Du hast...
Du hast die Schenkel nicht gesehen,
die sich trotzig dir entgegenreckten, mit ihrem Meer von roten Lippen im August,
hast nicht gehört die Rufe der steigenden Zweige im Frühling
unter einem Himmel aus hellerem Samt,
der dir kleine schwarze Wolken zuwarf,
als wolle er dir unter Schmerzen eine Treppe nach Eden errichten,
nach diesem durch die Dämmerung glühenden Reich,
wo die kalten Ströme geborstener Tage
von Schwärmen dichtesten Lächelns in Herzen aus Mondstaub verwandelt werden
und aus hellerem Blut.
Nein, du sahst nicht, du warst umschlossen
von einem Netz gefräßiger Träume,
von einem unaufhörlichen Rauschen, das,
wie Flut, auf Flut, auf Flut,
dir durch die spinnengleich tastenden Glieder fuhr,
diese blauen Lilien der Verzweiflung,
die niemals innehielten,
um einfach zu lauschen.
Und niemals, niemals ahntest du,
außer vielleicht
in bedrückenden Träumen,
daß aus den selben Fäden gewirkt sind
das Lächeln des Mondes, das goldene,
das nächtens an dir zerbrach
und jene schweigenden Erze,
die deine Hilflosigkeit überwucherten,
wie ein verwunschenes Schloß.
(2000)
Rezension I Buchbestellung IV02 © LYRIKwelt