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Caspar
(Leseprobe aus:
Caspar, Roman, 2005, Nagel
& Kimche)
Sie gingen langsam, alle drei,
setzten einen Fuß vor den andern, den vierten Tag ohne Pause. Schweigen.
Sommerhitze. Caspar wusste nicht, warum keiner was sagte. Er hatte einen Stecken
gefunden, schwang ihn als Wanderstab, schlug die Farnwedel am Wegrand. Grüne
Blattfetzen flogen durch die Luft. Er blieb stehen und haute die Wedel um, als wären
sie Soldaten auf dem Schlachtfeld. Sie fielen hin und regten sich nicht mehr.
Die Mutter rief nach ihm, doch er warf sich in die Lücke, die er ins Grün
gehauen hatte, und spähte zwischen den Stengeln hindurch. Der Sauer ging
einfach weiter. Hoch trug er den Kopf und warf die fatzengeraden Beine nach
vorn. Seine blonden Locken unter dem Dreispitz wippten in der Mittagssonne, die
Strumpfsocken waren ordentlich unter den Bünden der Hosenbeine festgezurrt und
sahen aus der Entfernung fast weiß aus. Jetzt blieb der Stiefvater stehen, doch
er blickte nicht zurück. Er stand still, atmete tief und sah die Straße hinab.
Er schaute in die Richtung, in die er schnell gehen wollte. Er schaute und rührte
sich nicht. Nur sein Rücken bewegte sich. Paula stand zwischen ihnen beiden und
sah von einem zum andern. Caspar hielt den Atem an. Dann kam seine Mutter zu ihm
und ließ sich neben ihn fallen. Der Junge atmete aus. Paula seufzte und warf
die Arme über den Kopf. Dunkle Flecken hatten sich unter ihren Achseln
ausgebreitet. Sie roch nach Herbstregen und Pilzen, obwohl jetzt Sommer war und
die Sonne brannte. Sie waren auf der Reise, und Caspar wusste nicht, wohin noch
warum.
»Ah.« Schnell hob und senkte sich ihre Brust, während sie die Schuhe von sich
warf, die Röcke über die Knie zog, sich damit Luft zufächelte und die Augen
schloss. Eine schwarze Strähne klebte an ihrer Wange, ein Lächeln huschte vom
Mundwinkel zu den Wimpern, sie schürzte die Lippen. Aus der Tiefe ihrer Röcke
zauberte sie einen Frühapfel hervor, biss hinein, dass der Saft spritzte, biss
ein Stück heraus und gab es Caspar. Sie kauten.
»Frau, steh auf, wir müssen weiter.« Paula lächelte breiter und spuckte ein
Stück vom Kernhaus ins Gras. »Frau!« Der Sauer rief zum zweiten Mal. Keinen
Schritt würde er zurückgehen. Paula setzte sich auf. Ihre schwarzen Augen
blitzten. »Wir müssen uns ein wenig ausruhen.« Sie sprach zwischen den
Apfelstücken hindurch, kaute weiter, ließ sich wieder nach hinten fallen. Der
Sauer drehte sich nicht um. Er blickte die Straße hinab, die er gehen wollte,
die er schnell gehen wollte, an deren Ende Anspach liegt. Anspach, seine
Heimatstadt. Anspach, wo man auf ihn wartet. Doch sein Weib will im Straßengraben
liegen, will ausruhen, will mit langen Zähnen in einen Apfel beißen, wird am
Ende dem Jungen das Ziel ihrer Reise verraten. Anspach. Sauer ging noch zwei
Schritte, setzte sich an den Straßenrand, die Füße Richtung Heimat, den
runden Rücken Richtung Frau und Kind.
Caspar legte den Kopf auf den Bauch seiner Mutter und hörte, wie die Apfelstücke
hineinfielen. Ein Rumpeln, Gurgeln, Rauschen. Leise Hilferufe gelangten an sein
Ohr. Er grub das Gesicht in ihren Schoß, biss in ihren Bauch, musste den armen
Apfel retten, der ins Fegefeuer gefallen war und dort verbrannte. Paula steckte
zehn Finger in Caspars struppiges Haar und rüttelte ihn wie einen jungen Hund.
Dann ließ sie ihre Finger seinen Rücken hinunterkrabbeln, bis er den Kopf in
den Nacken warf, den Mund weit öffnete, die auseinander stehenden Milchzähne
zeigte und kreischend lachte. Und lachte.
»Jetzt reichts!« Der Sauer erhob sich, senkte das Kinn, schritt eilig zu den
beiden, zählte laut die Schritte, die er auf dem einmal gemachten Weg zurückgehen
musste. Wegen ihr. Wegen ihrem Kind. Diesem Balg. Er packte den Jungen am Arm
und riss ihn in die Höhe. Die Beine des Kindes knickten weg, schlaff wie eine
Puppe hing er am Arm des Stiefvaters, versuchte die Knie durchzudrücken, fand
ein wenig Stand auf den Zehen, sah die Hand nicht herabfallen, denn sie kam
schnell, spürte nur das Knallen im Ohr, den Feuerwall im Gesicht. Großer Lärm:
Knallen, Rauschen, Schreien, Knallen, Rauschen, Schreien. Caspar hörte die
Stimme seiner Mutter nicht. Sie blieb still, wie so oft, seit es den Sauer gab
in ihrer beider Leben. Sie hob ihre Hände vors Gesicht, ließ sie wieder
fallen. Als Caspars Nase blutete, ließ der Stiefvater ihn los. Der Junge
wischte sich mit dem Ärmel die Nase ab. Er solle auf sein Hemd Acht geben,
murmelte die Mutter. Caspar sah sich um. Wo war der Stecken? Er schielte zu der
Grasmulde, in der sie zu zweit gelegen waren, schielte zum Sauer, der
weiterschritt, wutentbrannt, und ihn nicht beachtete, huschte schnell zurück,
suchte und fand ihn. Die Mutter ging langsam hinter dem Sauer her. Strähnenweise
hing ihr das Haar ins Gesicht. Caspar leckte Blut von den Lippen, versuchte
einen Schritt, es ging. Er schwang den Stecken als Wanderstab.
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