aus: Dauergäste
Meine Mutter war bei
ihren Eltern, den Rodas, untergekommen, die in einem Apartmenthaus an Manhattans endlos
langer Westend Avenue wohnten. Sie führt auf der Westseite des Central Park, von der
Höhe des Broadway bis nach Harlem; auf der Höhe der 88. Straße, wo das Apartmenthaus
lag, war die Gegend nicht mehr besonders vornehm. Hauptsächlich jüdische Emigranten
wohnten in dem Haus. Mein Vater Uli lebte in Yorkville, dem deutschen Viertel auf der
gegenüberliegenden Seite des Central Park. Er wohnte dort in einer winzigen Mansarde in
Untermiete, während seine Eltern feudal in einem Hotel an der Parc Avenue residierten.
Die Geburtskliniken waren in diesen Jahren überfüllt, deshalb kam ich in einem Spital in
Harlem zur Welt. Hitlerdeutschland lag zwar zur Zeit meiner Geburt schon in den letzten
Zügen, das hinderte Uli nicht daran, mir in der Stunde der Entbindung vor einem Spiegel
mit einem Glas Wein zuzuprosten, auf daß ich ein guter Kämpfer gegen den Faschismus
werde.
Mein Großvater Roda hatte weiterreichende Pläne: als gebürtigem Amerikaner stünde
meiner künftigen Bewerbung um die US-Präsidentschaft nichts im Weg, wie er gelegentlich,
halb im Scherz, bemerkte. Doch die Vorstellung einer erfolgreichen Laufbahn seines Enkels
wird ihn ernsthaft beschäftigt haben. Er war ein versierter Stratege. Mit seiner
Schwester Mi hatte er ein Autorenduo gebildet, unzählige Geschichten, Anekdoten, Novellen
kamen aus ihrer Werkstatt. Die Geschwister Roda hatten sich den Autorennamen Roda Roda
gegeben, und nach der Heirat von Mi, die von ihrem Mann Schreibverbot erhielt, blieb
Alexander Roda bei dem Autorendoppelnamen, der seinen Ruhm als scharfzüngigen Satiriker
begründet hatte.
Den Grundstein für eine solide amerikanische Karriere legte er, indem er dafür sorgte,
daß ich protestantisch getauft wurde. Zur Patenschaft hatte sich George Grosz bereit
erklärt, Ulis langjähriger Freund und Saufkumpan, in dessen Berliner Atelier er
Vorzugsschüler gewesen war und der, bereits in den frühen Dreißigern in die USA
ausgewandert, zurückgezogen auf Long Island lebte. Der Umgang mit Grosz beschränkte sich
in New York zu Ulis heimlichem Ärger hauptsächlich auf den Austausch von Briefen, was
ihrem zeitgeschichtlich höchst interessanten Briefwechsel sehr bekam, Ulis Hunger nach
den gesellschaftlichen Kontakten von Grosz in der New Yorker Kunst- und Literaturszene
aber weitgehend ungestillt ließ. Bei der Taufe, sie fand in den Privaträumen eines
lutheranischen Pastors statt, ließ sich Grosz durch seine Frau vertreten; er hatte sich
angeblich bei einer Party den Fuß verstaucht.
Meine Mutter hatte beschlossen, daß ich Martin Roda heißen sollte. Daß Roda aber in
Wirklichkeit mehr war als nur ein zweiter Vorname, begriff ich früh. Roda war mein
eigentlicher Name, das Becher bloß Anhängsel. Ich hatte die blauen Augen der Rodas, die
Stupsnase - durch und durch ein Roda, übernahm ich mit der Muttermilch die latente
Gegnerschaft gegen die Bechers. Dana war eine überzeugte, ja glühende Roda, während die
Becher-Seite in Uli nur einen sehr lauen Vertreter hatte. Im Grunde mochte Uli seine
Eltern nicht, und sie wiederum hatten ein ziemlich reserviertes Verhältnis zu ihm. In
meinem zweiten Vornamen war also schon die Kampfansage an die Bechers enthalten: Mit mir
setze sich keineswegs die Bechersche Linie fort, nein, ich sei vielmehr der natürliche
Roda-Statthalter.
Rezension III01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche