Hinter dem Bahnhof
liegt das Meer
(Leseprobe aus: Hinter dem
Bahnhof liegt das Meer, 2001, Hanser)
Es gibt auch gute
Tage.
Das sind die Markttage, an denen die Händler zum Schluss ihre Waren umsonst verteilen.
Eine Kiste überreifer Erdbeeren. Oder die Bananen mit braunen Flecken. Und dann gibt es
auch noch die letzten kalten Rostbratwürste vom Grill und dazu trockenes Brot.
An den guten Tagen sitzen Kosmos und Neuner abends am Fluss. Sie sitzen da, wo der
Sandstrand
ist, da, wo die kleinen Feuer brennen. Treibholzfeuer. Etwas weiter weg sitzen die andern.
Glatzenpeer und Mundharmonikajonny, die rote Ilse und Hein Schoop mit dem Glasauge. Aber
mit denen will Kosmos nichts zu tun haben. Das sind die Penner, die Kampftrinker, die
Brückenschläfer, die Strandpiraten.
"Da gehör'n wir nicht zu, Neuner. Wir nicht!", sagt Kosmos.
Zwischen ihnen steht die Kiste mit den überreifen Erdbeeren. Und die Plastiktüten liegen
da. Zwei Plastiktüten, prallvoll mit allem, was Kosmos gehört. Kosmos hütet die Tüten
wie seinen Augapfel. Niemand darf hineinschauen, auch Neuner nicht.
"Pfoten weg, Kleiner!", sagt Kosmos. "Das ist Privateigentum!"
Und Neuner bewundert Kosmos, weil der schon erwachsen ist und weil er eine
Red-Socks-Baseballkappe trägt und weil er immer durchkommt, so oder so.
Kosmos ist stark.
Kosmos kennt sich aus.
Auf Kosmos kann man sich verlassen, obwohl man ihm das nicht ansieht, denn er ist ein
bisschen zu dünn und zu klein geraten.
Nur die Augen nicht. Seine Augen sind groß und schwarz und weise, ein bisschen wie
Krähenaugen, und wenn er wütend ist, kann Kosmos mit diesen Augen Blitze abschicken,
dann traut sich niemand, ihn anzufassen. Auch Glatzenpeer nicht.
Kosmos ist schon immer unterwegs. Wenigstens sagt er das.
Und eigentlich kann Neuner sich auch gar nichts anderes vorstellen.
Kosmos weiß alles.
Kosmos ist eben Kosmos.
Bei Neuner ist das anders. Neuner ist erst neun.
Neuner hat meistens kalte Füße.
Neuner duckt sich weg.
Das Einzige, was Neuner gut kann, ist balancieren, balancieren und klettern. Neuner ist
ein Fassadenkletterer.
Das hat er geübt. Früher, vor einer Woche noch.
Mama hat immer das Fenster offen gelassen, heimlich, die ganze Nacht lang hat sie das
Fenster offen gelassen. Damit Neuner einsteigen konnte, wenn alle schliefen.
"Du musst ihm aus dem Weg gehen", hat Mama gesagt. "Am besten, du kommst
erst nachts. Nachts schläft er, dann kann er dir nichts tun. Ich lass das Fenster
auf", hat Mama gesagt. "Ich stell dir dein Essen auf den Küchentisch. Und du
musst leise sein, verstehst du? Mach dich einfach unsichtbar, dann passiert dir
nichts."
Aber dann ist Mama was passiert und sie haben sie weggebracht mit dem Blaulichtwagen.
Und jetzt ist das Fenster zu. Neuner kommt nicht mehr rein. Und das Essen steht auch nicht
mehr auf dem Küchentisch. Schon acht Tage nicht mehr.
Da war Neuner zum ersten Mal ganz
allein. Ganz allein auf der Straße, ganz allein in der Stadt, auch nachts. Und hätte er
Kosmos nicht getroffen, er hätte keine Chance gehabt.
"Du kuckst wie einer, der abgehauen ist, und du gehst wie einer, der erwischt werden
will."
"Woher willst'n das wissen?"
"Und wenn dich einer von hinten anquatscht, darfst du nicht zusammenzucken. Man dreht
sich langsam um. Und jetzt lass mich in Ruhe!"
Und dann war Kosmos weitergegangen. Aber nach zehn Schritten war Neuner hinterhergelaufen.
"Warte doch! Warte auf mich! Wo willst du denn hin?"
Und Kosmos hatte so getan, als würde er nichts hören.
"Ich will ans Meer!"
Und Kosmos hatte immer noch so getan, als würde er nichts hören.
"Am Meer ist es warm!", hatte Neuner gerufen. "Am Meer ist Sommer. Am Meer
gibt es Häuser, die stehen leer... wir könnten zusammen ans Meer..."
Plötzlich war Kosmos stehen geblieben und sah aus wie einer, der genau weiß, wie man ans
Meer kommt.
"Zusammen ans Meer...?"
"Ja, zusammen, wir beide. Ich bin Neuner", hatte Neuner gesagt und gekeucht und
Kosmos die Hand hingehalten.
Da hatte Kosmos eingeschlagen und "Kosmos" gesagt.
"Ich bin Kosmos."
An den guten Tagen sitzen Kosmos
und Neuner abends am Fluss. Hinter ihnen ist die Uferböschung und dahinter die hohe
Stützmauer. Oben liegen die Gärten mit den Goldfischteichen und in den Gärten stehen
die weißen Villen mit den Alarmanlagen und den Säulen und den großen Terrassen, die
immer ganz leer und verwaist aussehen, weil da nie jemand ist am Abend. Auch nicht im
Sommer.
An den guten Tagen sitzen Kosmos und Neuner abends am Fluss und manchmal fährt eine
Barkasse vorbei, weil der Fluss hier schon ganz breit ist und eine Fahrrinne hat in der
Mitte.
Und Kosmos und Neuner reden übers Meer und über die Reise und wann sie anfängt.
"Man muss alles genau planen", sagt Kosmos. "Was gut geplant ist, geht auch
gut aus."
"Wie, glaubst du, ist das Meer? Ist es blau oder ist es grün?", fragt Neuner.
"Blau natürlich. Es ist ganz blau, schließlich spiegelt sich der Himmel drin."
"Wie, glaubst du, schmeckt das Meer? Schmeckt es süß oder schmeckt es
salzig?", fragt Neuner.
"Salzig natürlich. Es schmeckt ganz salzig, schließlich schwimmen Fische nicht in
Zuckerwasser."
"Und wie, glaubst du, riecht das Meer?", fragt Neuner.
"Nach Fisch natürlich und nach Teer und nach Tang."
Und dann kucken sie auf den Fluss und träumen ein bisschen vom Meer, und wenn Neuner die
Augen zumacht, dann sieht er es. Dann sieht er die großen Wellen, die an den Strand
klatschen mit den weißen Schaumkronen. Und er kann sogar die Möwen schreien hören...
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