Familienleben von Viola Roggenkamp, 2004, Arche/2005, S. Fischer

Viola Roggenkamp

Familienleben
(Leseprobe aus: Familienleben, Roman, 2004, Arche/2005, S. Fischer)

Vera und ihre Freundinnen fingen an, über
Zungenküsse zu sprechen, ihre Augen flackerten
begierig, und ihre Lippen wurden feucht. Ich saß
dabei und spielte die kleine Schwester, die keine
Ahnung hatte, ich mochte ihre schwellenden Körper.
So häßlich, wie Vera sie mir beschrieben hatte,
waren sie gar nicht. Mit Küssen und küssen kenne
ich mich aus, ich kenne Küsse aller Art, sie kursieren
bei uns zu Hause als tägliche Währung. Wir fangen
gleich morgens nach dem Aufstehen damit an,
noch vor dem Frühstück, es gibt Küsse, die werden
durch die Luft geworfen, zur Beschwichtigung, zur
Beruhigung, zum Zeichen des Einverständnisses
und zum Wiederfinden aus der Verlorenheit, meine
Eltern füttern uns mit Küssen, und wir füttern sie,
wir lecken ihnen ihre Unruhe aus dem Gesicht.
Küsse meiner Mutter finde ich als Lippenstiftabdruck
auf dem Butterbrotpapier, in das sie
mein Schulbrot einwickelt, ohne Küsse kann
niemand von uns die Wohnung verlassen, sie sind
der Stempel auf einem gültigen Passierschein,
komm her, du hast mir noch gar keinen Kuß
gegeben, und bereits in der geöffneten Haustür fällt
einem alles aus der Hand, Schultasche, Einkaufskorb,
Regenschirm, Handtasche, Autoschlüssel,
wir liegen uns in den Armen, und aus dem einen
Kuß werden viele Küsse, ein Regenschauer von
Küssen, ungeachtet dessen, daß man sich in einer
guten Stunde wiedersehen wird. Was kann man
wissen und was weiß man, gerade ein rasch
hingehauchter Kuß könnte Unheil provozieren,
darum muß der Kuß präzise sitzen und fest sein. Du
sollst mich richtig küssen, auf den Mund, so, und
jetzt kannst du gehen. Wenn mein Vater von der
Reise zurückkommt, wenn er in die Einfahrt biegt,

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