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Cold Water
(Leseprobe aus: Cold Water, Roman, 2008,
Schöffling&Co.
- Übertragung Sigrid Ruschmeier).
Mein Vater starb, als ich vierzehn war. Eines Abends kam
ich spät nach Hause und fand ihn; er saß reglos auf der Couch, die Augen hinter
der Brille waren offen, und ein voller Aschenbecher stand wackelig auf der
Sessellehne. Ich schaltete den zischenden Fernseher aus und setzte mich neben
meinen Vater. Ich war nicht traurig. Ich war erleichtert. Unseretwegen und
seinetwegen.
Kurz danach zogen mein Bruder Frank, meine Mutter und ich aus unserer kleinen
Doppelhaushälfte in Prestwich in eine kleine Doppelhaushälfte in Whitefield. Es
war eine elende Bude, ständig ein einziges Durcheinander. Der Fußboden im
Wohnzimmer war übersät mit Zeitungen und Klamotten; Kugelschreiber und aller
möglicher Krempel knirschten einem unter den Füßen, wenn man versuchte, zur
Couch zu kommen. Auf dem Couchtisch und der Fensterbank stapelten sich
teefleckige Becher und schmutzige Teller. Meine Mutter schob die Möbel immer so,
dass die Getränke- und Essensflecken auf dem Teppich verdeckt wurden. So, wie
die Wohnung aussähe, sagte sie immer, könne sie nie Leute einladen.
»Wen zum Beispiel?«, fragte ich dann.
»Freunde.«
»Was für Freunde?«
Und dann gab es Tränen. Besser gesagt, Schniefen. Ich habe es gehasst. Ihr
Weinen klang für mich immer wie Singen, das mich auf fiese Gedanken brachte, wie
zum Beispiel, dass mein Vater ihr einmal eine zu viel geknallt hatte. Die ganze
Zeit verhielt sie sich, als habe sie Angst. Und sie hatte etwas Verdrossenes,
Märtyrerhaftes, das ich nicht ertrug.
Ein einziges Mal, kurz nachdem wir eingezogen waren, kam tatsächlich eine
Freundin vorbei. Eine alte Freundin. Unangekündigt tauchte sie eines
Sonntagnachmittags auf. Frank war wie üblich nicht da, und meine Mutter und ich
schauten fern. Als es klingelte, öffnete meine Mutter in ihrem alten,
verwaschenen Morgenmantel die Tür.
Sie machte drei Tassen Kaffee und brachte sie auf einem Tablett mit einer halben
Rolle Vollkornkeksen. Da auf dem Tisch kein Platz war, stellte sie das Tablett
auf den Boden. Die Frau – Sandie? Liz? – hockte auf der Sesselkante, nippte mit
unverhohlenem Widerwillen an ihrem Pulverkaffee, beglückte uns mit einer kurzen
Darstellung ihres Lebenswerks und sagte, sie habe noch nie etwas für diese
blitzblanken Wohnungen übriggehabt, in denen man sich nichts anzufassen traue.
Meine Mutter verzog keine Miene, und ich saß am anderen Ende der Couch und
schaute träge vor mich hin. Wir waren vereint in einer Art grimmigem
Exhibitionismus. Dachte ich. Die Frau ging, und bis zum Abend des nächsten Tages
wurde kein Wort darüber verloren. Doch als ich dann meine Mutter bei der Arbeit
anrief, fiel sie über mich her. Sagte, ich hätte sie blamiert. Sagte, sie hätte
den ganzen Tag im Büro geweint. Als ich aufgelegt hatte, blieb ich ein paar
Sekunden lang stockstill sitzen, bevor ich aufsprang und hoch in mein Zimmer
lief. Dort riss ich die Spiegeltür aus meinem Schrank und warf sie die Treppe
hinunter. Ohne zu zerbrechen, schlug sie unten gegen die Haustürscheibe, die
lauter Sprünge bekam. Als ich hinterherging, trat ich gegen die Geländerpfosten.
Der letzte knirschte und zerbrach, Splitter flogen umher. Ich bedauerte mein
Verhalten sofort und ging nach draußen, um dort auf die Rückkehr meiner Mutter
zu warten. Dabei schob ich die eiskalte Tür vorsichtig auf, damit keine
Glasscherben auf die Treppenstufe fielen, und schloss sie hinter mir. Im
Mondlicht glitzerten die Risse in der Scheibe wie ein Spinnennetz. Zitternd
setzte ich mich auf den Bürgersteig.
Es war klirrend kalt, doch weiter oben in der Straße spielten noch ein paar
Jungen Fußball, und eine Gruppe Mädchen wartete an der Bushaltestelle. Im
Rinnstein lag Müll, und in den Ritzen der kaputten Bordsteine war noch hoher
ausgefranster Löwenzahn. Ich stützte mich mit den Handballen auf den Bordstein,
und der Splitt grub sich in meine Handflächen.
Über all das habe ich mit Tony geredet. Er verhielt sich bei Streit in der
Familie völlig anders. Wenn sein Vater loslegte, ging er weg und setzte sich in
den Schuppen.
»Da war ich König«, sagte er. »Ich hatte ein Verlängerungskabel, einen
Schwarz-Weiß-Fernseher und einen Sessel. Ich habe dort gesessen und geraucht und
nachgedacht.«
So war Tony, ich konnte nicht genug davon kriegen. Wenn ich mit ihm zusammen
war, wurde ich rührselig. Wenn Sie sich das vorstellen können. Wenn es nicht zu
grotesk klingt. Ich hatte keine Hemmungen. Ich sagte ihm, er sei wie ein Traum,
aus dem man nicht erwachen will. Er sehe so gut aus, dass es an schwere
Körperverletzung grenze. Es war die reine Wahrheit. Einmal lagen wir im Bett,
hatten die Beine umeinander geschlungen, und Tony hatte die Arme um mich gelegt.
Er fragte, ob ich bequem läge, und ich sagte ja, und er sagte, gut, und dann
sagte ich: »Wenn du mich in die Arme nimmst, ist mir alles andere auf der Welt
egal.« Halb bedauerte ich meine Worte. Doch er erwiderte: »Schön zu hören« und
umschlang mich fester, und ich fühlte mich nicht mehr ganz so dumm. Er wohnte in
einer kleinen Wohnung in Levenshulme. Er hatte kein Licht am Bett, sondern nahm
immer ein Hemd vom Boden auf und hängte es über den Weidenlampenschirm an der
Decke, damit es nicht so hell war.
Ich sehe es vor mir, wie beim ersten Mal.
Links neben der Tür zur Bar hängt ein kleines Holzkästchen an der Wand. Hinter
der staubverschmierten Scheibe sieht man ein halbes Dutzend alter Fotos aus dem
Innern der Bar, die über die Jahre einen komisch aquamarinblauen Ton angenommen
haben. Die Barfrauen, die schon lange nicht mehr hier arbeiten, lächeln mit
gelben Zähnen und grünlicher Haut schüchtern in die Kamera. Und obwohl wir seit
Ewigkeiten kein Essen mehr anbieten, hängt auch noch eine gezeichnete
Speisekarte in dem Kästchen.
Seit Beginn des Jahres kam ein paar Monate lang spätnachts immer ein
klapperdürrer, alter Kerl. Die Hosen trug er bis unter die Arme mit einem Gürtel
festgezurrt. Wenn er lächelte, kriegte er Lachfältchen um die Augen. Doch meist
lächelte er nicht, meist waren die Schotten dicht. Wenn andere Gäste ihm was zu
trinken spendierten, hielt er Volksreden. Einmal lehnte er sich um zwei Uhr
nachts auf die alte Essensdurchreiche und rief: »Stornier den Cheeseburger!« Ich
hatte keine Eile, ihn rauszuschmeißen, doch Bob, der Türsteher, fasste ihn mit
allem Respekt am Ellenbogen und führte ihn die Treppe hinauf. Als Bob wieder
herunterkam, erzählte er, der Typ sei vor Jahren Snooker-Weltmeister gewesen und
auch so was wie ein großer Einzelkämpfer. Jetzt hänge er in einem Club in
Cheetham Hill rum, schlafe dort auf den Bänken und spiele um Geld für Bier.
Das geht ja noch, finde ich; was ich allerdings nicht ausstehen kann, ist, wenn
Leute wie er andere unbedingt zu Komplizen ihrer Lebenslüge machen müssen, wenn
sie Publikum brauchen, um endlos zu schwadronieren, oder jemanden, den sie
rumschubsen können. Die Dreistigkeit, mit der sie sich ihre Opfer suchen, ist
unfassbar, mir jedenfalls unerklärlich. Mein Vater hat meine Mutter in seiner
eigenen Kaputtheit gefangen gehalten, in den vier Wänden. Wänden und Fußböden.
Meine Mutter krümmte sich auf dem Fußboden. Klar, jede Beziehung bringt andere
Seiten in den Beteiligten hervor, selten zu ihrem Besten. Wenige Menschen wollen
einen wirklich kennenlernen. Ich bin inzwischen so weit, dass ich zu allem
Abstand halte. Die warme Flut der Dinge an mir ablaufen lasse.
Tony hat Anfang September mit mir Schluss gemacht. Er saß auf seiner Bettkante,
kratzte sich im Nacken, starrte auf den Fußboden, und ich wusste, was kommen
würde. Unter anderem sagte er: »Du scheinst nicht gerade der glücklichste Mensch
zu sein . . . Was ich, ehrlich gesagt, ein bisschen anstrengend finde.«
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Schöffling