Die rhetorischen Aspekte
der Selbstinszenierung Georges
(Leseprobe aus: Stefan Georges Rhetorik der
Selbstinszenierung, 2000, Grupello)
5. Zusammenfassung
Die rhetorischen Aspekte der Selbstinszenierung Georges
In den vergangenen Jahren hat es in der Forschung wieder ein stärkeres Interesse an Stefan George gegeben. Zuletzt haben
sich die Arbeiten von Wolfgang Braungart, Stefan Breuer, Rainer Kolk und Carola Groppe mit
der Struktur des George-Kreises und seinen christlich-eschatologischen, psychosozialen,
pädagogischen und bildungsbürgerlichen Merkmalen beschäftigt. Die vorliegende Arbeit
hat sich zur Aufgabe gemacht, die Selbstinszenierung des Dichters und die damit verbundene
Bildung einer Gemeinschaft von Jüngern und Anhängern aus rhetorischer Sicht zu
betrachten. Ich habe darzustellen versucht, wie George Mittel der rhetorischen Persuasion
für die Bildung seines Kreises nutzte. Sie zielten auf die Vereinheitlichung in der
Sinnzuweisung und Modellierung seines »Staates«. Es ging ihm um die Durchsetzung seiner
Meinung, seiner Wahrheit. Die Kreismitglieder sollten auf seine Weltanschauung
ausgerichtet werden, indem sie sich seiner Schrift bedienten, sein Bild verehrten und
seinen Ritualen folgten.
Methodologisch habe ich mich nicht wie Dieter Mettler (»Stefan Georges
Publikationspolitik«) oder Gert Mattenklott (»Bilderdienst«) auf die Analyse nur einer
Form (Schrift oder Bild) konzentriert. Ich wollte die Vielfalt der Präsentations- und
Schauelemente, die George um die Dichtung herum einsetzt, beschreiben. Dazu gehörten bei
dem Dichter Aufmachung, Typographie, Fotos, Zeichnungen, Faksimile von Erstdrucken ebenso
wie die Art des Vortrags: das Vorlesen. Es sind Elemente eines audiovisuellen Bereichs,
der ebenso wie die körperliche Beredsamkeit eine traditionelle Domäne der Rhetorik
darstellt. In ihrer Gestaltung und ritualisierten Anwendung zeigt Georges Ästhetik als
persuasives Geschehen und rhetorisch-theoretisches Konzept besonders deutlich.
Die StG-Schrift wurde zum Erkennungszeichen einer ästhetischen Wirklichkeit, in der sich
Georges Jünger zur Gemeinschaft verbunden fühlten. Als graphischer Ausdruck der Sprache
war sie Träger eines kulturellen Bewußtseins. Mit ihr schuf der Dichter sein erstes
Mittel der Vereinheitlichung. Die StG-Schrift ist ein auf decorum und Wirkung bedachtes
Mittel der Kommunikation. Ihr decorum liegt in der Schaffung eines Standesunterschiedes.
Sie soll die Geistesaristokratie von der Masse trennen. Ihre rhetorisch-persuasive
Leistung besteht darin, daß es ihr gelingt, ästhetische und geistige Homogenität zu
entwickeln und damit den Kreis um George zu stabilisieren. Die Anwendung der StG-Schrift
stiftete Identität. Das laute Lesen in der Gemeinschaft vermittelte ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit. Lesen war eine Handlung, die die emotionale, intellektuelle,
körperliche und seelische Partizipation der Teilnehmer gewährleisten sollte. Die
Ausbildung eines gemeinsamen Sinns war für die Führung des Lebens, so wie es George
vorschrieb, von Bedeutung. Für die Jünger galt das Konzept des sensus communis, weil sie
als Gruppe in bezug auf Erziehung, Gehorsam und Verhalten innerhalb des Kreises bestimmte
Werte teilen mußten und wollten. Die gemeinschaftsstiftende Funktion des geschriebenen
und des gesprochenen Wortes band die Jünger in das Leben des Kreises ein.
Der Festigung des Kreises dienten auch Georges Strategien bei der Veröffentlichung seiner
Werke. Er wollte Handwerk und Kunst vereinen und entwickelte Strategien, die ihm
ermöglichten, für die Masse zu publizieren und dennoch Exklusivität zu wahren. Er legte
die öffentlichen Ausgaben so an, daß sie auf die vorausgegangenen, exklusiven verwiesen.
Es gelang ihm, die öffentlichen Ausgaben als akzeptablen Ersatz der kostbaren privaten
erscheinen zu lassen. Dadurch wirkten sie exklusiv.
Das Maximin-Erlebnis spielte für den Kreis eine wichtige Rolle. Der Dichter verwies auf
Christus und benutzte für die Vergottung des Knaben biblische Chiffren, christliche
Bilder und Metaphern. Der Kult um Maximin sollte durch diese Strategie Bannkraft und Magie
gewinnen. Gleichzeitig erhielt George dadurch als Begründer dieses Kultes noch größere
persönliche Wirkung.
Die von der Rhetorik entwickelte Theorie der körperlichen Beredsamkeit ist in den
Inszenierungen seiner Fotografien unverkennbar. Mit Hilfe der Portraitfotografie wollte
George zu Lebzeiten Legende werden. Er präsentierte seine Bildungsreligion nicht nur mit
seiner Lyrik, sondern mit seiner gesamten Persönlichkeit. Wie kaum ein anderer seiner
Zeit wollte er mit Hilfe der Fotografien durch Gesten, Gebärden, Mienenspiel und Haltung
seines Körpers Glaubwürdigkeit vermitteln. Er benutzte dafür eine Körpersprache, die
er als rhetorisches Mittel der Kommunikation einsetzte. Die Fotografie diente ihm als
Mittel für die Darstellung seines Charakters, für sein Ethos. Die Persuasivkraft seiner
Fotografien leistete über die drei zentralen Aufgaben des movere, delectare und docere
appellative Dienste für die Gemeinschaft. Seine körperliche Beredsamkeit war für seine
persönliche Glaubwürdigkeit ein weiteres Instrument, um den Kreis von Anhängern und
Verehrern zu stabilisieren und zu erweitern.
In Georges physiognomischen Ansichten wird deutlich, wie bedeutsam Körpersprache für die
Verständigung innerhalb des Kreises war. Der Dichter glaubte, das Innere, die Seele,
durch die bloße Anschauung erfassen zu können. Er bekannte sich zum persuasiven
Charakter des Schönen. Die Auserwählten seiner Gemeinschaft sollten sich äußerlich von
der Masse unterscheiden. Aus der Physiognomie eines Menschen sollten die Jünger erkennen
können, ob jemand zum Kreis passe. Das Gesicht des Dichters bestimmte die
Kardinalelemente. Er wollte Regeln einer decorum-Ordnung formulieren, die den wahren
Geist, die Gesinnung und den Charakter der Kreis-Mitglieder beschrieb. In der Erscheinung,
im Auftreten und in der Ausdrucksweise sollte seine Gefolgschaft überzeugend wirken. Er
wollte eine Lehre von der Angemessenheit durchsetzen, die die Beziehungen zwischen
Eingeweihten und Außenstehenden ordnen und die Verständigung innerhalb des Kreises
besser und eindeutiger gestalten sollte.
Das Konzept der imitatio unterstützte sein Selbstbewußtsein und rechtfertigte sein
Handeln vor seinen Jüngern. Die imitatio durfte nicht seine eigene Kreativität in den
Hintergrund oder gar seine Fähigkeiten und Bedeutung in eine falsche Tradition stellen.
Es war notwendig, die richtigen Vorbilder, die auctores, zu wählen, die für den Meister
und seinen Kreis relevant waren. Cäsar, Dante, Leonardo, Shakespeare, Goethe, Napoleon
und Baudelaire wurden in den Buchmonographien für George vereinnahmt. Unter Berufung auf
diese »Ahnenreihe« wurden Sinn, Bedeutung und Zweck der gesellschaftlichen Praxis des
Kreises außer Frage gestellt.
Mit dem Erziehungs- und Sozialmodell des Schönen Lebens glaubten die Jünger eine Antwort
auf die Entzauberung der Welt gefunden zu haben. Die Handlungsautorität lag beim
Dichter-Führer, der in fester Ordnung und gebundener Freiheit seinen Staat zu führen
trachtete. Georges rhetorische Persuasion realisierte sich auch in Ritualisierungen. Sich
diesen unterzuordnen, machte die Voraussetzung der Mitgliedschaft im Kreis aus. Als Formen
körpersprachlichen Ausdrucksverhaltens waren für die Gemeinschaft körpersprachliche
Regelungen, nämlich Rituale und Zeremonien, notwendig, um die Geschlossenheit und die
Hierarchie im Kreis, der sozialen Gruppe, zu konstituieren und zu sichern. Rituale
versprachen eine Form der kollektiven Erfahrung. In den rituellen Handlungen wurden die
Beziehungsgrößen, die soziale Stellung des Einzelnen deutlich das Verhalten
Georges zu seinen Gefolgsleuten und umgekehrt. Wiederkehrende Handlungen ordneten die
Zusammenkünfte seiner Jünger. Leserituale, Maskenfeste sowie Empfangs- und
Abschiedsrituale gehörten zum Verhaltensrepertoire innerhalb der Gemeinschaft. Ethos und
Pathos, Charakter- und Leidenschaftsdarstellung wurden zum ästhetisch-emotionalen Muster
des Kreises. Georges Glaubwürdigkeit offenbarte sich im Ethos, also in der Weise, wie er
in seinen Gesten, Gebärden, im Mienenspiel seines Gesichts, in der Haltung seines
Körpers, im Klang seiner Stimme und im Ausdruck der Augen seinen Charakter präsentierte.
Seine körperliche Beredsamkeit war auf Selbstpräsentation ausgerichtet. Die
Übereinstimmung von Erscheinung und innerer Überzeugung war Voraussetzung für seine
Wirkung auf die Jünger. Er galt seinem Kreis als vir bonus. Seine persuasiven Mechanismen
hatten zum Ziel, die Jünger auf seine Glaubens- und Vorstellungswelt einzuschwören. Er
nutzte die Rhetorik, um die Einheitlichkeit für die Organisation seines »Staates« zu
erreichen.
Im Kontext der realen politischen Verhältnisse der Nachkriegszeit, der Weimarer Republik
und schließlich des Dritten Reiches entwickelte jedoch Georges Vision eines »neuen
Reiches« eine unheilvolle Dynamik. Die Anstrengungen viele seiner Anhänger wurde
gespeist aus der Sehnsucht nach wirklichem politischen Leben, nach einem sinnvoll
»gewebten« Dasein. Aber ihre Bemühungen blieben ästhetische Gestaltungen dieser
Sehnsucht, rhetorische Begleitaffekte zu den politischen Vorgängen und letztlich
Fluchtbewegungen. Der Verzicht auf jede aktive Änderung der Realität war in der
Überlegenheit des Dichter-Führers versteckt, der alle aktiven Tendenzen auf sich
konzentrierte.
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