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Tochter und Vater
Ihr Vater war kurzsichtig und weitsichtig. Er konnte hellsehen
und sah meistens schwarz. Niemals eilte er jemandem
voraus. Dazu war er zu bequem. Er war vorauseilend
in seiner Besorgnis. Beim Gehen hielt er den Kopf gesenkt
und setzte seine Fußspitzen weit nach außen, wie
um jedes Eindringen in anderer Leute Raum zu vermeiden.
Aber seit Wochen ging er nicht mehr spazieren, er
trat inzwischen nicht einmal mehr ans Fenster. Zu Hause,
im Pyjama, in seinen Ohrensessel zurückgelehnt und dermaßen
geschwächt, daß er seine eigenen Knochen nicht
mehr zu tragen vermochte, bat er seine Tochter, ihm aus
dem Schlafzimmer vom Nachttisch seine Brieftasche zu
holen. Entschuldige, daß ich sitzen bleibe. Sie beugte sich
über ihn. Er war unrasiert, und das war ihm unangenehm.
Du wirst dich aufkratzen. Er betastete ihre Wange.
Deine schöne Haut. Sie mochte ihn unrasiert. Sie mochte
seine stoppelig kratzende, seine eigene Art an ihrem Gesicht.
Er würde sich nicht mehr rasieren vor dem Sterben.
Ihre Schritte von ihm fort und aus dem Zimmer, über
den Flur, jede ihrer Bewegungen entfernte ihn von ihr.
Sie sah sich nach ihm um. Er nickte ihr zu. Sie öffnete
die Tür zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Auf dem linken
Nachttisch wartete seine Brieftasche darauf, von ihr geholt
zu werden. Dunkles Leder, abgewetzt und ausgebessert an
den Nähten. Sie sah in das ungemachte Doppelbett und
eilte zurück über den Flur. Wieder an seiner Seite, erkannte
sie, daß er sich unaufhaltsam davonmachte.
Sie gab ihm die Brieftasche. Sein weißes, großes Taschentuch,
das gebügelt und zu einem kleinen Quadrat
zusammengefaltet neben seinem zerwühlten Kopfkissen
gelegen hatte, steckte jetzt in ihrer Rocktasche. Sie hatte es
an sich genommen, nicht ohne zu zögern, dann schnell.
Ein Vorgriff auf die Zeit nach seinem Dasein. Es beschlich
sie deshalb ein Schuldgefühl. Sie konnte ihn fragen, und er
würde es ihr geben. Sie sah seine knochigen Schultern, sie
sah seinen eingefallenen Hals. Und sie behielt es für sich.
Alma war fortgegangen. Er hätte seine Tochter nicht
ins Schlafzimmer geschickt, wäre seine Frau dagewesen.
Kauf uns etwas Schönes zu essen, hatte er zu Alma gesagt.
Er konnte nichts mehr essen, nur Astronautenkost, farbloser
Glibber in winzigen Metalldöschen. Und Alma war
gegangen. Für ihn hatte sie sich schön gemacht, hatte ihr
Parfum aufgetragen, jeweils einen Tropfen hinters Ohrläppchen.
Dann war sie auf Pumps hinausgeschwebt, nach
draußen, in die Sonne.
(...)
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