Zuckerstücke von Stefan Riebel, 2002, Literareon

Stefan Riebel

endstation
(aus: Zuckerstücke, Gedichte, 2002, Literareon)

und angekommen in diesem seelenverblichenem ort, wo die landstraße zu einem sandweg sich verläuft und vom rost zernagte metallskelette aus dem dunst des staubes im gelblich gedimmten flimmerlicht verschwimmen, durchgrabe ich ungeduldig meine tief schwarzen manteltaschen bis ich endlich mit bebenden fingern ein tief zerknittertes papierröllchen, das eine süßliche tabakmischung umhüllt, herausfische und mir begierig zwischen die aufgesprungenen lippen klemme während fast reflexartig die unruhigen hände wieder in die taschen zurückwandern um nach dem vergilbten plastefeuerzeug zu kämmen mit dem ich im selben moment das röllchen in meinem mundwinkel entzünde.
ein tiefes, ausfüllendes ziehen durchströmt den rastlosen körper und wie ein beruhigendes wort balsamiert mich das erschöpfte zusammensacken meiner gedanken beim langsam ausfließenden, in sich verspielten, tief grau-grünen wolkenmeer.
lasse mich in staub fallen und starre in die tanzend erleuchtete himmelsweite.
blonde strähnen durchschlagen meine harmonie, und ein weiterer zug von dem glimmenden stengel beim versuch mich aufzurichten zieht wie ein rostiger stacheldraht in meine lunge, und ich spüre einen flüssig süßen geschmack durch die zähne sickern als ich in den sand zurücksinke und aus kraftlosigkeit die müden augen schließe.
als ich dann das sanfte entgleiten der zigarette bemerke und einen leisen atemzug an meinem ohr spüre, fühle ich noch die augen vergeblich nach meinen blicken suchen, die hände über meinen tauben körper schweben und das reine rot über meine verschmierten wangen kriechen.
spüre noch die sanften lippen und sehen kann ich schon.
sehe mich in meinem traum liegen, liebend in der staubigen stille am rande der wüste.

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