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Wien Metropolis
(Leseprobe aus: Wien Metropolis, Roman,
2005, Klett-Cotta)
1. Kapitel
In der Schönborngasse, im achten Wiener Gemeindebezirk, steht ein fünf Stock
hohes Haus an der Ecke zur Josefstädterstraße. Das Haus ist schönbrunnergelb
gestrichen und unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von den Nachbarhäusern,
die allesamt aus der Gründerzeit herstammen. Weibliche Köpfe im Halbrelief –
es sind die Köpfe von Göttinnen, deren Namen und Treiben bloß in
Vergessenheit geraten sind – schmücken den Fries, der oben, oberhalb der
letzten Fensterreihe, als zart gerieftes Band um das Gebäude herumläuft, und
aus dem Haar dieser Göttinnen entwirren sich Bänder und Girlanden aus Stuck,
die in tändelndem Rhythmus, wie materialgewordene Töne einer leichtfüßigen,
etwas abgedroschenen Musik, die Hauswände überspielen. An der Ecke zur Josefstädterstraße,
etwa in Höhe des Mezzanin, ist als weitere Dekoration ein überdimensionierter
Männerkopf mit wallendem Prophetenbart postiert, dessen weise verschlossene
Lippen im Zusammenspiel mit den weit geöffneten, aber blind starrenden Augen
keinerlei Botschaft verkünden, es sei denn die einer sich selber verlustig
gegangenen Seele mit ihrer heiteren, ja glücksversessenen Adaption an das
Dasein.
In dem Haus, in einer kleinen Wohnung im vierten Stock, mit Blick auf die
Josefstädterstraße, wohnten die beiden Herren Franz Joseph Pandura und Georg
Oberkofler. Vor dem Krieg hatte Oberkofler, schon damals Soldat, allerdings beim
noch österreichischen Militär, in der Wohnung zusammen mit seiner Frau gelebt.
Noch war den anderen Hausparteien erinnerlich, wie der fesche, großgewachsene
Oberleutnant, sein blondes, vielleicht ein bißchen grell aufgemachtes Frauchen
am Arm, die breiten Treppen hinuntergestiegen und in einen einladenden,
vielversprechenden Abend, einen Sommerabend etwa, zeremoniell und förmlich, wie
es sich für einen Offizier gehört, aber nicht unelegant hinausgetreten war.
Die Wohnung bestand nur aus zwei großen Zimmern samt Nebenräumen wie Bad und Küche
und stellte in dem Haus an der Schönborngasse eigentlich eine Ausnahme dar. Die
Wohnungen zählten nämlich in der Regel vier Zimmer oder mehr und waren
herrschaftlich.
Es war auf dem Rückzug der deutschen Armeen in der Gegend von Allenstein in
Masuren in Polen, also eher schon dem Ende der Schlachtereien des Großen
Krieges zu – die kommenden Monate sollten allerdings besonders blutig werden
–, daß im Wohntrakt eines Herrengutes, erst kurz zuvor war es von seinen
Bewohnern geräumt worden, sich folgendes zutrug: Die Soldaten einer in Auflösung
befindlichen deutschen Kompanie entdeckten ein erleuchtetes Fenster in der
Nacht. In der Eile der Flucht hatten die Gutsleute wohl vergessen, gerade diese
eine und letzte Lampe zu löschen. Die Soldaten brachen mit ein paar Kolbenschlägen
das Hoftor auf und drangen ins Haus ein. Im Kamin im großen Salon fanden sich
unter einer dünnblättrigen, brüchigen Schicht von grauer Asche – man hatte
wohl Papiere verbrannt – noch Knollen von roter, wärmespendender Glut. Bald
hatte einer der Männer die Treppe, die zum Vorratskeller hinunterführte,
entdeckt. – Als endlich die Nachhut eintraf, angeführt von keinem anderen als
dem Oberleutnant Oberkofler, der Pandura, seines Zeichens Stabswachtmeister, war
bereits bei der ersten Gruppe dabeigewesen, da fand der Oberkofler seine Leute
und also auch den Stabswachtmeister Pandura schon beim Plündern. Zwar hatte der
Pandura alle vorgefundenen Fässer durch gezielte Pistolenschüsse zuschanden
geschossen, er hatte aber im Durcheinander nicht verhindern können, daß der
eine oder andere sein Kochgeschirr oder sonst ein Gefäß unter den kalt und
dunkel herauspritschelnden Weinstrahl gehalten hatte. Der Oberkofler machte auch
gar kein Aufhebens von der sich anbahnenden Sauferei, er sagte nur in Richtung
Pandura, aber so laut, daß alle es hören konnten: »Wer morgen liegen bleibt,
wird eben vom Russen erschossen.« Dann warf er seine Handschuhe auf einen
Tisch, setzte sich und streckte die Beine breit aus.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Klett-Cotta