jener Ostküstenmetropole, deren Fans und Funktionäre auf ihren geliebten Verein verzichtet hatten, um die Welt für die Demokratie zu retten.
Als ob die Fans der Mundys dabei auf irgendeine Weise mitzureden gehabt hätten! Als ob Boss Stuvwxyz es abgelehnt hätte, den Verein an den Teufel zu verkaufen, solange man ihm nur die Taschen mit Gold vollstopfte!


Die rationale Begründung, die den "Ruhpott-Fans" von Presse und Offiziellen geliefert wurde, konnte General Oakharts Einwände gegen das Schicksal, das die Mundys ereilt hatte, nicht einmal ansatzweise beschwichtigen. Der Zorn des Generals entzündete sich weniger an der Tatsache, daß man eine Entscheidung von solcher Tragweite hinter seinem Rücken getroffen hatte - als ob er, der im Herbst 1918 mit seiner Division durch die Hindenburg-Linie gestoßen war, in Wirklichkeit ein Agent der Hunnen gewesen wäre! -, als vielmehr daran, daß dieser außerordentliche Schachzug dem Ruf der Liga, deren Präsident er war, beträchtlichen Schaden zugefügt hatte. Anfang der dreißiger Jahre von Skandalen erschüttert und seither von sinkenden Zuschauerzahlen geplagt, konnte sich die Patriot League beim Tauziehen um die besseren Spieler, Trainer und Schiedsrichter nicht mehr auf ihre ruhmreiche Vergangenheit verlassen. Dieser erneute Übergriff auf Moral und Zusammenhalt der Liga diente allein der Rückenstärkung der Intriganten in den zwei rivalisierenden Ligen, deren innigster Wunsch es war, die acht Mannschaften der Patriot League in Ruin oder Abstieg (in die Minor League - beides wäre ihnen recht gewesen) zu treiben und auf diese Weise die American und National Leagues zu den einzigen offiziellen "großen" Ligen im Lande zu machen. Bei den Truppen erzielte Bob Hope schallendes Gelächter, wenn er die P. League - in der es nun nicht mehr acht, sondern nur noch sieben Heimmannschaften gab - als "Schrumpfrumpf" bezeichnete, aber auf General Oakhart wirkte das Attribut eher bedrohlich als belustigend.
Noch bedrohlicher war folgendes: Durch Billigung einer Absprache, wonach dreiundzwanzig Major-League-Teams mindestens die Hälfte ihrer Spiele zu Hause austragen konnten, während die Mundys als einzige ihre einhundertvierundfünfzig Spiele komplett auswärts absolvieren mußten, hatten die Baseballveranstalter der Idee des Fair play, der Grundlage dieses Sports, schwersten Schaden zugefügt; sie hatten sich bereit erklärt, etwas zu manipulieren, das General Oakhart noch näher am Herzen lag als das Überleben der Liga: die Regeln und die Vorschriften.
Jedes Schulkind aus Massachusetts, das jemals mit seiner Klasse das Büro des Generals in der P.-League-Zentrale in Tri-City besucht hatte, wußte von General Oakhart und seinen Regeln und Vorschriften. Während der Schulzeit wurden regelmäßig ganze Busladungen von kleinen Kindern durch die Korridore geschleust, in denen auf vier mal fünf Meter großen Wandgemälden die Patriot-League-Helden früherer Zeiten verewigt waren - Base Baal, Luke Gofannon, Mike Mazda, Smoky Woden -, und in General Oakharts getäfeltes Büro geführt, wo sie seinem Vortrag über den nationalen Zeitvertreib lauschen durften. Um den Kleinen die zentrale Bedeutung der Regeln und Vorschriften zu veranschaulichen, lenkte er ihre Aufmerksamkeit auf das Modell eines Baseballfeldes auf seinem Schreibtisch und erklärte ihnen, daß man, wollte man den Abstand zwischen den Bases auch nur um einen Fingerbreit verkürzen, dem Spiel genausogut gleich einen neuen Namen geben könnte, denn dies bedeute eine fundamentale Veränderung des bestehenden Verhältnisses zwischen dem Spielfeld, "wie wir es seit jeher kennen", und dem körperlichen Aufwand an Kraft und Können, der zur Ausübung des Spiels auf einem Feld von diesen Maßen erforderlich sei. Dann wölbte er den ernsten ehrfürchtigen Gesichtern der Kleinen seine stark dekorierte Brust entgegen (denn er trug seine Uniform bis zum letzten Lebenstag) und sagte: "Ich will nun nicht behaupten, daß morgen nicht jemand auftauchen und versuchen könnte, diesen Abstand zu ändern. Auf den Straßen wimmelt es von Leuten mit hirnverbrannten Ideen, von Leuten, die reich werden wollen, die Verwirrung stiften wollen, die die Welt verbessern wollen, weil sie nun einmal nicht nach ihrem Geschmack ist. Ich behaupte lediglich, daß der Abstand zwischen den Bases seit hundert Jahren neunzig Fuß beträgt, und daß es, was mich betrifft, bis ans Ende aller Zeiten so bleiben wird. Ich denke nämlich zufällig, daß der große Mann, dessen Bild ihr über meinem Schreibtisch seht, genau wußte, was er tat, als er das Baseballspiel erfunden hat. Ich denke nämlich zufällig, daß er, als er die Geometrie des Spielfelds entwarf, sich als ein Genie erwies, gleichbedeutend mit Kopernikus und Sir Isaac Newton, von denen ihr bestimmt in euren Schulbüchern gelesen habt. Ich denke nämlich zufällig, daß neunzig Fuß exakt die Strecke war, die man wählen mußte, um dieses Spiel zu dem harten, aufregenden und spannenden Kampf zu machen, der es ist. Und deshalb möchte ich in eure jungen Köpfe die Überzeugung einpflanzen, daß man sich bis aufs I-Tüpfelchen an die Regeln und Vorschriften halten muß, wie sie von besonnenen und ernsthaften Männern festgelegt wurden, lange bevor irgendeiner von uns hier geboren wurde, und wie sie nun im Baseball seit hundert Jahren und im Dasein der Menschheit seit Beginn der Zivilisation überlebt haben. Jungen und Mädchen, nehmt die Regeln und Vorschriften weg, und ihr habt kein zivilisiertes Leben mehr, wie wir es kennen und lieben. Wenn ich euch heute überhaupt einen Rat mitgeben möchte, dann diesen: Versucht nicht, die Abstände zwischen den Bases zu verkürzen, nur damit ihr schneller die Homebase erreicht und einen Run erzielt. Ihr werdet mit diesem Trick nur eins erreichen, nämlich daß ein Run nicht mehr als so etwas Besonderes gelten wird. Ich hoffe, ihr denkt auf der Busfahrt nach Hause einmal darüber nach. Und jetzt geht und seht euch auf den Korridoren um. Diese großartigen Bilder hängen dort, damit ihr euch daran erfreuen könnt. Auf Wiedersehen und alles Gute."

Rezension I Buchbestellung III01 LYRIKwelt © Hanser-Verlag