Im Vorhof der Hölle von Carlo Ross, Bitter/dtvCarl Ross

Im Vorhof der Hölle
(Leseprobe aus: Im Vorhof der Hölle, Roman, S. 135-137, 1994, dtv)

Nach einigen Minuten erreichte er den Kinderblock in der Nähe der Bergstraße. Im Innenhof des Blocks befand sich ein kleiner Sandspielplatz, der nur wenigen Kindern erlaubte ihren Spielen nachzugehen. Aus dem Erdgeschoss scholl das helle Kreischen vieler Kinderstimmen und wies David den Weg. Schon bald war er umringt von Kleinen, die den Besuch bestaunten, sich an ihn hängten und nicht mehr loslassen wollten.

Er fragte eine Kinderschwester, die ihn aufzuhalten versuchte, nach Vera. Sie musterte ihn eingehend und sagte dann: »Die findest du in der ersten Etage in der Gruppe C. Hier, die Treppe mußt rauf!«

David dankte ihr für die Auskunft und löste mit sanfter Gewalt die an seiner Hose hängenden Kinder. Kaum war er in der oberen Etage, da lief ihm Vera schon über den Weg. Ihm stieg das Blut mächtig ins Gesicht und sein Herz begann heftig zu schlagen. Er stand reglos vor Eva und wußte nicht, was er sagen sollte.

Auch das Mädchen war verlegen, faßte sich aber recht schnell und sagte einladend: »Schön, daß du gekommen bist, David. Jossele hat das ganze Haus schon in Aufregung versetzt mit der Ankündigung, daß der Kasperle kommen würde!«

»Und nun bin ich da«, rang sich David mühsam ab. Ihm war der Kopf wirr und es summte in ihm wie in einem Bienenkorb. Er reichte Vera die Hand. Die zögerte ein wenig, nahm sie dann aber und schüttelte sie heftig. So standen sich die zwei gegenüber. »Ja, nun bist du da«, erwiderte Vera nach einiger Zeit und ergänzte: »Dann komm mal herein!«

Kaum eine Stunde später lagen die Puppen spielbereit hinter der Decke, die David in einer Türöffnung befestigt hatte. Und im Schlafsaal drängten sich die Kinder auf den Betten und am Boden. Mit großen, erwartungsfrohen Augen starrten sie an die Decke, als seien hinter ihr alle Freuden der Erde verborgen.

David begann sein Spiel. Nach den ersten leisen Tönen der Glocke wurde es so still im Saal, daß David glaubte die Stille greifen zu können. Hinter seiner Decke fühlte er sich sicher und begann ohne Hemmungen mit seinem Spiel. Er ließ den Kasperle seine Späße treiben, forderte die Kinder auf ein Lied zu singen und begann schließlich das einfache Spiel. Vera beflügelte seine Fantasie.

Da war im Lande Irgendwo ein böser Drache, der alle Bewohner des Landes in einer riesigen Höhle gefangen hielt und sie hungern liess. Als Kasperle in das Land kam, hörte er, daß der König dem seine Tochter zur Frau geben wolle, der das Land vom Drachen befreie. Und da dem Kasperle die Königstochter gur gefällt, kämpft er gegen den Drachen und besiegt ihn. Der König ist erfreut und führt ihm die Prinzessin zu. Alle sind glücklich und zufrieden.

In der letzten Szene des Spieles kam David ein Gedanke. Er zog die Sicherheitsnadel aus dem gelben Stern an seinem Hemd und gab ihn Vera, die den König führte. Die ahnte, was David wollte, und brachte den König, der den Stern vor sich hertrug, auf die Spielleiste. Und dann klangen die Schlußworte des Königs in den Ohren der Kinder, die mit hochroten Köpfchen wie verzaubert lauschten: »Weil du die Menschen vor dem bösen Drachen befreit hast, Kasperle, bekommst du von mir den höchsten Orden, den ich als König zu vergeben habe, den großen Mazzeorden!«

Vera prustete ihr Lachen heraus, ließ aber die Puppe auf der Spielleiste. Sie heftete dem Kasperle den Stern an und stach so fest zu, daß die Nadel in Davids Hand eindrang. Das aber tat der Spielfreude keinen Abbruch. Er spielte bis zum Schluß, ließ Kasperles Zipfelmütze kreisen und sang fröhlich: »Der Drach ist tot, der Drach ist tot, nun ist vorbei die große Not!«

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