Pauls Fall von Arne Ross, 2006, Schöffling

Arne Ross

Pauls Fall
(Leseprobe aus: Pauls Fall, Roman, 2006, Schöffling&Co.)

Während G. sich umdrehte und ihm den Rücken zuwandte, blieb er liegen wie zuvor. Er hörte, dass im Keller das Summen der Heizung abbrach; er sah den Schrank, der ihm dunkel drohte, und den noch dunkleren Strich des vom Bademantelbügel offen gehaltenen Schranktürspaltes, er sah die beiden Koffer, die obenauf lagen, und neben ihnen einen schmalen Streifen Wand, der schwach zu leuchten schien, er wandte seinen Kopf um. Draußen war Licht zu sehen, das Licht der Straßenlampen, in der Siedlung und an der Hauptstraße, das Licht entfernter Ortschaften und Städte, wie durch etwas Fadenscheiniges drückte es sich durch die Vorhänge und warf sich, gräulich geworden, mit dem schemenhaften, schrägen Schatten des aufgekippten Fensters an jene Wand, zu der G. hin lag.
Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und drehte sich auf die Seite, er sah G.s Rücken. Um ihn berühren zu können, schlug er ihre Bettdecke zurück, wollte ihr Nachthemd hochschieben, aber sie lag darauf. Er bemühte sich, es unter ihrem Gewicht hervorzuzerren, und auf einmal gab sie, indem sie den Hintern hob, nach. Er begann, ihr über den Rücken zu streichen, er tat es langsam und an den Stellen verweilend, die ihm rau erschienen, und er hörte nicht eher auf, bis dass er ihren Rücken überall glatt und warm gestrichen hatte.

Ein paar Stunden später wollte er sich zu ihrem Mund hinunterbeugen, stieß aber mit seinem Kopf gegen ihren Rücken. Er murmelte etwas vor sich hin, das wie eine Entschuldigung klang, und als sie ungestört weiterschlief, setzte er die Suche nach ihrem Mund fort und stieß abermals mit dem Kopf gegen ihren Rücken. Sie bewegte sich, wachte aber nicht auf. Er versuchte, etwas zu sagen, presste aber nur ein paar unverständliche Laute hervor; er hielt sein Ohr in die Richtung, in der er ihren Mund vermutete, als glaubte er, dass sie im Schlaf sprach und er es zu hören hatte, und er beugte sich noch weiter vor, drohte, auf ihren Körper zu kippen, beherrschte sich aber, verharrte so, über sie gebeugt, und horchte wieder, er starrte jetzt, vor Anstrengung zitternd, das an, was er für ihren Mund hielt, eine Locke über ihrem Ohr.
Schließlich fiel er kraftlos zurück, und im Zurückfallen gelang ihm eine Drehung, die so zufällig war, dass er sie kaum noch hätte erhoffen oder gar wollen können, und die es ihm ermöglichte, auf den Schrank zu schauen und dort die tanzenden Schatten, die er seit Jahren kannte, zu betrachten. Draußen prasselte der Regen gegen die Fenster, und wenn ein Windstoß die Tanne vor der Straßenlampe zur Seite bog, fiel ihr Licht ungehindert durch die sich aufblähenden Vorhänge ins Zimmer und auf seinen Kopf, der jetzt fast vom Kissen gerutscht war, sein zerzaustes Haar stand nach allen Seiten hin ab. Er hatte sich entblößt; die Bettdecke lag halb auf dem Boden, halb über seinen Füßen, und die Schlafanzughose hing in Fetzen an seinem rechten Bein, das er aus dem Bett gestreckt hatte. Sein Gesicht sah ruhig aus, es war von einer Blässe überzogen, die die Augen in die Höhlen seines Schädels einsinken ließ, gleichmäßig und sanft.
Aber G. schlief fest, er konnte sie nicht mehr erreichen.
Aus der Höhe über ihm näherte sich etwas, und er wusste nicht, was es war, es fesselte ihn in seinem hingekrümmten Körper, erfasste seine Augen und sein Haar, drang in seinen Kopf ein, breitete sich blitzschnell dort aus, und wuchs und wucherte,
und fand keinen Platz mehr, drängte, auf der Suche nach einem Schlupfloch, immer stärker hinaus, gegen die Wände des Schädels, der jetzt zum Zerbersten gefüllt war, und ließ Schaum vor seinen Mund treten, doch seinen Mund selbst erfasste es nicht, denn er öffnete ihn unter Qualen. Ja, sagte er. Das Zittern, das ihn danach ergriff, dauerte auch in jener Morgenstunde noch an, da G. aufwachte und entdeckte, dass ihm etwas zugestoßen war.

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