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Farben im Wind
(Leseprobe aus: Farben im Wind, Roman, 2008,
Engelsdorfer Verlag).
Plötzlich war es da, dieses Gefühl. Es kam
ohne Vorwarnung und ohne Grund, einfach so. Wie eine tiefverwurzelte Sehnsucht
breitete sich diese Empfindung in ihr aus. Beinahe ekstatisch, einer Euphorie
gleich, spürte sie, dass sie wieder zuhause war.
Annaliesa schlenderte im Halbschatten der hohen Bäume die Leopoldstraße entlang,
vorbei an voll besetzten Straßencafés, Eisdielen und den vielen noblen
Boutiquen. An einem Tag wie diesem liebte sie München und wollte nie wieder
woanders sein. Im Grunde ihres Herzens war sie gerne zuhause. In München wurde
sie geboren, hier wuchs sie auf, hier hatte sie ihre Freunde. Doch dann gab es
Momente in denen sie sich fühlte, als wäre sie in San Francisco. Ein leises
Lächeln zauberte sich in ihr zart gebräuntes Gesicht. Sie liebte San Francisco
und sie fühlte sich dort fast ebenso daheim wie in München. Und das, obwohl sie
erst einmal dort gewesen war.
Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass jeder Mensch das Glück haben sollte,
sich in zwei Städten zuhause zu fühlen und sie zu lieben; seine Heimatstadt und
San Francisco.
Annaliesa hatte dieses Glück! Sie war nun endlich in der Lage gewesen, eine
Reise in die USA zu unternehmen. Jahrelang gab es irgendetwas, das sie davon
abhielt. Zuerst fehlte ihr das nötige Geld, denn sie studierte und konnte sich
keine größere Reise leisten. Dann war da Wolfgang, ihr Freund, mit dem sie seit
vier Jahren fest zusammen war. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit, denn
sie waren gemeinsam in einem Waisenhaus aufgewachsen und Wolfgang war dort so
etwas wie ihr großer Bruder. Er war 10 Jahre alt, als Annaliesa mit drei Jahren,
nach dem Tod ihrer Eltern, ins Waisenhaus kam. Es gab keine Verwandten, die sich
um sie kümmern konnten und so war sie ab diesem Zeitpunkt alleine. Ihr kleiner
Bruder Bernhard konnte zu einer Adoptionsfamilie vermittelt werden, aber für ein
Kind in ihrem Alter war es schwierig adoptionswillige Paare zu finden.
Heute waren Annaliesa und Wolfgang für alle Freunde und Bekannten so etwas wie
ein Traumpaar. Und tatsächlich hatten sie viele Gemeinsamkeiten. Beide waren
beruflich sehr ehrgeizig und erfolgreich, fuhren gerne zusammen Motorrad,
liebten beide schöne Autos und waren begeisterte Partygänger und Skifahrer. Nur
in einem Punkt waren sie sich nicht einig; Wolfgang weigerte sich zu verreisen!
Allerdings akzeptierte er, dass Annaliesa alleine in Urlaub fuhr, was sie jetzt
zum ersten Mal getan hatte. Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie sich das
nicht trauen würde. Aber es wollte ja niemand mit ihr fahren. Wolfgang sowieso
nicht, aber auch keine ihrer Freundinnen. Allen war es wichtiger, im Winter
einen Skiurlaub machen zu können, oder mit dem Motorrad durch die Gegend zu
brausen. Doch eine Reise in die USA war seit vielen Jahren ein Traum von ihr und
die Sehnsucht, dort hinzureisen, wurde immer größer. Und so plante sie ihre
Traumreise, ohne noch länger auf die kritischen
Äußerungen ihrer Freunde zu hören. USA? In diesen Zeiten wo das Land so
unpopulär war? Nein! Sie sollte lieber warten und später dort hinreisen, wurde
ihr immer wieder von den verschiedensten Seiten geraten.
„Warten? Worauf denn warten? Bis ich in Rente bin? Oder so alt, dass ich mich
nicht mehr alleine fortbewegen kann? - Ich will doch nicht ins Weiße Haus
einziehen, sondern mir lediglich das Land anschauen. Weit weg von dem Ort, an
dem Politik gemacht wird“, hatte sie geantwortet. Aber es schien zwecklos zu
sein. Sie stand nun einmal mit ihrem Wunsch, in die Vereinigten Staaten von
Amerika zu reisen, alleine da. Nur ihr Bruder Bernhard, mit dem sie seit 15
Jahren wieder Kontakt hatte, riet ihr zu. Leider hatte er keine Zeit, als
Annaliesa ihren Urlaub dafür bekam, sonst hätte er sie begleitet.
Recht spontan buchte Annaliesa schließlich eine Rundreise durch den Südwesten
der USA. Beginn und Ende der Rundreise war San Francisco. Für Annaliesa
bedeutete der Aufenthalt in San Francisco den Höhepunkt der Reise und so buchte
sie einfach eine Woche extra dort. Eine Verlängerung der Reise durch die Buchung
einer Anschlusswoche in New York, San Francisco oder Oahu wurde vom
Reiseveranstalter angeboten.
Nach dem Abschied von den Mitreisenden aus der Reisegruppe ging sie zum Pier 39,
wo wohl alle Touristen zuerst hin gingen. Als sie am Tag zuvor mit einigen
Leuten aus der Gruppe dort gewesen war, hatte sie ein Internetcafé entdeckt in
das sie nun wollte, um einigen ihrer Freunde zuhause einen elektronischen
Urlaubsgruß zu schicken. Danach schlenderte sie an den Piers entlang Richtung
Girardellis. Dabei kam sie an einer Kunstgalerie vorbei, deren ausgestellte
Bilder ihre Aufmerksamkeit erregten. Sie ging in den geräumigen, hübsch
ausgestatteten Ausstellungsraum und betrachtete einige der Bilder, die gut
platziert an den Wänden hingen. Durch die Türglocke auf Kundschaft aufmerksam
gemacht, kam der Besitzer Ken Marshall die Treppe vom ersten Stock
heruntergelaufen. Er begrüßte sie freundlich und fragte, ob er ihr behilflich
sein könne. Sie kamen ins Gespräch, unterhielten sich über die Bilder und die
Stadt und als Annaliesa ein Gemälde kaufte, auf dem der Strand von
Carmel zu sehen war fragte Ken sie, ob sie Lust hätte, ihm beim Mittagessen
Gesellschaft zu leisten. Annaliesa zögerte erst etwas. Doch da sie sich wirklich
gut unterhalten hatten und Ken ein sehr sympathischer Mann war, willigte sie
ein. Was sollte ihr schon in einem Restaurant mit diesem Fremden passieren? Wenn
er zudringlich wurde, konnte sie einfach gehen. Außerdem musste sie ja auch
irgendwann etwas essen und ein Einheimischer kannte sicherlich die besseren
Lokale.
„Was haben Sie für morgen geplant? Geht's weiter, oder bleiben Sie noch etwas in
der Stadt?”, fragte Ken beim gemeinsamen Lunch. Sie sprachen die ganze Zeit
Englisch und Ken bewunderte ihre perfekte Aussprache. Annaliesa selbst dachte so
manches mal, dass sie wohl einen rechten Kauderwelsch von sich gab und bemühte
sich daher noch intensiver, so korrekt wie möglich zu sprechen.
Sie erzählte, dass sie ihr Programm bereits beendet hätte und eine Woche später
von San Francisco aus nachhause fliegen wollte.
„San Francisco ist für mich der Höhepunkt dieser Reise und ich wollte auf gar
keinen Fall nur zwei Tage hier verbringen, wie das im Reiseprogramm vorgesehen
war“, erklärte Annaliesa. Ein Teil ihrer Gruppe war am Morgen nach Oahu
weitergeflogen und der andere Teil hatte die Heimreise angetreten. Annaliesa
erzählte Ken, dass sie schon als Kind nach San Francisco wollte. So viel hatte
sie darüber gelesen und die diversen Songs gehört und geliebt.
„Als ich 12 Jahre alt war musste ich plötzlich weinen, weil ich den Song von
Scott McKenzie im Radio hörte. Ich verspürte eine so große Sehnsucht nach dieser
Stadt, von der ich damals natürlich keinerlei Vorstellung hatte, dass es sich zu
einem meiner größten Wünsche entwickelte, einmal hierher zu kommen und in
zerrissenen Jeans durch die Straßen zu laufen”, erzählte Annaliesa lachend.
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