Karl Röttger

Der Baum

Es steht ein Baum vorm Abendrot
Im freien Feld. Der Himmel loht.
Der Baum steht schwer vors Licht gestellt,
Zerschossen, ruppig. Leise fällt

Ein welkes Blatt, noch eins, es spricht:
,,Wir tranken Sonne, Luft und Licht,
Nun sind wir matt, vom Leuchten schwer."
Der Baum steht stumm. Bald ist er leer ...

Der Stamm zerschunden und zerspellt,
Äste geknickt, und stumme Welt
Ist um ihn her. Er schweigt, er frägt
Nicht, warum dies geschieht. Er trägt.

Der Abend hat noch süßes Licht,
Eh' Stern bei Stern aus Himmeln bricht.
Der Baum steht schwarz im freien Feld,
Ein Ding, vom Schicksal hingestellt ...

Ein Ding, das Schicksal schweigend trägt,
Das nicht: Warum geschah mir's, frägt.
Es fällt das letzte tote Laub
Ganz langsam nieder in den Staub.

Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © Quelle: An die Freunde der Dichtung von Karl Röttger. (Aufruf zur Bildung einer Karl Röttger Gemeinde) 1947