Keine Spuren vn Guido Rohm, 2009, Seeling

Guido Rohm

Kleiner Mistkerl
(Leseprobe aus: Keine Spuren, Kurzgeschichten, 2009, J. Seeling Verlag, Vorwort von Georges-Arthur Goldschmidt).

Wir hatten schon den ganzen Tag über getrunken. Das war vielleicht unser größter Fehler.

Damals sehnte ich mich oft nach Schnee. Dabei mochte ich Schnee überhaupt nicht. Ich mochte die Kälte nicht, nicht die dicke Kleidung, die man anziehen musste, nur um mal den Müll raus zu bringen.

Doch dann bekam ich Hitze im Überfluss.

Wir gingen damals oft in eine Art »Bar« an der Hauptstraße.

Es gab keinen Alkohol. Der war verboten. Rauchen auch.

Wir taten es trotzdem.

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und dachte an zu Hause, und stellte mir den Schnee vor. Ich erinnerte mich, wie wir uns als kleine Jungen in den frisch gefallenen Schnee geworfen hatten. Manchmal war ich mir überhaupt nicht mehr sicher, ob ich so etwas überhaupt jemals getan hatte. Die Hitze konnte einen fertig machen. Und sie vernebelte einem die Gedanken. Man schwitzte ständig. Der Schweiß lief einem überall hin. Selbst ins Hirn. Da war es schwierig, die Träume von der Wirklichkeit zu unterscheiden.

Viel später, als sie uns in einen Flieger packten und nach Hause schickten und ich einige Zeit ins Gefängnis musste, da dachte ich wieder an die Tage dort, an die Hitze und meine Träumereien vom Schnee.

Den Zahn des Jungen habe ich immer noch. Ich erzählte ihnen, ich hätte ihn nach einem Feuergefecht in einer Blutlache im Straßengraben gefunden. Sie lachten darüber und nahmen es mir natürlich nicht ab. Aber eigentlich war es ihnen egal.

Solange keine Zeitung darüber schrieb, war es ihnen egal.

An dem Tag, den ich dann den »Tag des Zahns« nannte, gingen wir früh aus dem Gefängnis in die »Bar«. Ich war seit zwei Jahren dort stationiert. Wir befragten Verdächtige, schlugen sie ein bisschen, machten Fotos von ihnen. Nichts Schlimmes. Alles im Sinne der nationalen Sicherheit.

Bei der Befragung gaben wir an, nichts getrunken zu haben, obwohl man unsere Fahnen bis Afghanistan riechen konnte.

Wir hatten so viele Biere intus, das hätte für die ganze verfluchte moslemische Welt gereicht. Hätten wir sie das trinken lassen, wir hätten sie alle an einem Tag um die Ecke bringen können.

»Was für ein Scheißtag«, sagte Luis. Er saß auf einem knarrenden Stuhl neben mir und säuberte sich mit einem Taschenmesser die Fingernägel.

»Ich muss gerade an zu Hause denken«, sagte ich zu ihm.

»Gerade? Du denkst ständig an zu Hause. Wie wir alle.

Hat es wieder geschneit?«

»Ich habe mit meiner Nase ganz tief drin gesteckt.«

Wir lachten und gaben dem Kellner, der mit uns unter einer Decke steckte, ein Zeichen. Er brachte uns zwei Bier und zwinkerte uns verschwörerisch zu. Ich hasste diese Bande.

Es waren Halsabschneider. Wegen diesen Typen waren wir hier und sie interessierten sich einen Dreck für uns. Er tippelte wieder hinter die Theke. Vermutlich war er schwul. Aber das würde er nie zugeben.

»Ich hätte nie zur Army gehen sollen«, schnaubte Luis und spuckte einen Schwall Bier neben sich. Das Bier sickerte in den Sand.

»Wir hätten alle nicht zur Army gehen sollen.«

»Ich schreibe, weißt du. Geschichten und so was. Ich weiß nicht, ob sie gut sind. Aber es macht mir ‘ne Menge Spaß.

Es hat mir ‘ne Menge Spaß gemacht. Seit wir hier sind, habe ich nichts mehr geschrieben. Ich weiß nicht worüber. Über diese Scheißhitze, oder dass wir diesen armen Schweinen den ganzen Tag Stromkabel in den Arsch rammen?«

»Du könntest über mich schreiben.«

»Über dich …?«

»Warum nicht.«

»Da bliebe von der Geschichte nicht viel übrig. Eine Menge Schnee würde drin vorkommen. Mehr nicht.«

»Quatsch«, erwiderte ich. »Ich habe in meiner Jugend eine Menge erlebt. Du musst nur danach fragen.«

Luis seufzte. »Soll ich dich vielleicht danach fragen, wie du deine Klassenkameradinnen flach gelegt hast. Wie du beim Wichsen erwischt worden bist. Das ist kein Stoff für gute Literatur.«

»Dann schreib halt über ihn.« Ich zeigte auf unseren Barmann. Weil wir eine Sekunde zu lange starrten, kam er sofort mit zwei frischen Bieren rüber. Wir erbarmten uns und tranken sie. Wir hatten Taschen neben uns stehen, da stellten wir die Flaschen rein. Es durfte nicht auffallen, dass wir tranken. Das hätte eine Menge Ärger gegeben. Aber die Hitze in diesem Sommer hatte uns ziemlich abgestumpft. Wir waren die Ruhe selbst.

»Du erlebst doch hier eine Menge«, sagte ich.

»Verdammt viel. Das ist schon klar. Aber ich darf nicht drüber schreiben. Was meinst du, was los wäre, wenn die raus bekämen, was wir hier treiben, dann wären eine Menge Leute ziemlich im Arsch.«

»Ziemlich im Arsch«, stimmte ich ihm zu.

»Muss mal pinkeln gehen.« Luis stemmte sich hoch, streckte sich. Auf seinem Oberarm sah man eine hässliche Tätowierung. Ich konnte nicht erkennen, was sie darstellen sollte. Vielleicht einen Löwen. Es sah nach einem Tier aus. Ich wollte ihn aber nicht danach fragen. Luis konnte ungemütlich werden, wenn er getrunken hatte. Ich hatte zwar noch nie Ärger mit ihm gehabt, war aber mal dabei gewesen, als er den Kopf von einem Typen mit nur einer Hand in einen Spiegel geschmettert hatte. Der andere hatte wie wahnsinnig geblutet. Nichts für schwache Nerven. Ich hatte kein Wort darüber verloren, hatte ihm nur gratuliert.

Luis blieb eine ganze Weile weg. Ich lehnte mich wieder gemütlich nach hinten und träumte von einem Haus im Schnee, das ich mir irgendwann bauen würde. Ich würde heiraten, zwei bis drei Kinder haben und in diesem verdammten Haus im Schnee sitzen und glücklich sein.

Ich glaube, in diesem Moment bemerkte ich den Schatten von dem kleinen Hosenscheißer zum ersten Mal. Ich blickte auf und sah das dreckige Gesicht von einem etwa zehnjährigen Jungen. Er grinste mich an. Mir kam sein Grinsen frech vor. »Verpiss dich!«, rief ich ihm zu. Er schien mich nicht zu verstehen. Blieb einfach stehen.

Als Luis zurückkam, machte ich ihn auf den Kleinen aufmerksam.

»Ach lass ihn doch«, rülpste Luis.

»Nein, ich sage dir, mit dem stimmt was nicht.«

»Er wird schon nichts machen.«

»Nichts machen? Hier fliegen jeden Tag Menschen in die Luft und du sitzt einfach so da und willst mir weismachen, der Kleine sei ungefährlich.«

»Mann, dreh jetzt nicht durch. Lass uns lieber noch was trinken, und erzähl mir vom Schnee oder von deinen Mädels oder irgendwas anderes.«

Luis griff nach seiner Flasche. Ich ließ meine in der Tasche.

Die Sache gefiel mir nicht. Außerdem beobachtete uns der kleine Mistkerl immer noch.

»Luis, ich sage dir, der beobachtet uns.«

»Du drehst langsam durch. Nichts anderes. Der kennt Menschen wie uns nur aus dem Fernsehen. Der will sich uns einfach mal genauer ansehen.«

»Spinner. Aus dem Fernsehen. Wir sind ja nicht erst seit gestern hier. Und die wollen uns loswerden.«

»Klar wollen die uns loswerden. Wenn in deinem Land eine Menge Fremde wären, hättest du doch auch ein Problem damit.«

»Da kannst du einen drauf lassen.«

»Oder auch zwei.« Luis lachte laut auf und furzte.

»Schwein!«

»Selber Schwein!«

Wir tranken einen Schluck und schlossen die Augen. Die Sonne brannte an diesem Tag besonders heftig.

»Was ich nicht verstehe …«

Ich blickte mit zusammengekniffenen Augen zu Luis rüber.

»Was verstehst du nicht?«

»Na, deine beschissenen Träume vom Schnee.«

»Warum verstehst du das nicht?«

»Du kommst doch aus Kalifornien, oder?«

»Komm ich«, murmelte ich. »Und?«

»Ach nichts. Besonders oft schneien tut es dort aber nicht.«

»Warst du schon mal in Kalifornien?«

»Nein. War ich nicht. Nie.«

»Na also, dann erlaub dir kein Urteil über das Wetter in Kalifornien.«

»Wenn du meinst …«

Wir schwiegen wieder. Tranken. Und dann geschah es. Es ging alles ganz schnell und Luis behauptete später, er hätte uns ja gleich vor dem Kleinen gewarnt. Ein echtes Arschloch, dieser Luis. Erst war der Schatten wieder da und dann sahen wir in Luis Tasche eine kleine dreckige Kinderhand.

»Die Mistkröte bestiehlt uns«, rief ich. Ich riss den Stuhl rum und langte nach Luis. Ich kann nicht sagen, warum ich nach Luis griff. Aber ich griff nach ihm. Wahrscheinlich war es nur ein Reflex. Ich musste etwas tun. Auch wenn es sinnlos war.

Luis sah mich erstaunt an, nur eine Sekunde, und riss dann seine Waffe aus dem Halfter. Er ließ sich fallen, einfach nur fallen und landete tatsächlich auf dem Kleinen. Für einen Dieb war der ganz schön langsam. Luis hockte auf ihm drauf und schimpfte wie ein Besessener auf ihn ein. Ich schimpfte mit.

Was sollte ich sonst tun. Der Kellner telefonierte. Soviel konnte ich aus den Augenwinkeln erkennen. Eine Menschentraube hatte sich um uns gebildet. Wie gesagt, die »Bar« lag direkt an der Hauptstraße.

»Schick die ganzen verdammten Scheißer weg«, bellte Luis mich an.

Ich stand nur da. Die würden mich sowieso nicht verstehen.

Deshalb schimpfte ich einfach weiter.

Luis steigerte sich immer mehr rein. Er drückte den Kopf des Kleinen in den Sand. Blut kam ihm aus der Nase. Luis schrie ihn an, ein »verfluchter Attentäter« zu sein, »ein dämliches Arschloch, dem es noch leid tun würde, überhaupt geboren worden zu sein.«

Die Hitze und die Menschenmenge machte mir immer mehr zu schaffen. Ich wollte nur weg hier. Konnte es nicht anfangen zu schneien?

Und dann geschah das Unfassbare. Luis drehte den Kleinen auf den Rücken. Der Kleine heulte jämmerlich, was die Leute, die seine Leute waren, nicht gerade ruhiger stimmte.

Ich bekam langsam Angst. Die würden uns lynchen, ohne mit der Wimper zu zucken. So wollte ich verdammt noch mal nicht sterben. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. Außerdem hatten wir getrunken.

Luis schlug dem Kleinen den Kolben seiner Waffe in den Magen. Der Junge krümmte sich fürchterlich. Ich sah ihm direkt in die Augen, in die verheulten und schmutzigen Augen.

Lass das Luis, dachte ich nur.

Aber Luis hörte nicht auf.

Ich rannte um den Tisch herum, drückte mich durch die Meute, die schreiend dastand. Aber sie taten nichts. Sie schrien nur. Wen sie anfeuerten, war mir langsam nicht mehr klar.

Ich stürmte nach vorne, als mir jemand ein Bein stellte. Ich fiel direkt auf Luis.

»Da bist du ja endlich«, stöhnte Luis. »Dieser verdammte Mistkerl. Der wollte uns bestehlen. Vielleicht wollte er auch einen Sprengsatz in unsere Tasche stecken.«

»Hör auf, Luis. Wo soll denn der verdammte Sprengsatz sein? Der wollte vielleicht klauen. Aber das ist schon alles.

Lass ihn. Wir übergeben ihn der Polizei. Die kümmern sich um ihn.«

»Nichts da.« Luis sah mich an wie ein Irrer. Dann steckte er den Lauf der Waffe in den Mund des Kleinen. Der bäumte sich auf und wehrte sich. Es half alles nichts. Luis brach ihm fast alle Zähne raus. Der Junge hustete und spuckte Blut. Es quoll am Lauf entlang und lief seine Wangen herunter. Dann tropfte es in den Sand und versickerte träge.

Ich lag immer noch auf Luis, und versuchte ihn zurückzuziehen.

Aber der Kerl war einfach zu schwer.

»Du Verräter«, brüllte er mich an. »Hilf mir einfach. Wir sind hier bald wieder weg. Wir haben hier nichts zu suchen.

Aber wenn wir denen keinen Respekt beibringen, dann spucken die ein Leben lang auf uns.«

Und dann hörte ich den Schuss. Es war ein scharfes Aufheulen.

Meine Ohren dröhnten sofort. Dann kam das Pfeifen.

Ich taumelte nach hinten und hielt mir die Ohren. Der Kleine lag vor mir im Sand. Natürlich war er tot. Luis hatte ihm das halbe Gesicht weggeschossen. Da waren keinen Augen mehr übrig, in die ich hätte blicken können.

Luis kauerte noch auf dem toten Jungen. Ich glaubte, er weinte. Ja, tatsächlich, er saß auf dem Jungen und weinte, und dann sah er sich nach mir um mit seinem verheulten Gesicht und sagte: »Jetzt kommen wir bald nach Hause.«

Als sie mich von dort wegzerrten und mir Tritte verpassten, spürte ich nichts. Ich spürte absolut nichts. Aber in meinem Kopf begann es zu schneien. Dicke weiße Flocken, die alle meine Gedanken zudeckten.

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