Prolog
(aus: Am Ufer der großen
Seen, Roman, 2002, Knaur TB)
Irgendwo, tief im Inneren, lebte die
Erinnerung, unterschwellig, wie ein Fluss, der unterirdisch weiterfließt. Es
war eine sonderbare Mischung aus Traurigkeit und Freude, und Sarah wusste, dass
es das eine ohne das andere nie gegeben hätte. Sie war müde und konnte dennoch
keinen Schlaf finden. Manchmal, in stillen Nächten wie dieser, am Rande eines
Traums, hörte sie ein Flüstern; gedämpft, von weit her. Dann wachte sie auf,
aber es war niemand da. Die Furcht vor der Einsamkeit ließ sie nicht los, und
das verwirrte sie.
Sie lag auf dem Bett, den Kopf auf die Hand gestützt, und atmete leise. Sie hörte
den klagenden Gesang eines Kojoten, lang gezogen und voller Traurigkeit. Sie sah
sein struppiges Fell vor ihrem geistigen Auge und streckte ihren Arm aus, um ihn
zu berühren. Dann stand sie auf um nach Dreamer, Lennys cremefarbenem Labrador,
zu sehen, und blickte aus dem Küchenfenster zum See, der im Mondlicht wie flüssiges
Silber schimmerte. Der Himmel aus schwarzem Samt ließ die Zeit ruhen.
Lichtfunken sprühten herab. Sie sahen aus wie Glühwürmchen, doch sie
erloschen, bevor sie auf die Erde fielen. Unwillkürlich tauchten verschwommene
Bilder der Erinnerung wieder auf. Ein hölzernes Kreuz am Rand des Highways,
darunter ein Strauß frisch gepflückter Wildblumen, friedlich grasende
Hereford-Rinder, die träge ihre Köpfe hoben und senkten. Und über all dem lag
der leise Ruf eines unsichtbaren Falken. Der Labrador stand unten am Ufer im
Wind und bellte in die tiefblaue Nacht.
Am nächsten Morgen starrte sie aus dem Fenster und sah zur nebelverhangenen
Bucht hinaus. In ihrer Magengegend rumorte es wie in einem Bergwerk. Der
morgendliche Dunst deckte alles zu, selbst die vorüberziehenden Schiffe
versanken darin. Sarah blickte suchend umher, aber es machte keinen Sinn, wenn
man nicht wusste, wonach man eigentlich suchte. Sie schaute hinauf zur blassen
Sonne. Sie war ohne Wärme und ließ das Land gläsern und kraftlos erscheinen.
Das Wasser des Sees war zerfurcht durch den ständigen Wind. An den Ufern
verrotteten längst verlassene Stege und zum Schutz vor dem Eis ins Schilf
gezogene Boote. An manchen Stellen flossen Abwässer durch versteckte Rohre in
den See. Hier war das Wasser brackig vom aufgewirbelten Schlamm. Früher war ihr
dies nie so aufgefallen.
Das gebrochene Licht des neuen Tages drang durchs Küchenfenster. Es war kalt
und trüb. Selbst der rabenschwarze, bittere Kaffee konnte ihre bleierne Trägheit
nicht vertreiben. Dreamer schlich herein, wuselte eine Weile um ihre Beine herum
und legte sich schließlich zu ihren Füßen nieder. Es roch immer noch nach
Kirschpfannkuchen vom gestrigen Abend. Eine Schüssel mit süßem Apfelmus stand
noch auf dem Tisch, in der Spüle türmte sich das dreckige Geschirr der letzten
Mahlzeiten. Für Augenblicke ruhten ihre Augen auf einem Foto aus ihren
High-School-Tagen. Ihr unbekümmertes Lächeln als junges Mädchen kam ihr
seltsam fremd vor.
Sarah setzte sich an den Küchentisch und stützte das Kinn in die rechte Hand,
während die andere den Kaffeebecher fest umschloss. Lennys Gegenwart schwebte
immer noch durch den Raum, klebte an allen Gegenständen. Sie wurde unruhig und
wusste nicht, warum. Es gab solche Tage, es würde sie immer geben, Tage, die
bedrohlich wirkten wie schwarze Wolkentürme am Himmel. Sie goss den Rest des
Kaffees in die Spüle, ging ins Bad und sah in den Spiegel. Sie betrachtete ihre
blassen Lippen, blickte in Augen, die nichts zurückgaben. Sie strich sich
durchs rote Haar. Sie trug es jetzt kürzer als früher. Das Leben veränderte
Menschen.
Wenn Sarah in den leeren Tag hinausging, glaubte sie, sich im Kreis zu drehen.
Der See lag unberührt im Morgennebel. Die dünnen Äste der Uferweiden hingen
schlaff herunter. Weit oben, über den trägen Schleiern, vernahm sie das ferne
Geräusch eines Flugzeugs. Sie hob ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Es fiel ihr
immer noch schwer, die Einsamkeit zu akzeptieren. Sie war hier nicht
aufgewachsen, vielleicht lag es daran. Doch Iowa, ihre Heimat, kam ihr vor wie
ein fernes, längst vergessenes Land.
Sarahs Eltern, Ed und Betty, weigerten sich immer noch, ihre schöne Farm in
Iowa zu verkaufen. Immer und immer wieder hatte Sarah versucht, sie davon zu überzeugen,
aber Stunden voller bittender Worte hatten nicht ausgereicht, sie umzustimmen.
Ed meinte, dass man alte Bäume nicht mehr umpflanzen könne, dass es sinnlos wäre,
die verschlungenen Wurzeln aus der harten Erde ziehen zu wollen. Vielleicht
hatte er sogar Recht, nein, ganz sicher sogar, aber er war zu schwach geworden,
um sechzig Hektar Land alleine zu bestellen. Sie sah das Gesicht ihres Vaters
wie ein verschwommenes Bild vor sich. Seine wettergegerbte Haut war von tiefen
dunklen Falten durchzogen, die Risse in getrockneter Erde ähneln.
Mom ging es nicht gut. Die Ärzte hatten sie nach Hause geschickt. Sie schwiegen
beharrlich, sagten nicht, wie viel Zeit ihr noch blieb. Die Krankenschwestern lächelten
milde, um zu beruhigen, aber das Lächeln war nicht ehrlich - es war gestellt
und gefühllos. Ed hatte erzählt, dass Mom oft im Schlaf sprach, von Engeln mit
goldenen Flügeln phantasierte. Ed glaubte zu spüren, wie die Seele aus ihrem
alten Körper wich.
Letzte Woche erst hatte Sarah sie besucht. Mutters Haare waren stumpf und
glanzlos geworden. Ihr Gesicht wirkte bleich und eingefallen. Sarah brachte ihr
einen Becher heiße Milch mit Honig und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
»Wenn du wieder gesund bist, fahren wir an den Michigan-See«, versprach sie,
aber Mom war in Gedanken zu weit weg, um die Worte ihrer Tochter zu hören. Sie
blickte Sarah mit verwirrten Augen an, während sich ihre Hände um den wärmenden
Becher klammerten.
»Du hast mir versprochen, dass wir beide hinfahren.«
»Du bist zu ungeduldig, Mom«, sagte Sarah. »In deinem Zustand holst du dir
dort den Tod.«
»Immer noch besser, als hier im Bett zu liegen und dieses süße Zeug zu
trinken.« Mom versuchte aufzustehen, aber sie war zu schwach und sank wieder
ins Kissen zurück.
»Die Beine wollen nicht mehr so«, sagte sie milde lächelnd, aber ihre Stimme
klang flach und tonlos.
»Mom, bitte!« Sarah führte ihr den Becher zum Mund und zog ihre Hand erst
wieder zurück, als ihre Mutter einen kräftigen Schluck genommen hatte. Als
Sarah ihre Grimasse sah, musste sie lächeln.
»Erinnerst du dich noch daran, was du mir zu trinken gabst, als ich nach einer
Woche Zeltlager so erkältet war, dass ich kaum noch ein Wort herausbekam?«
»Heiße Milch mit Honig, nehme ich an«, knurrte Mom mit verkniffenem Mund.
»Heiße Milch mit Honig«, bestätigte Sarah, strich ihr liebevoll über die
Wangen und machte sich auf den Weg nach Hause.
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