Krieg und Tan von Michael Roes, 2007, Matthes&Seitz

Michael Roes

Kleiderordnung
(Leseprobe aus: Krieg und Tanz, Reden,Gespräche,Aufsätze, 2007, Matthes &Seitz)

JAWS DROP AS GIULIANI STEALS SHOW IN HEELS,
»Kinnladen fallen, als Giuliani in Stöckelschuhen die Show
stiehlt«, heißt die Schlagzeile im Lokalteil der New York
Times.
Dazu ein großes Foto, das den rauhbeinigen New
Yorker Bürgermeister in einem pinkfarbenen Abendkleid,
einer platinblonden Perücke und einigen Pfund Make-up
im Gesicht zusammen mit Julie Andrews zeigt, die in
einen eleganten Smoking gekleidet ist und das Haar
kadettenhaft kurzgeschnitten trägt. Die Ankündigung,
daß Rudolph Giuliani auf dem alljährlichen republikanischen
Parteiball mit dem Ensemble der Broadway Show
Victor / Victoria auftreten werde, hätte die zweitausend
Ballgäste eigentlich vorwarnen müssen. Aber niemand
scheint wirklich vorbereitet zu sein, als der konservative
Law-and-order-Bürgermeister, dessen politische Priorität
ja nicht nur die Eindämmung der Kriminalität, sondern
erklärtermaßen auch die Zurückdrängung der New Yorker
Subkultur auf eine Prä-Stonewall-Tolerierung umfaßt, als
dieser Held der moralischen, das heißt weißen, männlichen,
heterosexuellen Mehrheit, mit hohen Absätzen auf
die Bühne des Hilton-Ballsaals stöckelt und in seiner Re-
inkarnation als Nachtclubsängerin eine Falsetto-Version
von Marilyn Monroes »Happy Birthday, Mr. President«
zum Besten gibt. Das ist zweifellos der erstaunlichste
Auftritt eines New Yorker Bürgermeisters, seit Ed Koch
1984 in einem Goldlamétrikot und mit einer mechanischen
Taube auf dem Kopf in der Öffentlichkeit erschien.
In dem 1516 veröffentlichten Bericht De orbe novo über
die »Entdeckung« der »Neuen Welt« beschreibt der Italiener
Peter Martyr d’Anghiera unter anderem den Kriegszug
Balboas durch Panama. In dem Dorf Quaraca findet Balboa
den Bruder des Häuptlings und einige andere Männer
als Frauen gekleidet vor. Die Konquistadoren werfen unverzüglich
vierzig dieser »Transvestiten« ihren Doggen vor.
Ein Kupferstich in der Historia von Girolamo Benzoni illustriert
recht drastisch und nicht ohne Parteinahme für
die Eingeborenen das Massaker.
Von Anbeginn der Invasion Amerikas rechtfertigen die
Spanier ihr Recht auf Eroberung immer auch mit dem
Argument, die Eingeborenen verhielten sich »sodomitisch
«. Dieses abscheuliche Treiben gilt ihnen als Sünde
wider die Natur. Und natürlich kann ein Mensch, der
wider die menschliche Natur handelt, von seinem Gegner
nicht verlangen, wie ein Mensch behandelt zu werden.
Zugleich finden wir in dem Bericht d’Anghieras das erste
Zeugnis eines die Europäer schockierenden Phänomens,
das in beiden Amerikas in der Tat wohl weit verbreitet
war. Als französische Kolonisatoren den Kontinent zu
durchforschen beginnen, nennen sie diese Männer in
Frauenkleidern Berdache. Auch dieser Begriff enthält eine
deutlich abwertende Konnotation. Denn die Franzosen
machen sich ebensowenig wie die Spanier die Mühe, die
Eingeborenen nach ihrer Bezeichnung und ihrem Verständnis
dieses Phänomens zu befragen.
Der Begriff Berdache ist aus dem Spanischen entlehnt,
hat seine Wurzeln aber im Persischen und ist über das
Arabische nach Spanien gelangt. Im Dictionaire française
von 1680 steht die Definition: »Ein junger Mann, der
schamlos mißbraucht wird.« Die Ausgabe des Dictionaire
comique von Le Roux aus dem Jahr 1718 gibt eine ausführlichere
Beschreibung: »Ein Knabe oder junger Mann,
der einem anderen als Sukkubus dient.«
Sukkuben sind im mittelalterlichen Volksglauben Teufel,
die mit Männern in sexueller Beziehung stehen. Das heterosexuelle
Pendant trägt die klerikale Gattungsbezeichnung
Inkubus.
»Diese Verrückten«, so fährt das Wörterbuch fort,
»sind in Frankreich so weit verbreitet, daß sich Frauen zu
Recht darüber beklagen; und ich könnte sogar die Namen
gewisser Individuen nennen, die sich Berdaches halten wie
andere Kurtisanen.«
Natürlich geht es in diesen Beschreibungen nicht um eine
exakte Darstellung eines dem Ethnographen fremden
Phänomens, sondern um das altbekannte Verfahren, dem
Gegner die moralische Integrität abzusprechen und Sanktionen
zu legitimieren. Es handelt sich also vor allem um
einen politischen Diskurs. Und es stellt sich die Frage, ob
nicht jedes Reden oder Schreiben über Geschlechter und
Geschlechterrollen zunächst und vor allem Politik, das
heißt Begründung und Festschreibung von Hierarchien
und Machtverhältnissen ist.
In seinem Buch über die amerikanischen Indianer aus
dem Jahre 1724 verurteilt der französische Jesuit Joseph
François Lafitan die Berdaches für ihr feminines Verhalten,
selbstverständlich ohne sich zu fragen, ob sein europäisches
Verständnis von »Feminität« denn das gleiche wie
das indianische sei, oder warum ein in seinem Sinne femininer
Charakter als abscheulich oder bestrafenswert
angesehen werden müsse. Zweifellos weiß er die Werteordnung
seiner Leser auf seiner Seite, nach der »männlich«
kriegerisch bedeutet und kriegerisch mit überlegen gleichzusetzen
ist, »weiblich« hingegen als unkriegerisch und
unkriegerisch als schwach und unterlegen gilt. Immerhin
muß er konstatieren, daß die amerikanischen Eingeborenen
ihre eigene Sicht der Dinge haben: »Sie glauben, Berdaches
seien verehrungswürdig. Berdaches nehmen an
allen religiösen Zeremonien teil. Und diese Aufgabe gibt
ihnen eine herausragende Stellung unter den Männern.« –
Nebenbei bemerkt: Wie würden indianische Eroberer unseren
katholischen Klerus in seinen luftigen Rüschenkleidern
und Brokatroben charakterisiert haben? Müssen
nicht auch wir selber ihnen eine latente Neigung zum
Cross-Dressing unterstellen?

In einer Kultur mit nur zwei anerkannten Geschlechtern,
männlich – weiblich, muß dieses den Europäern zwar
nicht fremde, aber verworfene Geschlechterkonzept der
Indianer als unnatürlich, sündhaft und bestrafenswürdig
betrachtet werden. Im Selbstverständnis der Indianer aber
nimmt die Berdache einen klar definierten Platz in der
sozialen Ordnung ein: Morphologisch ein Mann, dem
sozialen, dem gesellschaftlich relevanten Geschlecht nach
aber wird er als ein Nicht-Mann betrachtet, was nicht mit
einer Frau gleichzusetzen ist. Die Navajos erzählen, die ersten
Menschen seien First Man und First Woman gewesen,
geschaffen zur selben Zeit und einander gleich. Die ersten
Welten, die sie durchstreifen, sind freudlos und leer. In
der dritten Welt aber treffen sie auf den Türkisjungen und
das Muschelweißmädchen, die ersten Berdaches. In der
Navajo-Sprache ist das Wort für Berdache »Nadle«, das
heißt »die sich Verwandelnde« oder »die Verwandelte«.
Der Begriff umfaßt sowohl Hermaphroditen, die mit den
Merkmalen beider Geschlechter geboren werden, als auch
jene Männer und Frauen, die sich für Nadle halten und
eine soziale Rolle wählen, die weder männlich noch
weiblich ist.
In der dritten Welt beginnen First Man und First Woman
unter Anleitung der wandelbaren Zwillinge mit dem Ackerbau.
Der eine Zwilling lehrt ihnen die Töpferei, der andere
die Korbflechterei. Gemeinsam stellen sie Steinäxte,
Nadeln aus Tierknochen und andere Werkzeuge her. Alle
diese Erfindungen und Entdeckungen machen die ersten
Menschen sehr glücklich.

Die Botschaft dieses Berichts und vieler vergleichbarer
Schöpfungsmythen ist klar: Für das Überleben in einer
zunächst trostlosen, unkultivierten Welt ist die Erfindungskraft
der Nadle unentbehrlich. Nadle gibt es vom
Anbeginn der Menschheit. Sie sind Teil der universalen
Ordnung und erfüllen darin ihren unersetzlichen kulturstiftenden
Dienst.
Im weiteren Verlauf der Erzählung geht das Muschelweißmädchen
in die Nacht hinaus und gebiert den Mond.
Türkisjunge hingegen bleibt bei den Menschen. Als die
Männer bemerken, daß Türkisjunge alle weiblichen Arbeiten
ebenso gut wie oder gar besser als die Frauen zu verrichten
versteht, verlassen sie ihre Weiber und ziehen mit
dem Jungen über den großen Fluß. Die Männer jagen
und säen das Korn, Türkisjunge erntet die Früchte, kocht
die Speisen, webt und näht die Kleider.
Viele Jahre vergehen, und die Männer sind glücklich
mit Türkisjunge, der Nadle. Endlich entschließen sich die
Frauen, die besonderen Techniken der Nadle zu erlernen,
und folgen den Männern über den großen Fluß, so daß
sich das Volk der ersten Menschen wieder vereinigt.
Sie leben sorglos in der dritten Welt, bis sie von der
großen Flut überrascht werden. Sie fliehen auf den höchsten
Berg, doch selbst dort bedroht das Wasser sie. Und wieder
ist es der erfinderische Türkisjunge, der rechtzeitig einen
Rettungsweg findet. Durch ein großes Schilfrohr führt er
sie in die vierte Welt, wo seine Zwillingsschwester Muschelweißmädchen
die Führung übernimmt und ihnen
den Weg in die fünfte, die gegenwärtige Welt eröffnet.

In Kenntnis dieser Mythen verwundert es nicht, daß Berdaches
bei den meisten Indianerstämmen Amerikas in hohem
Ansehen stehen. Denn Mythen erzählen uns ja nicht
historische Tatsachen aus vorgeschichtlicher Vergangenheit,
vielmehr versuchen sie uns zu erklären, warum die
gegenwärtigen Dinge so sind, wie wir sie vorfinden. Der
Navajo-Mythos beschreibt unsere Situation in der Welt
weniger als statisches, sondern viel mehr als passageres
Dasein. Wir durchschreiten sich wandelnde Welten oder,
noch genauer: sich wandelnde Wahrnehmungs- und Erfahrungsräume,
doch stehen diese Welten miteinander in
Verbindung, auch wenn es manchmal der Vermittlung
zwischen ihnen bedarf. Nur an der Oberfläche unserer
Wahrnehmung besteht die Welt aus Gegensätzen: Himmel
und Erde, Feuer und Wasser oder Mann und Frau.
Vermittler wie die Nadle zum Beispiel stellen die Verbindung
zwischen den Polen her. Ohne ihre integrative Kraft,
ihren gelebten Anteil an einander scheinbar ausschließenden
Welten zerfiele unsere Erfahrung in unvereinbare
Wirklichkeiten.
Der Geschlechterrollenwechsel findet in den meisten indianischen
Ethnien nicht, wie es uns von anderen Kulturen
berichtet wird, aus sozialem Zwang, aus Opportunismus
oder auch Betrug statt, wie etwa Achill ihn anwendet, als er
sich, um der Teilnahme am Feldzug gegen Troja zu entgehen,
als Mädchen verkleidet am Hofe von König Lykomedis
verborgen hält; der Wechsel findet aus eigener Wahl
statt, auch wenn das Ritual, mit dem viele Stämme den
Berdachestatus eines Heranwachsenden überprüfen, der
List des Odysseus gleicht: Er läßt Schild und Speer in den
Frauensaal des Palastes bringen und die Kriegstrompete
erschallen. Und offenbar hat Achill seine männlich-kriegerische
Rolle so sehr internalisiert, daß er gedankenlos zu
den Waffen greift und sich als Mann zu erkennen gibt.
Bei den Papago-Indianern errichten die Eltern für ihre
Kinder eine kleine Reisighütte und legen Pfeil und Bogen
der Männer und Flechtkörbe der Frauen hinein. Zu einer
festgesetzten Zeit wird der Junge in die Hütte gebracht.
Die Erwachsenen überwachen ihn von draußen. Sobald
das Kind sich zwischen den Gegenständen niedergelassen
hat, setzen die Eltern die Hütte in Brand. Nun beobachten
sie genau, zu welchen Gegenständen der Junge greift,
wenn er aus der Hütte flieht. Greift er zu den Körben,
betrachten sie ihn fortan als Berdache.
Maßgeblicher als diese letzte Bestätigung sind Träume
und Visionen, die als Brücke zwischen der trügerischen
Oberfläche der Welt und ihrem innersten wahren Wesen
gelten. In der hochentwickelten Traum-Kultur der nordamerikanischen
Indianer wird diesen Visionen eine
Verbindlichkeit zugesprochen, die keiner weiteren Begründung
bedarf. Jeder, der sich gegen diesen innersten
Entwurf seiner selbst wehrt, läuft Gefahr, ein falsches
Leben zu führen und an dem Widerspruch zwischen der
Alltagsrolle und seinem wahren Wesen zu zerbrechen.
Viele Stämme betrachten Visionen, die mit dem Mond in
Verbindung stehen, als ein untrügliches Zeichen für einen
Berdachestatus. Der Mond gilt als ein Meister der Verwandlungen.
Und in der Omaha-Sprache heißt das Wort
für Berdache »Mexoga«, die vom Mond Unterwiesene.
Ein junger Omaha berichtet, daß der Mondgeist ihn
im Traum als »meine Tochter« ansprach und er dem Geist
in weiblicher Form aufwartete. Als er sich dieses Rollenwechsels
bewußt wurde, habe er versucht, zur männlichen
Redeweise zurückzukehren, doch sei es ihm nicht geglückt.
– Nachdem er seinen Stammesbrüdern von diesem
Traum erzählt hatte, übergaben sie ihm ein Frauenkleid.
Denn alle kennen die Geschichten von jenen Männern,
die sich gegen ihre Vision zur Wehr zu setzen versucht
und entweder sich und anderen nur Leid zugefügt oder
aber ihr Leben in Schwermut zugebracht haben.
Alexander Maximilian zu Wied, der die nordamerikanische
Prärie in den dreißiger Jahren des neunzehnten
Jahrhunderts bereiste, erzählt die Geschichte von dem
Krieger, der versuchte, eine Berdache davon abzubringen,
Frauenkleider zu tragen. Die Berdache ließ sich von seiner
Handgreiflichkeit nicht beeindrucken, so daß der Krieger
schließlich seinen Bogen nahm und einen Pfeil auf sie
abschoß. Sofort verschwand die Berdache, und nur eine
Steinsäule mit einem Pfeil darin blieb zurück. Und der
Krieger könne noch froh sein, so der Erzähler, daß die
Geschichte dieses Ende gefunden habe und nicht er selbst
zu Stein wurde, denn oftmals bestraften die Geister jene,
die den Berdaches Gewalt antäten, mit dem Tode.

Sowohl die ethnologischen Beobachtungen von Forschungsreisen
als auch die Mythen und Erzählungen der
Indianer selbst beschreiben die Dominanz des sozialen
Geschlechts eines Menschen über das biologische und den
Vorrang der individuellen Vision vor der sozialen Rollenerwartung.
Die meisten Berdaches, von denen wir wissen,
gehen dementsprechend Partnerbeziehungen zu anderen
Männern ein, ohne daß diese Lebensgemeinschaften im
Selbstverständnis der Stämme als gleichgeschlechtliche betrachtet
würden. Denn die Berdache ist im sozialen, das
heißt im einzig relevanten Sinne, kein Mann.
Bei den Alëuten und den Kaniagmiut waren Ehen zwischen
Männern und Berdaches so selbstverständlich, daß
ein derartiges Paar, so berichtet William Dall aus Alaska,
einen Missionar bat, sie kirchlich zu trauen. Der Bräutigam
war der Stammeshäuptling, woraus wir schließen
können, daß eine derartige Verbindung dem sozialen
Ansehen in keiner Weise abträglich war. Eheschließungen
zwischen Männern und Berdaches werden von zahlreichen
anderen Stämmen Nordamerikas berichtet. Die
Zeremonien gleichen in der Regel denen gewöhnlicher
Paare.
Und der berühmte Siouxhäuptling Crazy Horse, der
eine von General Custer geführte Abteilung der US-Kavallerie
in einen Hinterhalt am Little-Bighorn-Fluß locken
und vollständig vernichten konnte, lebte nicht nur mit
seinen Frauen, sondern auch mit zwei Berdaches zusammen,
hielt diese Ehen aber geheim, weil er den europäi-
schen Invasoren keinen Grund für Hohn und Spott geben
wollte.
Nur in einer Gesellschaft, in der Frauen keinen geringeren
sozialen Status als Männer haben, kann es für den Mann
eine freie und von allen respektierte Wahl geben, Attribute
der weiblichen Geschlechterrolle zu übernehmen. Und
umgekehrt? Die Berichte von weiblichen Berdaches, nennen
wir sie der Unterscheidbarkeit halber »Amazonen«,
sind zwar selten, weil die überwiegend männlichen Berichterstatter
in dieser Beziehung wie in nahezu allen anderen,
die weibliche Identität betreffenden Fragen Frauen
einfach ignorieren, doch existieren sie. Das entscheidende
Hindernis für Europäer, diesen institutionalisierten Geschlechterrollenwechsel
zu verstehen, ist die tief in der europäischen
Kultur verwurzelte Misogynie.
Reden Europäer von Geschlechterrollen, so reden sie
vor allem von Hierarchien, von Überlegenheit und Unterordnung,
von Macht und Ohnmacht. Diese Hierarchien
entsprechen keiner natürlichen Ordnung, sondern sind
ebenso soziale Konstruktionen wie die für uns Europäer so
schockierenden Rollenkonzepte der Indianer.
Die Dichotomie zwischen männlicher Dominanz und
weiblicher Inferiorität spiegelt sich nicht nur in der politischen
Geschichte der Abendländer wider, sondern
durchzieht alle kulturellen Bereiche von der Religion über
die Wissenschaften bis zur Kunst. Auf welchem dieser
Schlachtfelder der Gegner auch gestellt wird, immer wird
versucht, ihm die Männlichkeit abzusprechen oder, wenn
möglich, handfest zu nehmen. Selbst die bereits Gefallenen
werden post mortem noch kastriert oder vergewaltigt.
Dabei handelt es sich keinesfalls um ein antikes Spektakel,
jede neue kriegerische Auseinandersetzung zwischen Männern
geht einher mit dieser atavistischen Entmännlichung,
das heißt Entmenschlichung des Gegners, dessen
erstes und naheliegendstes Opfer die Frau selbst und dann
der zur Frau degradierte Mann ist.
Das vernichtendste Attribut, das wir unserem Gegner
zusprechen können, ist »Effeminität«, das der Duden
zunächst mit »Verweichlichung«, dann mit »Verweiblichung
« übersetzt. Ein wesentlicher Teil unseres Normund
Wertesystems ist auf dieser Dichotomie männlichweiblich
aufgebaut. Da scheint es nur folgerichtig, wenn
das englische Wort »bad« laut dem Oxford English Dictionary
seine etymologischen Wurzeln im altenglischen
Begriff für »verweiblicht« hat.
Mike war acht Jahre alt, und sein Vater trainierte die
Mannschaft. Er erinnert sich an die Aufregung, die Ängste,
die Konfusion, all die gleichaltrigen Mitspieler mit den
gleichen grünen Mützen, die Bälle warfen und auffingen,
und sein schwitzender Vater, der brüllte, demonstrierte,
ermunterte, kritisierte, entmutigte.
Später, als Vater und Sohn gemeinsam heimfuhren,
bemerkte der Vater beiläufig, daß es zwei Jungen in der
Mannschaft gäbe, die den Ball wie Mädchen würfen, und
daß leider sein Sohn einer der beiden »Sissys« sei. Doch
bei nächster Gelegenheit, versprach er seinem Sohn, werde
er ihm helfen, diesen Makel zu korrigieren.
Selbstverständlich arbeitete der junge Mike hart, den
Ball korrekt, das heißt: wie ein Mann, zu werfen, auch
wenn ihm die Wurftechnik unnatürlich vorkam und sein
überdehnter Wurfarm und die Schulter zunehmend
schmerzten. Doch er biß die Zähne zusammen, denn so
ist es eben, wie Männer den Ball zu werfen haben.
Einige Jahre später, als Sportreporter, macht er eine
Umfrage unter Werfern der Major Baseball League, wer
von ihnen bereits in der Little League Werfer gewesen sei.
Die erstaunliche Antwort war: Niemand! Fast alle Little
League-Werfer hatten sich Sehnen und Gelenke für ihr
Leben ruiniert.
»Wie ein Mann zu werfen« ist in der Tat ein unnatürlicher
Akt, eine Technik, die wie die meisten Attribute der
»Männlichkeit« gelernt werden muß.
Hat nun der New Yorker Bürgermeister Giuliani mit
seinem Berdache-Auftritt vor seinen konservativen Parteigenossen
einen Beitrag zur Relativierung euro-amerikanischer
Geschlechterrollen geleistet? Das Entsetzen eines
Teils seiner Parteifreunde läßt eine derartige emanzipatorische
Tat vermuten. Andererseits hat ihm die Mehrheit
der Law- and -Order-Genossen stehend applaudiert. Wer
hat diesen Auftritt nun mißverstanden?
Die größte Provokation für die europäischen Eroberer
lag zweifellos in der Unverfrorenheit der entdeckten
Wilden, ihre eigene Geschlechterkonzeption für ebenso
selbstverständlich und natürlich wie die Abendländer die
ihre zu halten, obwohl erstere doch so offensichtlich der
Natur widersprach.
Andere Konzepte aber als gleichermaßen mögliche und
natürliche anzuerkennen, hätte bedeutet, der eigenen Ordnung
die wichtigste Legitimation zu rauben, daß sie als
einzige nämlich dem natürlichen oder göttlichen Plan
entspreche. Damit würde ja nicht allein die Hierarchie der
Geschlechter, sondern auch die aller anderen von ihrer
normativen Kraft geprägten Wertesysteme in Frage gestellt.
Selbstverständlich hat Giuliani nicht beabsichtigt, dieses
von ihm mitrepräsentierte System zu relativieren. Er
hat sich nicht in eine Art Drittes Geschlecht, nicht in eine
»vom Mond unterwiesene Halb-Mann-Halb-Frau« verwandelt.
Er hat sich mit einer Parodie, also Ridikülisierung
des für ihn einzigen anderen Geschlechts, das des
Nicht-Mannes, begnügt, welches stereotyper kaum hätte
auf die Bühne gebracht werden können.
Die Parodie konnte also gewagt werden, weil sie letztlich
die Festschreibung der herkömmlichen Geschlechterpolarität
dienen sollte. Daß diese Selbstinszenierung dennoch
ein ironisches Moment, eine Art Freudscher Fehlleistung
enthielt, ist wohl durch die alltägliche Fixierung
auf männliche Führungsqualitäten zu entschuldigen, wird
in Zukunft aber fraglos durch ein noch strammeres Vorzeigen
eben dieser Tugenden kompensiert werden.

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