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Die Kellnerin
Anni
(Leseprobe aus: Die Kellnerin Anni, Roman, dtv)
Die
Kellnerin Anni - gefärbte Haare - sitzt in
einem unordentlichen Raum, einer Art Rumpelkammer, und raucht eine Zigarette.
An und für sich
darfst natürlich nicht rauchen als Bedienung. Klar. Wir seh'n
's ja ein. Eine Bardame, ja, natürlich, so eine schon. Da gehört das ja förmlich
dazu, zu einer Bardame.
Sie macht eine Bardame nach, die mondän
hinter einer Theke sitzt und raucht.
Eigentlich aus einer Zigarettenspitz, stellt' ich
mir vor.
Sie macht nach, wie eine Bardame an einer
Zigarette mit langer Spitze zieht.
Ich komm ja kaum dazu, in eine Bar zu gehen, also
in ein anderes Etablissement. Als Bedienung.
Sie schreit hinaus:
Ja, ja, ich komm
gleich. - Als Bedienung. Wenn man da frei hat, geht man natürlich nur ungern in
ein anders Etablissement. Ich geh mehr in die Natur, wenn ich einmal frei hab.
Selten genug hat man frei, in dem Etablissement da. Ist eigentlich kein
Etablissement mehr eine ordinäre Wirtschaft. Aber was willst d' machen bei der
Arbeitslage.
Sie schreit hinaus:
Ja, gleich. - Würde natürlich blöd ausschauen,
wenn wir Kellnerinnen, respektive Damen, mit der brennenden Zigarette im Maul,
respektive Mund, in der Gaststuben herumrennen möchten. Und was der Wirt da
erst sagen tät, also der Chef - nicht auszudenken. Der möchte an und für
sich, daß wir überhaupt nicht rauchen. »Eine
deutsche Frau raucht nicht!« - sagt er immer. Die
Toni, die was meine Kollegin ist, hat ihn einmal gefragt, den Herrn Chef, wo er
den Spruch herhat: »Eine deutsche Frau raucht nicht!«
- die Zigarettenindustrie tät sich da schönstens bedanken, mein' ich - wo er
den Spruch herhat? Das ist ein alter Spruch, hat er gesagt, den kennt er aus
seiner Jugend. Na ja - so
müssen wir halt hier
in der Rumpelkammer hinten rauchen. Ist quasi unbenutzt, diese Rumpelkammer. Ich
hoff nur, daß's keine Mäus
nicht gibt hier - vor nichts hab ich Angst, nur vor die Mäus.
Da bin ich praktisch machtlos, wenn ich eine Maus seh
-
Sie schreit hinaus:
Ja, ja -
Sie legt die Zigarette in den Aschenbecher und
steht auf.
Der Herr Chef kommt praktisch überhaupt nie hier
herein. Ich mein' fast, der weiß gar nicht, daß es
diese Rumpelkammer gibt.
Sie läuft hinaus. Man hört Geräusche
aus einer vollen Gaststube. Anni kommt wieder herein, raucht weiter. Das
siebzehnte Weißbier!
Sie schüttelt den Kopf
Als Kellnerin quasi
hab ich nichts dagegen, weil am Umsatz beteiligt, und außerdem geben s' mehr
Trinkgeld, wenn s' b'soffen sind - aber als Frau und
Mensch:
ich muß
Ihnen sagen - das übersteigt sozusagen meinen Horizont. Trinkt er das
siebzehnte Weißbier. Grad hab ich's ihm serviert. Die Stricherl
haben schon fast nicht mehr Platz am Bierfilz. Siebzehn Weißbier! Und das war
noch längst nicht das letzte, so wie ich den kenn. Und ich kenn ihn gut. Er
kommt ja jeden Tag her. Gestern hat er einunddreißig Weißbier g'habt.
Und dann ist er mit dem Auto heimg'fahren. Na ja
mich geht's ja nichts an. Also: ob er heimg'fahren
ist, weiß ich nicht. Von hier weggefahren ist er. Wo der hingefahren ist in sei'm
Suri? Das weiß kein Mensch. Den Weg heim hat er
sicher nicht mehr g'funden. Uns geht's nichts an,
solang er sein Bier zahlt. Helmut heißt er. Rechtsanwalt soll er sein - stellen
Sie sich das vor: ein Rechtsanwalt, was doch quasi ein besserer Mensch ist, und
sauft, bis daß er nicht mehr sitzen kann, vom
Stehen gar nicht zu reden. Jaja - einen Vorteil hat
die Sache: wenn sie einmal so besoffen sind, langen s' ei'm
nicht mehr so an'n Busen und a'n Hintern - der
Alkohol schwächt ja bekanntlich die entsprechenden Triebe ab, heißt's
- und das stimmt nämlich, das kann ich aus Erfahrung sagen. Wenn einer - es
kommt natürlich stark auf den einzelnen an, jeder ist da anders - wenn einer so
seine sieben, acht Bier g'habt hat, dann langt er an
keinen Busen mehr hin. Nein, nein - dann nicht mehr; ist auch ein Vorteil.
Sie zündet eine neue Zigarette an.
Mein einziges Laster.
Sie lacht.
Ja, ja. Man kommt in die Jahre - obwohl, natürlich...
na ja - das würde
Ihnen eh nicht interessieren. Man hat natürlich auch als Bedienung ein Intimieben.
Obwohl das sehr eingeschränkt ist, sehr eingeschränkt. Gehen Sie einmal um
halb zwei in der Nacht weg, nachdem Sie mit größter Mühe die letzten
Rauschkugeln hinausgeworfen haben, und die Stühle auf den Tisch gestellt, und
abgerechnet, und nie stimmt die Abrechnung... um halb zwei in der Nacht, um eins
ist Sperrstund, aber bis man hinauskommt, ist's halb
zwei - dann haben Sie auch keinen besonderen Zug mehr zu einem Intimieben.
Na ja.
Sie zieht an der
Zigarette.
Mein einziges Laster.
- Siebzehn Weißbier! - und an und für sich eher ein feiner Mensch. Es verkehrt
eh ein gutes Publikum hier, muß man schon sagen.
Obwohl s' alle saufen. Aber das ist in einem Gasthaus sozusagen der natürliche
Verlauf. - Siebzehn Weißbier. Und verheirat' ist er auch, heißt's.
Dem seine Frau wird immer eine Freud haben, wenn er heimkommt! Ich war auch
einmal mit einem feineren Herrn befreundet, also quasi mehr bekannt. Aber der
ist in kein Wirtshaus nicht hineingegangen - also: daheim bei seiner Frau hat er
schon gesagt, daß er ins Wirtshaus geht, aber nur
gesagt. In Wirklichkeit ist er zu mir gegangen. Ich hab damals noch in der
Wohnung von mei'm Geschiedenen gewohnt, und da war
das von meiner Seite aus gesehen relativ einfach. Von seiner Seite aus natürlich
nicht, obwohl seine Frau angeblich keine Ahnung gehabt hat. Er hat mir oft erzählt,
von seiner Frau... tpein Bekannter. Muß
ein Luder gewesen sein, mit nichts anderem als nur mit sich selber beschäftigt.
Sie hat nichts gemerkt, angeblich - nur einmal:
Sie lacht und verschluckt sich am Rauch der
Zigarette. Sie hustet, schreit dann hinaus:
Ja, ja - ich komm gleich.
Sie drückt die
Zigarette aus und läuft hinaus. Wieder dringen durch die offene Tür
Wirtshausgeräusche. Sie kommt zurück, macht die Tür zu, setzt sich hin und zündet
sich eine neue Zigarette an.
An und für sich ist
nicht viel los im Moment. Das kommt selten vor, daß
ich drei Zigaretten hintereinander rauchen kann, sehr selten. Aber zur
Zeit ist weniger los... na ja. Das geht so wellenweise,
kein Mensch weiß, warum.
Sie zieht nachdenklich an der Zigarette.
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