Ich bin hier bloß das Kind von Jutta Richter, 2016, HanserJutta Richter

Ich bin hier bloß das Kind
(Leseprobe aus: Ich bin hier bloß das Kind, Prosa, 2016, Hanser, mit Bildern von Hildegard Müller).

Ich heiße Hanna und bin hier bloß das Kind.

Eigentlich heiße ich ja Johanna Maria Magdalena

Knispel. Aber das sagt natürlich keiner.

Seit ein paar Wochen wohnen wir im Mühlenweg

Es ist schön hier, und ich werde bestimmt nie

mehr ausziehen.

Mama hat gesagt, dass Kinder immer irgendwann

ausziehen. Mama hat gesagt, das ist

eben so. Kinder werden groß, und dann ziehen

sie in die Welt. Wart’s nur ab, hat Mama gesagt,

du wirst schon sehen.

Dazu hat Mama ihr Ich-weiß-es-aber-Gesicht

gemacht. Hochgezogene Augenbrauen,

schwarze Kulleraugen und den Mund gespitzt.

Also, wenn ihr darauf reinfallt, meinetwe8

gen, ich nicht. Ich weiß genau, dass Mama sich

irrt.

Denn erstens werde ich nie groß, und zweitens

will ich nicht in die Welt ziehen, höchstens

in den Ferien mal und allerhöchstens für drei

Wochen.

Es ist nämlich so schön hier im neuen Haus.

Ich habe zwei Zimmer: ein Spielzimmer und

ein Schlafzimmer. Glaubt ihr nicht? Tja, hab

ich zuerst auch nicht geglaubt.

Die schicken mich ja immer sehr früh ins Bett

wegen Schule und so. Irgendwann gegen elf

bin ich wach geworden. Großes Geschrei im

Wohnzimmer.

Mama schreit: »Hier, das isses, das habe ich

immer gesucht!«

»Du spinnst«, sagt Eberhard. »Das ist ’ne

Bruchbude, Baujahr 1748! Vergiss es!«

(...)

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