Tochter und Vater von Viola Roggenkamp, 2011, S. Fischer

Viola Roggenkamp

Tochter und Vater
(Leseprobe aus: Tochter und Vater, Roman, 2011, S. Fischer).

Ihr Vater war kurzsichtig und weitsichtig. Er konnte hellsehen

und sah meistens schwarz. Niemals eilte er jemandem

voraus. Dazu war er zu bequem. Er war vorauseilend

in seiner Besorgnis. Beim Gehen hielt er den Kopf gesenkt

und setzte seine Fußspitzen weit nach außen, wie

um jedes Eindringen in anderer Leute Raum zu vermeiden.

Aber seit Wochen ging er nicht mehr spazieren, er

trat inzwischen nicht einmal mehr ans Fenster. Zu Hause,

im Pyjama, in seinen Ohrensessel zurückgelehnt und dermaßen

geschwächt, daß er seine eigenen Knochen nicht

mehr zu tragen vermochte, bat er seine Tochter, ihm aus

dem Schlafzimmer vom Nachttisch seine Brieftasche zu

holen. Entschuldige, daß ich sitzen bleibe. Sie beugte sich

über ihn. Er war unrasiert, und das war ihm unangenehm.

Du wirst dich aufkratzen. Er betastete ihre Wange.

Deine schöne Haut. Sie mochte ihn unrasiert. Sie mochte

seine stoppelig kratzende, seine eigene Art an ihrem Gesicht.

Er würde sich nicht mehr rasieren vor dem Sterben.

Ihre Schritte von ihm fort und aus dem Zimmer, über

den Flur, jede ihrer Bewegungen entfernte ihn von ihr.

Sie sah sich nach ihm um. Er nickte ihr zu. Sie öffnete

die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Auf dem linken

Nachttisch wartete seine Brieftasche darauf, von ihr geholt

zu werden. Dunkles Leder, abgewetzt und ausgebessert an

den Nähten. Sie sah in das ungemachte Doppelbett und

eilte zurück über den Flur. Wieder an seiner Seite, erkannte

sie, daß er sich unaufhaltsam davonmachte.

Sie gab ihm die Brieftasche. Sein weißes, großes Taschentuch,

das gebügelt und zu einem kleinen Quadrat

zusammengefaltet neben seinem zerwühlten Kopfkissen

gelegen hatte, steckte jetzt in ihrer Rocktasche. Sie hatte es

an sich genommen, nicht ohne zu zögern, dann schnell.

Ein Vorgriff auf die Zeit nach seinem Dasein. Es beschlich

sie deshalb ein Schuldgefühl. Sie konnte ihn fragen, und er

würde es ihr geben. Sie sah seine knochigen Schultern, sie

sah seinen eingefallenen Hals. Und sie behielt es für sich.

Alma war fortgegangen. Er hätte seine Tochter nicht

ins Schlafzimmer geschickt, wäre seine Frau dagewesen.

Kauf uns etwas Schönes zu essen, hatte er zu Alma gesagt.

Er konnte nichts mehr essen, nur Astronautenkost, farbloser

Glibber in winzigen Metalldöschen. Und Alma war

gegangen. Für ihn hatte sie sich schön gemacht, hatte ihr

Parfum aufgetragen, jeweils einen Tropfen hinters Ohrläppchen.

Dann war sie auf Pumps hinausgeschwebt, nach

draußen, in die Sonne.

(...)

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