Der Tag, als ich lernte Spinnen zu zähmen - Jutta Richter, Hanser-VerlagJutta Richter

Der Tag, als ich lernte Spinnen zu zähmen
(Leseprobe aus: Der Tag, als ich lernte Spinnen zu zähmen, Erz., 2000, Hanser)

Es wäre alles für immer so geblieben, wenn nicht Rainer in unser Haus gezogen wäre.
Rainer war etwas älter als ich und mit doofen Weibern hatte er eigentlich nichts am Hut. Ich hatte Glück, dass ich noch nicht zu den doofen Weibern gehörte. Die waren mindestens ein Jahr älter, kamen immer zu zweit und kicherten.
"Na, Meechen", sagte Rainer, als ich mit dem Kartoffeltopf durchs Treppenhaus schlich. "Haste Angst?"
Ich schluckte, und Rainer fragte: "Wovor?"
Und da erzählte ich ihm von der Kellerkatze. Er hörte zu und grinste nicht. Er schüttelte nicht mal den Kopf. Er hörte einfach nur zu und nickte dann, so, als ob da, wo er herkam, die Kellerkatzen sogar in den Küchen wohnten.
"Willste sehen?", fragte ich.
"Na klar", sagte Rainer. Er zog den Spielzeugcolt mit den Knallblättchen aus dem Hosenbund und ging ein bisschen breitbeinig wie der Sheriff im Western. Das sah etwas bescheuert aus. Aber mir war nur wichtig, er ging vor.
Ich hatte das Gefühl, er könnte mich vor der Kellerkatze beschützen. Und ich wusste, sie saß da und wartete auf uns.
Wir öffneten leise die schwere Eisentür und schlichen mit angehaltenem Atem die Treppenstufen hinunter. Ich blieb dicht hinter Rainer, so dicht, dass ich ihn riechen konnte.
Er roch nach Lehm und Wiese und nach Knallplättchen. Ein bisschen sauer und ein bisschen süß, und ich konnte ihm vertrauen.
"Beweg dich nicht!", flüsterte er. "Da sitzt sie!"
Er zeigte mit dem Spielzeugcolt in Richtung Bettgestell.
"Wahnsinn! So eine große hab ich noch nie gesehen! Das ist die größte Kellerkatze der Welt!"
"Und jetzt?", fragte ich.
Rainer zeigte auf das Kellerfenster.
"Schleich dich da rüber und mach es auf", flüsterte er. "Aber lass die Katze nicht aus den Augen!"
Mein Herz tat einen Sprung, fast hätte ich mich nicht getraut, aber dann sah ich ihn an und wollte kein Angsthase sein. Ich schlich vorsichtig auf das Fenster zu und schob langsam den Riegel nach unten. Die Kellerkatze war höchstens einen Meter von mir entfernt.
"Wenn ich losballere, musst du schreien!", zischte Rainer mir zu. "So laut du kannst!"
Ich hörte, wie er mit einem Klick den Colt entsicherte.
"Jetzt!"
Und dann knallte es und ich schrie und ich schrie und es knallte.
Und die Kellerkatze jaulte auf und floh mit
hoch aufgerecktem Schwanz Richtung Kellerfenster.
Sie prallte gegen das Gitter, rutschte ab, nahm einen neuen Anlauf und verschwand dann fauchend im Hinterhof.
"Na, bitte!", sagte Rainer und grinste. "Haste noch Angst, Meechen?"
"Wovor?", grinste ich zurück.
"Eben", sagte Rainer. Und ab da waren wir Freunde.

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